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Brief (04-s-n)

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Graz 29. Nov 79.

 
Lieber Gurlitt:

Sie fragen mich um einige weitere Adressen an welche Sie die Schriften des G. A. V. anbringen könnten.[1] Ich nenne Ihnen meinen Busenfreund John Rhys – Professor der Keltischen Sprachen zu Oxford[2] und den Dr. Pedro G. Velasco[3], Inhaber des anthropologischen Museums und Praesident der anthropologischen Gesellschaft zu Madrid (Paseo de Atocha). Bei dieser Gelegenheit erlaube ich mir, da Sie mit dem Grafen Wurmbrand in so viel innigerer und häufigerer Beziehung stehen als |2| ich, Ihnen zur Weiterbeförderung mitzutheilen, wie ich die Mission, die er mir im Namen des A. V. gab, in Spanien mich etwas um Anthropologie zu kümmern, ausgeführt habe.[4] Ich habe mich in jeder Stadt und bei jeder Gelegenheit dieses Auftrags erinnert, kann mich aber einer glänzenden Erfolglosigkeit rühmen. Gesehen habe ich von interessanten Fundstellen nichts; mit meinem Freunde Leopoldo Equilas in Granada hatte ich eine Tour nach dessen 10 Meilen weit entfernten Landgut projektirt, wo die bedeutendsten Gräber sich befinden und wo wir eine kleine Ausgrabung veranstalten wollten, aber die Hitze und verschiedene andere Umstände liessen, trotz meines Drängens, den Plan nicht zur Ausführung kommen 2). Ein Verzeichnis der in Spanien erschienenen auf Anthropologie erschienenen Schriften hatte mir aufzustellen versprochen D. Juan Vilanova y Piera, profesor de paleontologia, Vicepräsident der anthrop. Ges. zu Madrid San Vicente 12. Dass ich, ungeachtet verschiedenen Tretens, es nicht erhalten habe, brauche ich kaum zu bemerken. Einiges, und zwar wohl das wichtigste habe ich mir selbst notirt. Die Prachtpublikation Museo español de antigüedades: Madrid 1872 fl. enthält verschiedene anthropologische Arbeiten z. B. von |3| D. Francisco Maria Tubino, Historia y progreso de la arqueologia prehistórica[5] im I Bd. von demselben „Los monumentos megalíticos de Andalucía, Extremadura y Portugal y los aborígines ibéricos im VII. Bde.[6] - Von dem genannten Vilanova    Estudios sobre lo prehistórico español[7], von D. José Villa-amil y Castro Los Castros y las Mamoas[8] (Grabhügel) u. s. w. Ob die Schrift des Letzteren Antigüedades de Galicia[9] von der ebengenannten verschieden ist, weiss ich nicht zu sagen. Anthropologisches ferner in dem Boletin Revista de la Universidad Central (z.B. von Vilanova, Origen y Antigüedad de hombre 1869[10] und von D.I.G.C (Antigüedades pre-históricas del Museo arqueológico de Madrid 1870[11]) und in der Revista mensual de filosofia, Literatura y ciencia de Sevilla (z.B. über die Cueva de la Mujer von D. Antonio Machado y Nuñez[12])  welche letztere ich vollständig besitze. Ein Werk von Wichtigkeit scheint mir Góngora's Antigüedades de Andalucía.[13] Ich habe es in der Hand gehabt, es ist schön gedruckt und enthält Abbildungen, ich hoffte immer, der Verfasser, den ich in Granada kannte (er besitzt auch ein kleines anthropologisch-archaeologisches Museum) würde es mir schenken – aber es war nichts damit. Er scheint etwas von der Phantasie seines Ahnen, des großen Dichters, geerbt zu haben; |4| wenigstens kommen in dem Buche praehistorische Inschriften vor, die ich ungemein neugierig wäre kennen zu lernen. Könnte nicht Wurmbrand das Buch für sich erwerben? (spanische Bücher besorgt rasch und reell der deutsche Buchhändler Ferdinand Holm Madrid, Jacometrezo 59). 3) wünscht Grf. W., ich möchte mit geeigneten Persönlichkeiten in Beziehung treten, damit man nötigenfalls Austausch von Gegenständen erwirken könnte. Indem man einen und den Andern zum Ehrenmitglied unseres jugendlichen Vereins ernannte, wären sie für die Interessen desselben zu gewinnen. Den berühmtesten spanischen Anthropologen F. M. Tubino, an welchen mir Grf. W. einen Brief mitgegeben hatte, fand ich schon in Barcelona vor, traf ihn aber dann in Sevilla, wo er zu Hause ist, nicht wieder, habe also mit dem mich nicht aussprechen können. Er ist der grosse Vermittler mit dem Ausland in Kunst, Anthropologie, Naturwissenschaften u. Gott weiss was (er hat auch neulich die Rosa Gerold[14] in Madrid spazieren geführt); ich glaube aber er ist ein arger compilateur und faiseur, seine Landsleute halten nicht sehr viel von seinen Schriften und als spanischer Kommissär bei der Pariser Welt-[15]

 

[1] Der Anthropologische Verein in Graz wurde 1878 auf Initiative von Ladislaus Gundacker von Wurmbrand-Stuppach gegründet und bestand wahrscheinlich nur bis zu dessen Ernennung zum Landeshauptmann 1884 (mündl. Auskunft Stephan Karl 11.02.2014). Aus den Vereinsstatuten (Anthropologischer Verein (ed.) 1878): „Der Verein führt den Namen anthropologischer Verein und hat seinen Sitz in Graz. Er stellt sich die Aufgabe, die Anthropologie, Ethnologie, Urgeschichte, Archäologie und verwandte Wissenschaften zu fördern und deren Ergebnisse in weitere Kreise zu verbreiten. § 2. Die Mittel durch welche der Zweck des Vereins erreicht werden soll, sind: a) Regelmäßige Versammlungen mit Vorträgen und Discussionen, b) Veranstaltung und Förderung von Ausgrabungen, c) Arbeiten im Gebiete der genannten Wissenschaften. Als Forschungsgebiet haben vorzugsweise Steiermark und die benachbarten Länder zu gelten. [...]“ 1878 hatte der Verein bereits 53 Mitglieder, unter anderem Hugo Schuchardt. Wilhelm Gurlitt ist Schriftführer des Vereins.

[2] John Rhys (1840-1915) korrespondierte mit Schuchardt in den Jahren 1871 bis 1879 (Briefnr. 09496-09518).

[3] Pedro González de Velasco (1815-1882), spanischer Arzt und Anthropologe und Gründer des anthropologischen Nationalmuseums in Madrid. Das Museum wurde als Museo Anatómico gegründet (vgl. Ministerio de Educación, Cultura y Deporte 2011: Historia del Museo). Als Schuchardt im Mai 1879 Madrid besuchte, hat er vermutlich das Museum besucht und vielleicht Velasco auch selbst kennengelernt (Ich danke Elisabeth Egger für die Hinweise zu Pedro Velasco).

[4] Ladislaus Gundacker von Wurmbrand-Stuppach (9.5.1838 - 26.3.1901), Initiator der Gründung des Anthropologischen Vereins (Stephan Karl, mündliche Mitteilung 11.02.2014) und befasste sich im Rahmen von Privatstudien vor allem mit der Archäologie (Schwerpunkt: Urgeschichte). Er war zeitweise Minister und wurde 1884 zum Landeshauptmann der Steiermark ernannt. (vgl. Wurzbach 1889: 309-312) Schuchardt korrespondierte zwischen 1878 und 1879 mit Wurmbrand. (Briefe: 12901-12904)

[5] Tubino (1872).

[6] Tubino (1876).

[7] Vilanova i Piera (1872).

[8] Villaamil y Castro (1876).

[9] Villaamil y Castro (1873).

[10] Vilanova (1869).

[11] I. G. C. (1870),  der Autor wird nicht genauer benannt.

[12] Machado y Nuñez (1871).

[13] Góngora y Martínez (1868).

[14] Rosa von Gerold (geb. Henneberg) führte in Wien einen Salon und war Schriftstellerin. Ihr Mann war der Verleger Moritz von Gerold. Sie verfasste unter anderem den Reisebericht „Eine Herbstfahrt nach Spanien“, der in der ersten Auflage 1880 herauskam (Gerold 1881) (vgl. Stumpf-Fischer s.d.).

[15] Der Brief ist unvollständig erhalten. Er befindet sich im Nachlass Gurlitt, jedoch nicht unter Schuchardts Namen, sondern unter „Unbekannt“. Im Antwortbrief (Lfd.Nr. 5) erwähnt Gurlitt, dass er den Brief an den Grafen Wurmbrand weiterleiten und danach zu den Akten des Vereins legen wolle. Möglich wäre, dass er diesem nur die ersten vier Seiten übersandte, da nur diese für ihn relevant waren. Das sehr abrupte  Ende auf der Seite 4 macht diese Möglichkeit aber unwahrscheinlich.