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Brief (01-10093)

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Graz d. 14 April 1874.

Verertester Herr College!

Als ich auf der Leipziger philologenversammlung1 meinen dann als eigene kleine schrift gedruckten vortrag über die verwantschaftsverhältnisse der indogermanischen sprachen hielt,2 teilten Sie mir mit, daß Sie zu ganz analogen resultaten über die verhältnisse der romanischen sprachen zu einander gekommen wären und dise in einem vortrage3 entwickelt hätten. Sie würden mich nun außerordentlich verbinden, wenn Sie die güte hätten mir an zu geben, wo diser vortrag gedruckt ist, und etwaige andere von Inen oder anderen über die verwantschaftsverhältnisse der romanischen sprachen veröffentlichte untersuchungen noch zu weisen. Da meine studien sich gegenwärtig vornemlich auf dem gebiete der nordeuropäischen sprachen bewegen, habe ich die neuere romanistische litteratur nicht verfolgt. Es würde mir aber ser erwünscht sein, wenn ich mich auf die von Inen mündlich mitgeteilten resultate im zweiten gegenwärtig unter der presse befindlichen bande des vocalismus, welcher den stammbaum der slawischen sprachen einer kritik unterzieht,4 berufen könnte. Schließlich bitte ich noch, da mir der setzer auf den fersen ist, um möglichst baldige beantwortung meiner frage, durch welche Sie mich zu großem danke verpflichten würden.

Mit vorzüglicher hochachtung Ir ganz ergebenster Johannes Schmidt.


[1] Die 28. Versammlung deutscher Schulmänner und Philologen vom 22. bis 25.05.1872 war die erste im neugegründeten Kaiserreich nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 (vgl. die Kongressakten, [o. A.] 1873). Laut Kongressakten hielt Schmidt in der Sektion für indogermanische Sprachwissenschaft seinen Vortrag unter dem Titel „Ueber die Theilung des indogermanischen Sprachstammes in enger verbundene Einzelgruppen“ ([o. A.] 1873: 220-221). In den Verhandlungen der deutsch-romanischen Sektion hielt Schuchardt einen Vortrag unter dem Titel „Ueber die syntaktischen Modifikationen anlautender Consonanten im Mittel- und Süditalienischen“ (vgl. die Zusammenfassung in [o. A.] 1873: 208). Über den Namen der Sektion wurde während ihres Stattfindens diskutiert: Schuchardt plädierte gegen ihre Benennung in „germanistisch-romanistische Sektion“ (die zuvor „germanistische Sektion“ hieß und erst im Laufe der Versammlung umbenannt wurde) und schlug stattdessen „germanoromanische“ Sektion vor ([o. A.] 1873: 209), sein Vorschlag wurde aber abgelehnt.

[2] Schmidts Vortrag erschien gedruckt als Die Verwantschaftsverhältnisse der indogermanischen Sprachen (Schmidt 1872).

[3] Schuchardt bezog sich mit Sicherheit auf seine 1870 in Leipzig gehaltene Probevorlesung Über die Klassifikation der romanischen Mundarten (gedruckt erschienen erst 30 Jahre später, vgl. Schuchardt 1900).

[4] Diese Kritik findet sich in Zur Geschichte des indogermanischen Vocalismus. Zweite Abteilung (Schmidt 1875: 178-201). Sie mündet in einer allgemeinen Auseinandersetzung mit dem Stammbaummodell und bezieht daher auch Belege über andere Verwandtschaftsverhältnisse mit ein. Für die romanischen Sprachen beruft sich Schmidt auf Schuchardt und zitiert dazu aus dem dritten Band des Vokalismus des Vulgärlateins (Schuchardt 1868). Außerdem verweist er auf Schuchardts Habilitationsvorlesung sowie auf einen Artikel Schuchardts in der Romania,in dem dieser in einer Fußnote schreibt: „Dans la leçon d’ouverture de mon cours de 1870 à Leipzig, j’ai essayé de démontrer qu’il est impossible d’établir une classification des langues romanes, et que leurs rapports historiques ne se laissent pas représenter par l’image d’un arbre généalogique“ (Schuchardt 1874: 9). Zu Beginn dieses Artikels weist Schuchardt wiederum darauf hin, dass er beabsichtigt hätte, seinen auf der Leipziger Philologentagung gehaltenen Vortrag „sorgfältig zu überarbeiten“, dass er aber darauf verzichtet habe, weil er sich außer Stande sehe, zu diesem Thema eine abschließende Arbeit zu liefern.