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Brief (4)

Graz, 12 Sept. 1886.

Sehr geehrter Herr,

Eben von einer Reise in die Alpen zurückgekehrt, finde ich Ihren Brief vom 19. Aug. vor. Es wäre allerdings sehr wünschenswert wenn Ihre Abhandlung in deutscher Fassung erschiene und so noch weiteren Kreisen zugänglich gemacht würde; und zwar würde ich eine Zeitschrift als Medium dieser Veröffentlichung empfehlen 1. Fragen Sie doch bei Techmer 2 und ausserdem bei Bezzenberger 3 und Kuhn 4 an, die beide nicht Junggrammatiker sind. Techmers Zeitschrift scheint mir das passende Organ 5, nur wird vielleicht einige Zeit bis zum Abdruck verfliessen und das ist gerade bei dieser Angelegenheit wo jeder Monat fast Neues bringt (Ascoli schreibt mir eben dass er eine längere Poscritta zu seiner Lettera glottologica: Dei Neogrammatici gemacht hat 6), unangenehm. Wenn ich Ihnen durch irgend welche Fürsprache bei diesem Unternehmen nützlich sein kann, so werde ich es mit Freuden thun.
In Bezug auf Ihren Schlusspassus bemerke ich noch Folgendes. Sie bezeichnen den Parteistreit zwischen den Junggrammatikern und ihren Gegnern als "oft ziemlich persönlichen" und so hätten Sie im Norden überhaupt keine Veranlassung sich daran zu betheiligen. Aber mir, der ich mit Leskien, Brugman, Paul, Neumann u.s.w. persönlich befreundet bin (Leskien war in Leipzig mein Kollege, Paul mein Famulus), liegt es doch noch ferner diesen Streit zu einem persönlichen zu gestalten, und daher berührte es mich eben etwas unangenehm, dass Sie mich in anderer Weise als einen Gegner der Junggrammatiker bezeichneten als sich selbst. – Hoffentlich kann Ihnen bald meine Anzeige Ihrer Schrift (in der Deutschen Ltzt.) senden.
Bestes von Herzen wünschend

Ihr ergebener Hugo Schuchardt


[1] In seiner Autobiografie (En Sprogmands Levned, Kopenhagen, Gyldendal, 1938; Englische Übersetzung A Linguist’s Life herausgegeben von A. Juul, H. F. Nielsen, J. E. Nielsen, Odense: Odense University Press, 1955, S. 53), schreibt Jespersen über die Lautgesetzfrage: „This brought me into contact with the outstanding German Romanist Hugo Schuchardt, who the year before [1885] had published a short book Über die Lautgesetze. Gegen die Junggrammatiker. He encouraged me to get my paper translated into German (this was done by Christian Sarauw) and he had it published in Techmer’s Internationale Zeitschrift für allgemeine Sprachwissenschaft“.

[2] Friedrich Techmer (1843-1891), Herausgeber der Internationale[n] Zeitschrift für allgemeine Sprachwissenschaft.

[3] Adalbert Bezzenberger (1851-1922), baltischer Philologe, der Begründer der Beiträge zur Kunde der indogermanischen Sprachen.

[4] Adalbert Kuhn (1812-1881), deutscher Indogermanist, Herausgeber der Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung.

[5] Schuchardt bezieht sich auf die Internationale Zeitschrift für Allgemeine Sprachwissenschaft.

[6] Ascoli, G.I., „Dei Neogrammatici. Lettera al prof. Pietro Merlo – Poscritta“, Archivio Glottologico Italiano 10 (1886), p. 18-73, 73-105; „Due recenti lettere glottologiche e una poscritta nuova“, Archivio Glottologico Italiano 10 (1886), p. 105 ss.