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Brief (30-s-n)

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Graz 23 Dez. 94.

 

Lieber Gurlitt!

Heute früh erhielt ich einen Brief von Farinelli[1]; der arme Kerl ist ganz niedergeschlagen. Er will sich nicht weiter bemühen; auch von Campi hat er keine Ermutigung bekommen, d.h. nicht einmal eine Antwort auf einen Brief, „alla quale avrebbe risposto un morto“. Meine ganze Erbitterung über den Fakultätsbeschluss und dessen frivole Veranlassung ist von Neuem entfacht worden. - Wenn Etwas durch Indiskretion aus der Fakultät herauskommt, so kann sich diese, wie wir gesehen haben, auf den Richterstuhl setzen; es ist schade dass sie das nicht auch thut, wenn Etwas durch Indiskretion hineinkommt. |2| Da muss der Einzelne die Sache selbst in die Hand nehmen, und ich erkläre Dir dass ich M.'s[2] verhängnissvolle Aeusserung in der Fakultät durchaus nicht gewillt bin, als „Fakultätsgeheimniss“ zu betrachten und zu respektieren.

Farinelli bittet mich, Dich daran zu erinnern, dass Du ihm die Hds. des 3. Th. seiner „Germania e Spagna“[3] zurückschicken möchtest. Daraus ersehe ich dass er auf eine Zurücksendung des Ganzen doch nicht rechnet, also noch irgendwelche Hoffnung hegt sich hier habilitieren zu können. Wenn er nun den ganzen Pack inzwischen zurückerhalten haben sollte, so ist das ein hübsches Weihnachtsgeschenk für ihn [Einschub unleserlich] auch für mich allerdings! Geradezu der Comble! - Er schrieb mir nämlich noch von andern Ent- |3| täuschungen, die er letzthin erfahren hat.

Ich höre mit innerem Ohre Dein „Lass es gut sein!“ Aber soll man denn Alles gut sein lassen was miserabel ist?

Ich wünsche Dir und Deiner Familie von ganzem Herzen ein frohes Weihnachtsfest.

Dein

H Schuchardt

 

Ich öffne den Brief noch einmal; ich bitte Dich dringend – wenn es nicht schon geschehen- die Beilagen zum Habilitationsgesuch nicht zurückzuschicken. Ich denke, vom rein formalen Standpunkt aus betrachtet, ist die Sache doch die: F. hat gewisse Bedingungen die für die Habilitation |4|nothwendig, noch nicht erfüllt. Es muss doch zunächst gefragt werden ob er sie nachholen will, d. h. versuchen sie nachzuholen – nämlich durch eine direkte Eingabe an das Ministerium um Nostrifikation. Dabei würde man ihn auch fragen ob er seine Schriften bis zur Entscheidung hier belassen will oder nicht.



[1] Der Brief von Farinelli an Schuchardt vom 22.12.1894 trägt die Briefnr. 02876.

[2] Unklar, möglicherweise Gustav Meyer.

[3] Farinelli (1892).