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Brief, Maschinenschrift (1-12896)

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leipzig, 12. dec. 85

hochgeeh[r]ter herr college!               

herzlichen dank für die freundliche zusendung ihrer streitschrift gegen die junggrammatiker![1] ich habe dieselbe mit grossem interesse und, wie ich hoffe, mit belehrendem erfolge gelesen. es ist mir durch ihre schrift noch klarer geworden was ich schon gelegentlich der letzten schrift von curtius[2] und in mündlich[en] unterhaltungen mit demselben bemerkt zu haben glaubte: dass es sich doch eigentlich in dem ganzen streit mehr um eine wort- als um eine sachliche differenz handelt. wenn man das wort lautgesetz soweit nimmt, dass dasselbe alle bedingungen umfasst, die auf den lautwandel eingewirkt haben, dann ist die ausnahmslosigkeit der lautgesetze gleichbedeutend mit dem satz, dass jeder lautwandel seine, erkennbaren oder unerkennbaren, ursachen hat, und diesem wird, so viel ich sehen kann, von niemanden widersprochen. der wesentliche unterschied der junggrammatiker von ihren gegnern scheint mir darum auch nicht hierin zu liegen, sondern in der behauptung, dass alle scheinbaren ausnahmen von den lautgesetzen durch die s.g. analogie zu erklären seien. diese frage wird natürlich nur durch die erfahrung zu entscheiden sein. ich glaube meinerseits, dass den individuellen einwirkungen, auf welche sie hinweisen hier, wie bei allen geistigen schöpfungen, ein grosser spielraum eingeräum[t] werden muss. sie werden aber freilich möglicher |2| weise wieder in solche zerfallen, bei denen die individuen durch analogie, und in solche, bei denen sie durch andere ursachen bestimmt worden sind. das analogieprincip hat hier die missliche eigenschaft, dass es ungemein dehnbar ist, so dass der recurs auf zweifelhafte oder unentdeckte analogien immer offen steht. darum ist, wie ich fürchte, eine beseitigung dieses streitpunktes weniger schnell zu hoffen, also die über die 'ausnahmslosigkeit' der lautgesetze.

in den kurzen bemerkungen in meiner logik[3] scheinen sie äusserungen als widersprechend angesehen zu haben, die dies doch wohl nur, vielleicht weil der ausdruck mangelhaft ist, so scheinen. wenn bei den gewöhnlichen lautgesetzen direct physiologische, bei den analogiebildungen psychologische bedingungen wirksam sind, so schliesst dies nicht aus, dass die entfernteren ursachen der ersteren ebenfalls psychologischer art sind. das so oft hier herbeigezogene princip der 'bequemlichkeit' würde ja z.b. eine solche psychologische ursache sein, bei der dann aber doch die art der wirkung ganz von physischen bedingungen abhängt und daher auch mit diesen eventuell va[r]iiren kann.

ihren schlussbemerkungen über die philologie stimme ich ganz bei.[4] gleichwohl werden, wie ich vermuthe, sprach- und sonstige forscher aus praktischen gründen noch für längere zeit zu den phi[lo]logen gezähl[t] werden wollen.

mit besten grüssen und nochmaligem dank

Ihr ganz ergebener

W. Wundt.



[1] Es handelt sich um Schuchardt (1885).

[2] Die Kontroverse um die Ausnahmslosigkeit der Lautgesetze zwischen Junggrammatikern und Kritiker, die 1885 ihren Höhepunkt erfuhr, wurde vom Altphilogen Georg Curtius (1820-1885) in Zur Kritik der neuestes Sprachforschung  (Curtius 1885) eingeleitet. Curtius verstarb jedoch im Sommer des Jahres. Vgl. dazu auch den Briefwechsel zwischen Schuchardt und Curtius in Ziagos (2015).

[3] Wundt (1883). Schuchardt (1885) bezieht sich auf den zweiten Band der 1. Auflage, die Methodenlehre.

[4] Vgl. Schuchardt (1885: 36-39).