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Briefentwurf (14-s-n)

Die Bearbeitung dieses Eintrags ist noch nicht vollständig abgeschlossen.

Graz, d. 21. Oct. 1891.[1]

 

Lieber Schuchardt.

Ich habe heute wieder die Erfahrung gemacht, daß ein Gespräch über weitgreifende Themen besonders wenn es zwischen zwei Menschen geführt wird, welche so lebhaft sind, wie Du u. ich, nur nicht zum Austausch der Meinung, sondern zum Streite führt, dem ich in innerster Seele abgeneigt bin. Ich selbst besitze nicht die Ruhe einer langen Auseinandersetzung, ohne Einwürfe zu machen, welche den andern stören u. vielleicht verstimmen, zu folgen u. glaube Dir nicht zu nahe zu treten, wenn ich auch bei Dir diese Fähigkeit des Anhörens vermiße.

Gestatte mir, daß ich Dir den Gedanken ganz skizziere, welchen ich bei dem heutigen Gespräche, das ich selbst herbeiführte, da darlegen wollte u. Du würdest mir einen Gefallen/ Freundschaftsdienst erweisen, wenn Du dasselbe thätest. Ich wollte davon ausgehen, daß es  kein Motiv giebt, welches den Menschen [2] zum Handeln bewegt, daß nicht eine starke irdische Beimischung deßen enthält, was man kurz Egoismus im weitesten Sinn nennen kann. Diese Beweggründe laßen sich nur [in] eine Reihe bringen je nach der stärkeren oder geringeren Procente dieser letzteren Beimischung u. je nach der feineren od. gröberen Form des Egoismus aber sie sind nie ohne dieselbe. u. die Culturentwicklung geht auch nicht auf Verminderung dieser Beimischung, sondern nur auf Verfeinerung des Egoismus.

In dieser Reihe nimmt der Nationalismus – ich bezeichne damit alles was Nationalgefühl subjectiv, Nationalitätsprincip objectiv – eine hohe Stelle ein, weil die Befriedigung des Egoismus nicht körperlich, nicht direct in diesem Falle eine feinere ist. Ferner erscheint es mir wichtig diesem Gefühl seine ganze Stärke zu bewahren, wo es wichtig ist, sogar noch zu stärken und zwar weil ich glaube, daß der Nationalismus als Differenzierung, Hierarchisierung, Individualisierung die einzige Gegenkraft gegen den Sozialismus ist, vor dem der Liberalismus bereits die Segel streicht. Als Beweis für diese Ansicht gilt mir, daß der Sozialismus gerade da am üppigsten blüht, wo der Nationalismus am schwächsten entwickelt ist.

Nach meiner Meinung wäre es daher das Wichtigste eben den Nationalismus aller Völker zu stärken u. zwar weil  [Einschub unleserlich, möglich: sein Mangel] er an dem fortwährenden Kriegszustand die größte Schuld trägt. Die Beimischung des Nationalismus würde eine Stabilität des Verhältniß herbeiführen, wie sie das sog. Europäische Gleichgewicht nie geschaffen |2| hat. Die Thatsache, daß in der Mitte Europas ein anationales Volk nämlich die Deutschen wohnen, ist auch meiner Ansicht nach an allem Unheil Schuld. Solange ein nationaler Staatsmann an der Spitze stand war Friede.

 

[1] Es handelt sich hierbei um einen Briefentwurf zum Brief vom selben Datum.

[2] Einschub – unklar, wo  dessen Stellung im Satz gedacht ist:  „rein in der Form zur Geltung oder Wirkung kommt, wie es sich abstract beleuchten läßt,“