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Brief (17-04239)

Die Bearbeitung dieses Eintrags ist noch nicht vollständig abgeschlossen.

Graz, d. 26. Oct. 1891[1]

Schubertstraße 7B

Lieber Schuchardt. Andere Correspondenzen und die Vorbereitung für meine Collegien haben mich leider verhindert auf Deinen Brief vom 22.[2] sofort zu antworten und auch jetzt bin ich eigentlich nicht gesammelt genug, um entsprechend zu erwidern. Ich nenne in Folgendem Dich A und mich B, einem Vorschlag entsprechend, den Du mir in unserem letzten Gespräch gemacht hast. A. „Die Gemeinschaft, welche mich mit einem z.B. französischen Gelehrten oder Künstler verbindet, beruht auf viel Feinerem, als die, welche mich mit einem deutschen Schuster oder Bauern, verbindet“

B. Kann diesen Vergleich nur verstehen, wenn A von vornherein in dem Erheben über eine angebliche nationale Schranke ein feineres Menschenthun erblickt. Dabei liegt die Empfindung zum Grunde, als ob der Nationalismus der allgemeinen Humanitätsideen irgendwie entgegengesetzt sei und das ist wieder eine Anwendung der Gesetze der Körperwelt auf Gedanken u. Empfindungen.

Wir lernen freilich, daß, wo ein Körper ist, gleichzeitig nicht auch ein andrer |2| sein kann. Aber:

„Mutter, Mutter, glaube nicht,

„Weil ich ihn lieb gar so habe

„Daß es mir die Lieb' gebricht

„Dich zu lieben, wie bisher! u.s.w. [3]

Ist ein guter Sohn seines Vaters deßwegen ein schlechterer Sohn seines Vaterlandes? Oder ist ein „guter Deutscher“ dadurch gehindert, die groeßten Genien andrer Völker, einen Dante, Cervantes, Shakespear[e], Molière, Zola, Turgenieff zu verstehen, zu bewundern, zu verehren? Die von Alters her nationalen Völker – ich denke dabei zunächst an Franzosen u. Engländer – sind adlige Völker. Sie treten im Ausland auf,  wie die Angehörigen eines alten Hauses, als echte grand seigneurs, u. gerade Franzosen als solche von der liebenswürdigen, die Engländer als solche von  der mehr unnahbaren Art. Ihr Benehmen stammt aus dem Gefühl: civis Romanus sum. Damit vergleiche man das Auftreten des Deutschen im Ausland, seine übermäßige Hingabe oder seinen tüdesquen Trotz, kurz seine vollkommene Unsicherheit, seinen Mangel an nationaler Würde wegen des Mangels an nationaler Tradition.
Ob der Nationalismus bei den Deutschen entwickelt ist oder nicht, darüber setze ich die Geschichte zur Schiedsrichterin von jener schönen, aber nicht nationalen Conception eines Weltreiches an, an welcher sich |3| die Deutschen im Mittelalter verblutet haben, bis zu Elsaß u. Schleswig-Holstein. Ich weise nur hin z.B. auf das Trentino einerseits, auf das Elsaß andrerseits, um deutlich zu machen, was ich meine.

A. Der Sozialismus wird den Nationalismus erschlagen.

B. Mag sein, nur ist dadurch nicht bewiesen, daß, der Sozialismus mehr Recht hat oder edlere Motive in Bewegung setzt. Nebenbei gesagt: Sozialist, im dem Sinne, wie er jetzt als Parteinaher gilt, wäre ich, soweit ich mich kenne, schwerlich geworden, sondern Geselle mit  dem Bestreben, selbstständiger Meister zu werden. In meinem 14. Jahre habe ich meinen Vater dringend gebeten, mich zu einem Handwerker in die Lehre zu geben. Und wenn Dir nicht alle Mittel gefallen, die der Nationalismus im Gegensatz gegen sich ihm entgegenstellende Richtungen anwendet, gefallen Dir alle Mittel des Sozialismus? Wir sind und bleiben Menschen u. der Mißbrauch eines Gefühles kann nie seinen Gebrauch beeinträchtigen. In meinem ersten Briefe habe ich von gleich hochgespanntem Nationalismus als Friedensgarantie gesprochen. Das gleiche Niveau – denn hierauf liegt der Nachdruck – ist natürlich auch durch Herabstimmung des Nationalismus bei allen Völkern außer dem Deutschen zu erreichen.

|4|Aber da sage ich mit Alphonse Karr: Que messieurs les assassins commencent![4]Da müßen die nicht deutschen Nationen anfangen: ein Deutscher wird tauben Ohren predigen.

Soviel über das, was Du „praktische“ Erörterungen nennst, lieber Schuchardt, nun zu der „theoretischen“ Frage: was ist Nationalität?! So formulierst Du die Frage auf einer Karte, die ich eben erhalte, u. in Deinem Briefe weisest Du sehr darauf hin, daß durch die Gemeinschaft der Sprache oder des Blutes oder beider zusammen der Begriff der Nationalität nicht einwandfrei definiert werde. Darin liegt, da man drittens nur etwa noch die Staatenbildung zur Erklärung der Bildung einer Nationalität heranziehen könnte, es aber Nationen giebt, die in verschiedenen Staaten leben u. Staaten, in denen verschiedene Nationen nebeneinander leben – darin liegt, sage ich, daß die Frage, wie Du sie formulierst, eben zu „theoretisch“ ist. Jede jetzt vorhandene oder überhaupt einmal in der Vergangenheit vorhanden gewesene Nationalität ist auf andere Weise entstanden, zeigt andere Mischungsverhältniße des Blutes u. der Sprache u.s.w. Dennoch ist jede dieser Nationalitäten entweder jetzt eine Realität, oder früher einmal einmal eine Realität gewesen und hört natürlich dadurch nicht auf eine Realität zu sein, daß irgend eine Definition des Begriffes Nationalität auf sie nicht anwendbar ist. Die Frage müßte also so gestellt werden:

|5| 1)Wie entstehen Nationalitäten? Und 2) was ist die französische, die englische u.s.w. Nationalität? Die Antworten auf diese Fragen würden aus dem Gebiete der rein theoretischen Speculation auf das Gebiet der historischen, wenn Du willst, „praktischen“ Erfahrungswißenschaft überführen und nur aus genauester Kenntniß der vergangenen und bei noch jetzt lebenden u. seienden Nationen der gegenwärtigen Verhältniße u Zustände gewonnen werden können.
Der Begriff der Nationalität läßt sich meines Erachtens nicht aprioristisch feststellen, indem man irgend ein Merkmal oder eine Combinativa derselben herausgreift, weil die Nationalitäten nicht darauf verzichten werden, zu existieren und Nationalgefühl zu entwickeln, wenn man ihnen wißenschaftlich die Daseinsberechtigung abspräche. Aber das hat noch einem tieferen Grund und der liegt in rein subjectiven Element, das ich gleich näher bezeichnen werde. Wir sind darüber einig, daß die Gemeinsamkeit des Blutes, der Abstammung die ursprüngliche, ganz unentbehrliche physiologische Grundlage zur Entstehung einer Nationalität ist. Erst eine Folge derselben ist die Gemeinsamkeit der Sprache. Diese durchaus homogene Gemeinschaft – ein Urvolk – tritt in zunächst feindliche, dann vielleicht freundliche Berührung mit anderen, eben so homogenen Gemeinschaften. Eine unvermeidliche Folge dieser Berührung ist eine Blutmischung, welche also schon in ganz primitiven Zuständen das erste Merkmal einer Nationalität in Frage stellen kann. Sonst aber sind die verschiedensten Folgen möglich: es kann die siegreiche Horde ihre Sprache u. Stammesart verlieren an die unterworfene, es kann natürlich auch |6| das Umgekehrte eintreten; es kann sich drittens aus der Mischung eine neue Sprache u. Stammesart entwickeln. Sobald einer dieser Proceße zur Ruhe gekommen ist, ist aus der Verbindung verschiedener Elemente wieder eine neue Gemeinschaft, tantum sui similes, entstanden, ein neues Volk. In weiter entwickelten Verhältnißen greift dann die Staatsbildung ein. Auch sie wirkt in sehr verschiedener Weise. Sie kann eine Aufsaugung der unterworfenen Elemente herbeiführen, welche freilich den herrschenden Stamm verändert; sie kann Jahrhunderte lang eine bloß äußerliche  Verbindung verschiedener Nationen bleiben; sie kann endlich eine dem Nationalgefühl analoge, gemeinsame Staatsempfindung erzeugen, ohne doch zu einer nationalen Einheit zu werden.
Es kann also im Laufe der Zeiten das Verschiedenartigste geschehen und in folge dieser Veränderungen und Umwandlungen eine Nationalität, welche zweifellos existiert, alle objectiven Merkmale verlieren, welche ihr ursprünglich oder einmal im Laufe der Entwicklung eigen waren. Wodurch existiert sie nun? Hier setzt das subjective Element ein, welches ich kurz bezeichnen möchte, „als Schopenhauerschen Willen zum Dasein.“ Die Existenz einer Nationalität ist also nicht abhängig von dem Vorhandensein der Gemeinschaft des Blutes, der Sprache, des Staates um so weniger, je größer die Nationalität ist und je länger die Entwicklung dauert, welche zu ihrer Bildung geführt haben, sondern, besonders in unseren Tagen, haupt- |7| sächlich abhängig von ihrem Willen zu existieren d.h. von dem latenten oder bewußten Entschluß einer größeren Zahl von Individuen, dieser Nationalität (oder ihren Unterabtheilungen, als da sind, Stamm, Volk) anzugehören, sie zu bilden. Dies kann als ein Act subjectiver Willkür bei allen denen erscheinen, welche einer bestimmten, existierenden Nationalität entstammend, sich in freier Entschließung einer anderen mit Leib und Seele anschließen oder welche sich durch gemeinsame Entschließung als neue Nationalität formieren. So ist z.B. die Nationalität der Vereinigten Staaten entstanden, welche sich American nennt, obwohl damals als sie entstand, weder Gemeinsamkeit des Blutes, noch der Sprache, noch des Staates vorlag. In den weitaus meisten Fällen aber entwickelt sich dieser Proceß in der Tiefe des Volksbewußtseins, ohne daß eine deutliche, greifbare Entschließung an die Oberfläche tritt. Sie ist ein nothwendiges Ergebniß der Eigenart des Menschen, welcher ein gesellschaftliches Thier, ein πολιτικὸν ζῶον ist und die ursprüngliche homogene Blutsgemeinschaft, wenn sie durch äußere Einflüsse alteriert oder aufgehoben wird, naturnothwendig in immer neuen, der ursprünglichen Blutsverwandtschaft analogen Neubildungen, den Nationalitäten, wieder erzeugt und erzeugen muß.
Wenn Du also die Definition der Nationalität aprioristisch feststellen wolltest, so dürfte in derselben dieses subjective Element nicht fehlen: es ist meines Erachtens das einzige Merkmal oder beßer gesagt, die einzige Voraussetzung, welches oder welche jedesmal und überall vorhanden sein muß und auch stets, latent oder bewußt, nachzuweisen sein wird.

|8| Wie das Selbstbewußthsein d.h. das Gefühl, daß ich ich bin u. das andere nicht-ich ist, die erste psychologische Thatsache ist, so ist die zweite Thatsache des Sebstbewußtseins das Urtheil: ich bin Deutscher, Franzose, Amerikaner u.s.w. u. andere sind nicht-Deutsche, nicht-Franzosen, nicht-Amerikaner u.s.w. Auf diesem festen, unerschütterlichen Grund  ruhen die Nationalitäten u. werden sie ruhen, solange diese Erde zusammenhält.
Lieber Schuchardt! Verzeih die sehr aphoristische Art dieser Bemerkungen. Ich hoffe, daß Du trotzdem verstehen wirst, was ich meine. Mich soll es freuen, wenn Du dich wieder zu einer Antwort angeregt und aufgelegt fühlst.
Mit bestem Gruß
Dein
W. Gurlitt.



[1] Vom selben Datum ist ein Briefentwurf Gurlitts erhalten, er weicht inhaltlich kaum von der Endfassung ab.

[2] Vgl.  HS-Gurlitt-1891-10-22.

[3] Robert Schumann: Lied der Braut I (op. 25 No. 11), aus dem Liederzyklus Myrthen (1840):  1. Strophe:

„Mutter, Mutter glaube nicht,

 weil ich ihn lieb' all so sehr,

 daß nun Liebe mir gebricht,

 dich zu lieben, wie vorher.“

[4] « Abolissons la peine de mort, mais que messieurs les assassins commencent.» laut Karr (1885 : II)  aus den Guêpes 1840. Die Guêpes ist eine vom Journalisten und Schriftsteller Karr gegründete Satirezeitschrift.