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Brief (03-10095)

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Graz d. 28. 6. 75.

Verertester Herr College!

Ire antwort, welche ich eben erhalte, hat mich ganz außerordentlich erfreut und wird auf die collegen die selbe wirkung üben. Wenn das ministerium unseren intentionen folgt, so verspreche ich mir für die nächsten jare ein schönes zusammenwirken der philologischen professoren. Wir haben eben vor einigen wochen die vorschläge für die prof. f. class. phil. gemacht (Dilthey,1 Riese,2 Wilh. Wagner3),4 für deutsch ist Schönbach5 hier, und wenn wir Sie nun her bekämen, wären wir auch für das romanische trefflich versorgt.

Ich will nun, so gut ich kann, Iren wünschen hinsichtlich der auskunft über die hiesigen verhältnisse nach kommen. Das normalgehalt des ordinarius ist 1800 fl. + 480 fl. activitätszulage (letztere fällt bei der pensionierung weg), es steigt alle 5 jare um 200 fl. ('quinquennalzulage'), nach 20 jaren hat man anspruch auf pensionierung mit vollem gehalte (2800 fl.). Ich zweifele nicht, dass es uns gelingen wird für Sie etwas mer von vorn herein zu erwirken, denn ich werde alle zu gebote stehenden hebel ein setzen um Ire berufung durch zu setzen. Die berufung eines Deutschen hat beim kaiser immer mit schwierigkeiten zu kämpfen, dis mal ist glücklicherweise gar kein Österreicher vorhanden, der nur entfernt für die stelle in betracht kommen könnte, so daß ich guten mutes bin. Ferner ist für die pecuniären verhältnisse in anschlag zu bringen, daß das ministerium einen einmal herein berufenen ser ungern wider gehen läßt und, im falle diser einen ruf nach Deutschland zurück erhält, alles tut um in zu halten. Sie können rechnen beim ersten derartigen rufe 1000 fl. an gehalt zu gewinnen. Ferner würden Sie als mitglid der prüfungskommission, wozu Sie sofort ernannt werden würden, noch einige einnamen haben. Die collegiengelder kommen allerdings kaum in betracht, da wir den meisten philologen wegen armut das honorar (1 fl. per stunde) ganz erlaßen, ich habe z.b. in diesem semester als honorar von 24 zuhörern für ein fünfstündiges colleg 30 fl.

Der hereinberufene Deutsche hat hier eine ser angeneme stellung. Er bringt von vornherein einen nimbus mit, der im bleibt, wenn er in nicht selbst zerstört. Das ministerium behandelt den Deutschen ganz anders als den geborenen Österreicher, weil er eine eigenschaft zu haben pflegt, welche dem letzteren durchweg felt, mut und energie. Die collegialischen verhältnisse, speziell in unserer fakultät sind ausgezeichnet. Von den scandälern, welche draußen fast überall herrschen, hat man hier keine anung. Auch wird man von dem Austriacismus hier gar nicht belästigt, da die große merzal der collegen aufrichtige freunde Deutschlands sind (wir sind bis jetzt 5 aus Deutschland hereinberufene, von denen allerdings einer als ultramontaner uns wenig ere macht, er ist der einzige diser farbe im collegium).6

In der wal des geselligen umgangs ist man hier völlig frei, ein zwang mit allen professoren zu verkeren besteht gar nicht. Speziell Sie als junggeselle können Iren umgang suchen so und wie es Inen behagt und culturgeschichtliche studien in den kreisen der höchsten aristocratie machen. Man nimmt das leben leicht wie überall in Österreich.

Die preise der lebensbedürfnisse werden hier etwa die selben sein wie in gleich großen stätten Deutschlands. Graz hat 80-90,000 einwoner, zwei teater, concerte die hülle und fülle, kurz an vergnügungen für den, der sie sucht, keinen mangel. Eine wonung von 3 zimmern in guter lage werden Sie für järlich 150-200 fl. finden (oft! unmöbliert).

Das studentenmaterial ist nach den nationalitäten ser bunt, Deutsche, Süd-Slawen und italienische Dalmatiner stellen das hauptkontingent, alle aber stimmen darin überein, dass ir höchstes zil das examen ist, welches die hälfte von inen gar nicht erreicht. Wissenschaftliche bedürfnisse haben die leute fast nie. Sie lernen ire hefte und handbücher auswendig, und damit basta. Selten findet man einen, der weiterer einwirkung des docenten zugänglich ist. Wenn man Inen aber, wie wir beantragen werden, ein seminar errichtet, dann können Sie sich einige leute heran ziehen, wie ich es jetzt versuche. Freilich, jemand so weit zu bringen, daß er selbstständig weiter arbeiten kann, ist bei der großen armut der studenten, welche fast alle privatstunden geben, nicht leicht.

Die gegend ist herrlich, unmittelbar an der statt beginnen wald und gebirge, das klima ser angenem, freilich strenger winter wie überall in den alpen, aber ser warmer sommer, der durch die häufigen gewitter alles drückende verliert.

Ich zweifele nicht, daß es Inen ser gut hier gefallen wird. Einen hauptvorzug hätte ich bald vergeßen, nämlich die reichliche muße, welche man hier für wissenschaftliche arbeiten hat. Der ordinarius ist nur zu 5 stunden vorlesungen per sem. verpflichtet. Die bibliothek ist recht schlecht, doch wird man Inen auf Iren antrag gern einige tausend fl. zu anschaffungen für Ir fach bewilligen, wie man es mir getan hat. Eine darauf bezügliche bedingung dem ministerium von vorn herein zu stellen halte ich aber nicht für zweckmäßig und für unnötig, da wir das von hier aus machen können.

Schließlich bitte ich noch um entschuldigung dafür, daß ich Iren freundlichen brief von vorigen sommer nicht beantwortet habe. Die vollendung des zweiten bandes meines vocalismus,7 von dem ich eben den letzten bogen des registers zur correctur erhalten habe, beschäftigte mich so ser, daß ich die antwort verbummelt habe. Verloren haben Sie nichts dadurch, denn ich konnte Inen nichts wesentliches zu Iren ausgedenten sammlungen hinzu fügen.

Also, sein Sie versichert, daß ich alles tun werde und von anderen tun laßen werde, welche im ministerium beziehungen haben, um Ire berufung durch zu setzen. Sobald unser vorschlag erstattet sein wird berichte ich Inen darüber. Wir würden uns unendlich freuen Sie zu gewinnen.

In aufrichtigster hochachtung Ir ergebenster Johannes Schmidt.


[1] Wahrscheinlich ist Karl Dilthey (1839-1907) gemeint, klassischer Philologe und Archäologe, Bruder des Philosophen Wilhelm Dilthey (1833-1911). Im Nachlass Karl Diltheys befinden sich 9 Briefe von Johannes Schmidt aus den Jahren 1875-1881. Dilthey war zu diesem Zeitpunkt Professor für klassischen Philologie und Archäologie in Zürich. 1878 wechselte er nach Göttingen.

[2] Möglicherweise handelt es sich um den Altphilologen Friedrich Alexander Riese (1840-1924), der zu diesem Zeitpunkt Professor am Gymnasium in Frankfurt a. M. war.

[3] Möglicherweise ist der Philologe Wilhelm Wagner (1843-1880) gemeint.

[4] Tatsächlich wurde 1875 keiner von den genannten, sondern Otto Keller (1838-1927) als Nachfolger von Wilhelm Kergel (1822-1891) auf den Lehrstuhl für klassische Philologie nach Graz berufen. Keller blieb bis 1881 und wechselte dann mach Prag. Im Nachlass Schuchardts befinden sich 7 Schreiben Kellers aus den Jahren 1880-1918 (Bibl. Nr. 05497-05503).

[5] Der Germanist Anton Emanuel Schönbach (1848-1911) wurde 1873 außerordentlicher Professor in Graz, 1878 Ordninarius. Im Nachlass Schuchardts befinden sich 31 Schreiben von Schönbach aus den Jahren 1877-1911 (Bibl. Nr. 10146-10176).

[6] Es ist nicht klar, auf wen Schmidt hier anspielt.

[7] Vgl. Schmidt (1875).