Senden hat offenbar funktioniert, aber es wird noch ein Bestätigungsmail verschickt, sobald die Änderungen angekommen sind.
Es hat etwas nicht funktioniert. Bitte den Inhalt in Word (o.Ä.) kopieren und per Mail schicken.

Brief (13-04238)

Die Bearbeitung dieses Eintrags ist noch nicht vollständig abgeschlossen.

Graz, d. 21. Oct. 1891

Schubertstr. 7B

 

Lieber Schuchardt.

Ich habe heute wieder die Erfahrung gemacht, daß ein Gespräch über ein weitgreifendes und, compliziertes Thema, besonders wenn es von zwei Menschen geführt wird, welche so lebhaft sind, wie Du und ich, nicht zu einem Austausch der Meinungen, sondern zu einem Streit führt, dem ich – glaub es mir in meiner innersten Seele abgeneigt bin. Wir besitzen, wie es mir scheint, beide nicht die Fähigkeit einer längeren Auseinandersetzung zu folgen, ohne Einwürfe u. Einwände zu machen, welche den andren aus der Bahn seiner Gedanken reißen, ihn stören u. vielleicht verstimmen.

Gestatte mir, daß ich schriftlich skizziere, was ich dir heute eigentlich sagen wollte. Du  würdest mir einen Freundesdienst erweisen, wenn Du auch mir Deine Ansichten ohne alle Polemik mittheilen wolltest. Wenn ich die folgenden Sätze, ohne irgendwelche Einschränkungen u. ohne Beweise, ganz apodiktisch hinstelle, so thue ich es nicht, weil ich sie etwa für unanfechtbar halte, sondern nur um meinen Gedanken kurz auszudrücken.

|2| Kein Motiv, welches Menschen – die einzelnen, wie die Völker – überhaupt zum Handeln bewegt – es mag heißen, wie es will – ist frei von einer irdischen Beimischung, also frei von dem, was man Egoismus – das Wort im weitesten Sinn genommen - nennen kann. Die Rangordnung dieser Motive bestimmt sich nicht so sehr nach dem größeren oder geringeren Procentsatz dieser Beimischung, ohne die es nie in Wirkung treten würde, als nach der Art dieses egoistischen Zusatzes selbst, ob er sich nämlich um groben (sinnlichen) oder feinen (geistigen) Egoismus handelt. Der Fortschritt der Menschheit besteht also in der Sublimierung des Egoismus „nicht in der Eliminierung desselben: der Firniß wird immer feiner, aber die angeborene Farbe der Entschließung“[1] bleibt unverändert dieselbe.

In der Reihe dieser Motive nimmt der Nationalismus – um es kurz mit einem Worte zu bezeichnen – einen hohen Rang ein, weil der egoistische Beisatz sich auf ein Allgemeines, nicht direct auf den Einzelnen bezieht und weil, was davon an Befriedigung und gesteigerter Selbstachtung für den Einzelnen abfällt, durchaus in der geistigen Sphäre bleibt.

Der Nationalismus ist aber, abgesehen von diesem eben betonten Gesichtspunkt und auch wenn man ihn niedriger einschätzen sollte, als ich es gethan habe, aus zwei Gründen in seiner ganzen Stärke |3| zu erhalten und, wo es nötig wäre, auch zu fördern. Erstens sehe ich im Nationalismus die einzige wirkliche Gegenkraft gegen den täglich anwachsenden Sozialismus, vor dem der Liberalismus bereits die Segel streicht. Und zwar, weil der Nationalismus auf Differenzierung, Hierarchisierung, Individualisierung hinausgeht, während der Sozialismus die angenommene aber nicht vorhandene Gleichheit der Menschen in die Praxis einführen will und weil die Erfahrung lehrt, daß der Sozialismus am üppigsten bei anationalen Völkern gedeiht.

Zweitens aber ist es eine Thatsache, daß bei den meisten Völkern der Nationalismus das treibende Motiv ihrer politischen Thätigkeit ist. Wären alle Völker in Europa oder – um ein noch näherliegendes Verhältniß zu erwählen - in Oesterreich national, so würde sich in nicht all zu ferner Zukunft ein so stabiles Verhältniß zwischen den Völkern herstellen, wie es frühere Zeiten mit ihren anderen Motiven nicht gekannt haben. Da es aber in Oesterreich eine starke Partei – die vereinigte Linke – gibt, welche nicht, wie die übrigen alle ein nationales, sondern ein liberales und centralistisches Ideal verfolgt, so ist des Streites kein Ende. Und eben so liegt es in Europa. Der fortwährende Kriegszustand, unter dem Europa leidet, hat meines Erachtens seinen Grund vor |4| Allem darin, daß in der Mitte Europas ein Volk lebt, welches die Begehrlichkeit seiner national fühlenden Nachbarn durch den Mangel an klar ausgesprochenem Nationalismus reizt u. welches durch sein angeborenes anationales Verhalten die Umwohnenden nicht zur Ruhe kommen läßt. Ein gleich hoch gespannter Nationalismus bei allen Völkern Europas ist für jetzt und noch für lange Zeit die einzige Garantie des Friedens. Das Volk welches in der nationalen Umgebungen der Jetztzeit den Nationalismus aufgäbe, wäre, freilich unbewußt, der eigentliche Friedensstörer.

Wahres Nationalgefühl erkennt das Nationalgefühl anderer Völker an: nicht die Nationalen hindern die Völker, sich in der ihnen erwünschten Weise zu gruppieren, sondern die Anationalen. Wenn es  zuweilen anders aussieht, so sind das nur Verschiebungen, welche durch entgegenwirkende, nicht nationale Kräfte herbei geführt werden.

Aus diesen Anschauungen heraus wirst Du die zufälligen aus dem Zusammenhang gerißenen Fragmente unserer heutigern Unterredung verstehen, lieber Schuchardt. Thue mir den Gefallen, auch Deine Anschauung zu Papier zu bringen und mir mitzutheilen.

Ganz der Deine

W. Gurlitt



[1] Es ist nicht klar, was Gurlitt hier zitiert; die „angeborene Farbe der Entschließung“ ist ein Zitat aus Shakespeares Hamlet  in der Übersetzung von August Wilhelm von Schlegel (3.  Aufzug, 1. Szene; Monolog des Hamlet), das hier Zitierte ist aber umfangreicher. Es könnte sich um ein Zitat aus der mündlichen Unterhaltung handeln, auf die sich Gurlitt in diesem Brief bezieht.