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Brief (3-1478)

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Graz, 30 März 1886.

Verehrtester Herr Kollege,

Ich sagen Ihnen meinen besten Dank für die Uebersendung Ihrer beiden Aufsätze, von welchen ich den mich zunächst interessirenden schon am Tage vorher in den „Philosophischen Studien“ gelesen hatte. Wenn Sie auch den Streit, der uns beschäftigt nicht sofort zum Stillstand bringen werden, so werden Sie doch zu seiner schlieslichen Beilegung |2| wesentlichst beigetragen haben. Allerdings, so meine ich, nicht ganz in dem von Ihnen am Schluss angedeuteten Sinne. Ich hatte nämlich eine Alternative angenommen: Darf man von Ausnahmslosigkeit der Lautgesetze reden, oder darf man es nicht? Sie möchten gern jeder Partei in dieser Beziehung etwas Recht und etwas Unrecht geben; und es ist ja auch nicht in Abrede zu stellen dass, der Ausdruck „Ausnahmslosigkeit“ bis zu einem gewissen Grade verschiedener Interpretation fähig ist. Aber da die Junggrammatiker durch die Betonung der Ausnahmslosigkeit sich zu allen Andern in einen bestimmten und schroffen Gegensatz stellen wollten (oder wie Johannes Schmidt sich kürzlich ausdrückte, |3| Ihren Austritt aus der Landeskirche geräuschvoll ankündigten), so würde, Ihren Auseinandersetzungen zufolge, in historischer Beziehung doch eben das Unrecht auf Seite der Andern sein; sie haben «angefangen». Auf das Einzelne gehe ich jetzt nicht ein; ich sehe zu meiner Freude dass Sie im Wesentlichen mit mir übereinstimmen. Bei einer späteren Gelegenheit werde ich die Nutzanwendung nicht verabsäumen. Nur möchte ich darauf hinweisen dass ich die „individuelle Willkür“ nicht in dem Masse hervorgehoben habe, wie es Ihnen zufolge scheinen möchte, den Individualismus betone ich allerdings, aber auch in Rücksicht auf sein unwillkürliches Wirken.

|4| Ich habe eben einen französischen Aufsatz in Druck corrigirt der unter dem Titel sur les lois phonètiques demnächst in der Revue critique erscheinen wird;[1] ich werde Ihnen die ganze Nummer dann schicken (Sonderabdrücke gibt es dort nicht). Wahrscheinlich werde ich noch im Laufe dieses Jahres ein weiteres Pamphlet über die Lautgesetze erscheinen lassen, wobei ich auf die détails mehr Rücksicht nehmen werde.

Gestatten Sie mir schliesslich noch die Anfrage ob nicht etwa von Ihrer Logik eine neue Auflage unter der Presse ist, und ob Sie mir sonst Schriften und Abhandlungen über das Kapitel der Psychologie welches die Associationen behandelt, zu fruchtbringender Lektüre empfehlen können.

In vorzüglicher Hochachtung

Ihr ergebener

H. Schuchardt



[1] Vgl. Schuchardt (1886b).