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Brief (19-04240)

Die Bearbeitung dieses Eintrags ist noch nicht vollständig abgeschlossen.

Graz, d. 4. Nov. 1891

Schubertstr. 7b.

 

Lieber Schuchardt.

Ich schreibe Dir gleich unter dem frischen Eindruck Deines Briefes, nicht um zu rechten, sondern um mir und Dir von Deiner Erwiderung meine eigene Ansicht klarer zu machen.

So bemerke ich, daß ich bei meiner Bemerkung über das Benehmen der Engländer und Franzosen im Ausland durchaus nicht an den sogenannten „reisenden Engländer“ gedacht habe, sondern gerade an Gouvernanten, Bauern, Friseure, Ingenieure, Arbeiter. Und ich möchte daran festhalten, daß meine Ansicht auch dieser der dienenden und erwerbenden Classe angehörigen Leuten gegenüber berechtigt war. Ferner kann ich Dir nicht zugeben, daß das andere Betragen der Deutschen „die unabänderliche Folge geschichtlicher Verhältniße“ ist. Mir scheint da Ursache und Wirkung verwechselt zu sein. Denn die „geschichtlichen Verhältniße“ sind eben die „unabänderliche Folge“ der Artung der Deutschen, welche sich in wesent- |2| lichen Zügen nicht mehr verändert hat, seit der Zeit, da sie in die Geschichte eintraten. Seit jener Zeit kenne ich nur 2 Bewegungen, welche aus rein nationalen Impulsen hervorgegangen sind: der Aufstand des Arminius, über welchen freilich schwer ein richtiges Urtheil zu faßen ist, und den Befreiungskrieg von 1813. Sonst haben wir uns für alle möglichen Intereßen geschlagen, für unsere Fürsten und Herren, fremde und eigene, für die Kirche, für das „römische Reich“ u.s.w. u.s.w., nur nicht für nationale Intereßen. Neben den Deutschen sind nur noch die Arkader als ein Volk von Reisläufern zu nennen, jene staatenlosen Arkader, denen nicht einmal das Genie des Epameinondas einen Staat erschaffen konnte.

Du willst dem Nationalismus die Berechtigung absprechen, „wenn er sich in Widerspruch zur Humanität setzt.“ Ich sage: 1) thut er das gar nicht im letzten Ende und 2) wo er im Gegensatz zu Bestrebungen, – ich meine liberalen, zentralistischen – in dem berechtigten Wunsche nach Bethätigung des Nationalsgefühls die Gränze, welche übrigens verschiedene verschieden ansetzen werden, überschreitet, da liegt es eben an jenen, meiner Ansicht nach, unberechtigten Gegenstrebungen. Der Nationalismus der einen Nation wird sich in kurzer Zeit ins Gleichgewicht setzen mit dem Nationalismus jeder anderen. Wer also Friede |3| und  Gerechtigkeit und Wahrheit fördern will, der muß – immer nur nach meiner Ansicht – Nationalismus  als ein stets berechtigtes, nothwendiges u. gutes Element anerkennen – natürlich bei jeder fremden ebensogut,  wie bei seiner eigenen Nation – und lehren, daß die Exceße des Nationalismus erst dann aufhören werden, wenn die Nationen saturiert sind, um einen Bismarckschen Ausdruck zu gebrauchen, d.h. wenn die einzelnen Nationalitäten – unter Anerkennung der Gleichberechtigung jeder anderen national befriedigt sind.

Unser Ideal, lieber Schuchardt, ist eben ein verschiedenes. Ich denke mir die Erde vertheilt unter verschiedenen Nationalitäten, wie in jeder menschlichen Gemeinschaft verschiedene Individuen nebeneinander wohnen. Wie sich nun in jeder menschlichen Gemeinschaft die einzelnen Individuen miteinander zu vertragen haben in freiem Entschluß u. in gegenseitiger Achtung jedes einzelnen für die Individualität jedes anderen u. vice versa, soll und wird es auch unter den Völkern oder Nationalitäten sein, welche sich – abgesehen von staatlichen Grenzen – diese Erde theilen. Jedes Volk eine Individualität, viele Völker in ihrer Gesammtheit die Menschheit bildend und wie die verschiedenen Länder ihre Naturprodukte, so die Nationen ihre geistige Eigenthümlichkeit hervorbringend und austauschend: ein harmonischer Zusammenklang in Freundschaft, Gerechtigkeit!

|4| Du willst dasselbe; wer wollte es nicht? Aber Dein Ideal – wenn ich Dich recht verstehe – wäre, daß die Nationen sich in dem „höheren“ Begriff der Humanität oder allgemeinen Menschlichkeit zusammenfänden, daß also, soviel wie möglich, das Individuelle vermischt wird, und eine möglichst gleichartige Qualität aller Menschen auf der Erde entstände. Mir kommt vor, daß meine Wünsche zu erreichen wären, von Deinen weiß ich es nicht.

Du fragst: „Ist der Unterschied zwischen den Gesellschaftsclaßen nicht thatsächlich wichtiger, als der zwischen den Nationalitäten?“ Über den Grad der Wichtigkeit kann man wohl nur ein subjectives Urtheil abgeben. Genug: sie sind beide vorhanden und sie sollen beide vorhanden sein. Was mich dem Sozialismus abgeneigt macht, ist nicht eine Unterschätzung seiner Berechtigung – ich glaube niemandem in der vollen Anerkennung derselben nachzustehen – sondern die tiefe Abneigung gegen das falsche Evangelium von der Gleichheit der Menschen, welches er, nach dem es der Liberalismus theoretisch vertreten hat, nun Anstalt macht, praktisch ins Leben einzuführen. Nicht als ob ich mich über irgendeinen meiner Mitmenschen erhöbe, ich will aber nicht, daß sich andere en masse über mich erheben. Anders ausgedrückt: ich wünsche |5| dem 4. Stande, dem Arbeiterstande alles Gute und freue mich, daß er schon vieles erreicht hat, ich begrüße sein erwachendes Standesbewußtsein. Nur muß es sich ins Gleiche setzen mit dem vollkommen gleichberechtigten Standesbewußtsein aller anderen Stände, wie sich das Selbstbewußtsein jedes einzelnen Menschen mit dem der anderen, u. der Nationalismus jeder Nationalität mit dem der anderen aus zugleichen hat. Auch da sehe ich die endliche, befriedigende Lösung nicht in der Aufgabe des Standesbewußtseins der übrigen, sondern in der Betonung u., wenn es Noth thut, Zusammenfaßung dieser Kräfte. Ob das ohne Revolution geschehen wird, weiß ich nicht: aber das Ende der gewaltigen Umwälzung wird nach Sieg und Niederlage eben dieser Ausgleich sein. Es wird nicht die Gliederung der Menschheit aufgehoben werden, sondern wir werden einen 4. Stand erhalten, der sich den anderen Ständen gegenüber seine Berechtigung erkämpft u. dafür wiederum die der anderen anerkannt haben wird. So hat sich die große, französische Revolution hinsichtlich des 3. Standes, des roturier, entwickeln, so wird sich die große soziale Revolution entwickeln. Beidmal steht: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit auf der Fahne u. der Unterschied ist nur, daß es sich damals blos um politische Rechte, diesmal um politische Rechte und starke Geldzuwendungen von Seite des Staates handelt. Doch ein Beamter, der selbst vom Staate besoldet wird, wäre der letzte, der in solchen Anforderungen etwas Anstößiges finden dürfte. Etwas ganz anderes ist es, wenn ich alle erhaltenden Kräfte – natürlich nicht im Sinne eines conservativen Parteiprogrammes, sondern alle großen Gemeinschaften der Menschheit, das individuelle Selbstbewußtsein, das Standesgefühl, das Empfinden der Stammes- |6| -angehörigkeit, den Nationalismus, das Staatsgefühl, die Religion gegen die Gleichmacherei aufrufe, die schlimmste der Tyranneien, die wahre Mutter aller Zwietracht auf Erden: und zwar dadurch so gefährlich, weil sie ein Verstandsideal aufstellt, scheinbar so einfach, wie das Einmal-eins und dennoch so undurchführbar, wie die Quadratur des Cirkels, ohne welche sich bekanntlich die Mathematik sehr gut zu helfen weiß.

Die Zahl derer, welche gewißermaßen eine Zwischenstellung zwischen zwei Nationalitäten einnehmen, wird immer klein sein gegen die Maße der übrigen Menschen: aber auch unter denen werden diejenigen, welche bei einem scharfen Conflicte der beiden Nationen, denen sie sich zuzählen könnten, sich nicht für die eine oder andere Nationalität erklärten, welche dann nicht in einer ganzen Bestimmten u. gleichbleibenden Weise national reagierten, eine so verschwindend kleine Minorität bilden, daß sie als abnorme Specialitäten  außer Rechnung bleiben können.

Ich hoffe, daß Dir keine Zukunft den Glauben entreißen wird, daß die Deutschen die gerechteste und wahrhafteste Nation seien und ich sehe auch nicht ein, warum wenn sie es bisher gewesen sind, sie es nicht auch fernerhin bleiben sollten. Sie können nur gerechter werden, wenn sie aus der Empfindung eigenen Nationalitätsgefühls heraus die nationalen Bestrebungen der anderen Nationen beurtheilen, und nur wahrhafter, wenn sie die treibenden Kräfte im Völkerleben erkennen und aufhören die eine derselben mit Lessing eine „Frische Schwachheit“ zu nennen oder als solche zu empfinden.

Übrigens hat H. v. Treitschke[1] einmal die Deutschen „waffengewaltig und gedankenschwer“ genannt: mir scheint dies bezeichnender als „wahrhaft und gerecht“: denn ich glaube, daß jeder einzelne Mensch u. jede einzelne Nation sich für wahrhaft u. gerecht hält.

Mit bestem Gruß der Deine W. Gurlitt.



[1] Heinrich von Treitschke (1834-1896), deutsche Historiker (vgl. NDB 1910, 263-326 s.v. Treitschke, Heinrich von).