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Brief (23-s-n)

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Gotha (Siebleberstr. 33) 3 Okt. 92

Lieber Gurlitt

Ich danke Dir vielmals für Deinen Brief der mir eine grosse Genugthuung gewährt hat. Wir haben das  miteinander gemein dass wir über die Dinge selbstständig nachzudenken lieben, dass wir nicht geneigt sind der herrschenden Strömung,  dem Traditionalismus, oder dem Conventionalismus ein sacrifizio dell'intelletto zu bringen; wenn wir also über Etwas verschiedener Ansicht sein sollten, so werden wir uns gerecht werden, indem jeder weiss dass die Ansicht des Andern nicht im Triebsand, sondern in festem, fruchtbarem Erdreich wurzelt – und wenn wir übereinstimmen, so ist die Uebereinstimmung mehr werth als |2| so manche zwischen Andern ausgesprochene die nur dem lieben Frieden dient oder geistiger Trägheit entstammt. Und so wird auch wenn Jemand unsere Briefe lesen sollte, selbst ohne  uns persönlich zu kennen, er uns schwerlich gegenseitiger Anräucherung bezichtigen.

Schon seit langer Zeit, schon vor „R. Als Erzieher“[1] beabsichtigte ich mich über den Individualismus in der wissenschaftlichen Arbeit zu äussern, habe es aber unterlassen weil ich erkannte dass ich mich auf meine eigene Wissenschaft nicht beschränken könnte. Es wäre aber doch sehr nothwendig sich darüber in einem ganz allgemeinen Sinn zu äussern, um alle möglichen Missverständnisse beiseite zu räumen. So bekam ich heute einen Brief von Gaston Paris[2] in dem er, halb im Scherz, aber ich glaube zur grösseren Hälfte im Ernste, mich als Mephisto der romanischen Philologie bezeichnet und in dem er sagt: En science, il n'y a d'individuel que l'erreur. Er denkt |3| dabei eben nur an die Lösung bestimmter Einzelaufgaben,

Fortsetzung am 9 Okt.

oder vielmehr an die einzelnen Thatsachen der Wissenschaft, nicht aber daran wie sie gefunden und verbunden werden. Ich habe ihn u. A. an Renan[3] und Jhering[4] erinnert. Aber wie gesagt man müsste die allgemeine Grenze des Individualismus bestimmen. Ich hoffe mit Dir über dieses Gegenstand noch zu berathen. - Der handwerksmässige Sinn unserer, selbst der sehr intelligenten Studenten, bringt uns oftmals in Verlegenheit, sie wollen gedrillt sein, und ich kann nicht drillen wie ich mich selbst nie haben [sic] drillen lassen. Es handelt sich da kaum mehr um den |4| Einfluss einzelner Lehrer – es ist das schon Tradition geworden. Wenn ich den Leuten sage, sie müssten vor allem selbständiges Anschauen und Beurtheilen der Dinge lernen, sie dürften nicht  „in verba magistri jurare“, so schauen sie mich an als ob ich ihnen sagte, sie sollten den Mond verspeisen. Und wenn ich Einen während zwei Jahre bei allen möglichen Gelegenheiten auf dankbare Probleme hingewiesen habe, dann tritt er vor mich hin und sagt: „Bitte, Herr Professor, geben Sie mir ein Thema für eine Arbeit.“ Wie kann man da Lust am akademischen Lehramt empfinden?

Herzlichst

Dein

H.S.



[1] „Rembrandt als Erzieher“ ist 1890 anonym erschienen („von einem Deutschen“), später stellte sich heraus, dass August Julius Langbehn der Autor war. Das Werk wurde bis 1945 250 000 Mal verkauft, besonders in den späteren Auflagen ist es von Antisemitismus geprägt (vgl. Oberndorfer 2003).

[2] Gaston Paris, französischer Philologie, korrespondierte mit Hugo Schuchardt von 1869 bis zu seinem Tod 1903 (Briefnummern 08562-08659).

[3] Ernest Renan (1823-1892), franz. Religionswissenschaftler, Philologe und Philosoph.

[4] Rudolf von Jhering (1818-1892), deutscher Rechtsphilosoph.