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Brief (6-06447)

Die Bearbeitung dieses Eintrags ist noch nicht vollständig abgeschlossen.

Sehr verehrter Herr Professor!

Ihren gütigen Brief vom 28. Nov. 22 beantworte ich erst heute. Immer hoffte ich ihn so beantworten zu können, wie er es verdienen würde, oder wenigstens, wie ich es können würde; aber es ist diesen Winter alle geistige Arbeit für mich ausgeschlossen. Ich bitte Sie also diese Zeilen nur als einem guten Willen entstammend zu betrachten. – Dass ich so schlecht geschrieben habe, war auch Folge der leidigen Sparsamkeit. Das Weihnachtsgeschenk meiner Frau an mich war dies gute Briefpapier, das sie vor langer Zeit mal bekommen hat. Da brauche ich nicht alte Hefte mehr auszuplündern zu ernsthaften Briefen! Sie haben mich aber gehörig gestraft: nur Meillet[1] erscheint auch mir schätzenswert; aber Meyer-Lübke[2] ist, wie Sie sich denken können, ja für mich das absolut furchtbare; selbst Brugmann ist da noch |2| erträglich. Wäre ich nicht absoluter Feind der Polemik, würde ich mal so Äusserungen von M.-L. und besonders seiner Schüler (Zauner[3] und Herzog[4] z.B.) zusammenstellen, dass wirklich alle staunen würden. Übrigens – eines ist wahr; Halbtümer begehen sie nicht, wo ‘halb und halb kein ganzes macht’; sondern Dummheiten von so völliger Rundheit, dass dadurch die Wissenschaft sehr gefördert wird. (Ich spreche natürlich immer nur vom Prinzipiellen; im einzelnen sind natürlich M.-L. nebst Nachkommenschaft sehr wackere und verdiente Leute [bes. der erwähnte Zauner].) – Doch ich will nicht schimpfen, ich darf es wirklich nicht; meine “Tscheremissische Grammatik“[5] fand und findet so viel Anerkennung, dass ich überrascht und gerührt bin. – So unendlich gern hätte ich zu Ihrem ‘Sprachursprung’ nun im ganzen Stellung genommen. Es geht nicht. Kaum dass ich Zeit fand, es zu lesen! Die Hausarbeit lässt mir keine Zeit. Wohl habe |3| ich durch Vergleich mit einer Stelle der ‘Kreolischen Studien’[6], auf die Sie hinweisen, den tiefen und seit Jahren erstrebten Zusammenhang Ihrer Probleme erkannt, aber zu förderlicher Besprechung reicht’s halt nicht. – Überaus interessiert hat mich ihre Kontrastierung des Kymrischen und des Baskischen, in der Sie doch auch Verwandtes aufzeigen.[7] Ich für meine Person sehe beide Sprachen einen “flexions-isolierenden“[8] Typus herausbilden, dem sich auch das awarische[9] z.B. nähert (und wohl auch andere nord-kaukasische Sprachen), selbstverständlich überhaupt die ganze westeuropäische Sprachenwelt, im Gegensatz zu der slawischen und finnischen. Hier sind wir nun wieder bei den Sprachtypen, die m. A. n. die zentrale Frage der (oder vielleicht bescheidener: meiner) Sprachwissenschaft sind. Ich bin ja sehr versöhnlich, oder psychologisch: ich denke, wenn ehrliche, nur der Wahrheit, nie dem Erfolg zugewandte Forscher ganz entgegengesetzte Meinungen über eine Sache haben, dass sie beide doch recht haben. Fraglos hängt alles an der Definition von “Form“, wie Sie sagen. Ich für meinen Teil werde versuchen den Ausdruck zu |4| beseitigen oder fortzubilden. Man muss wohl sehr unterscheiden zwischen “Formen“ und “Form“. (Ich weiss nicht, ob das Winkler z.B. immer ganz gelungen ist.) Es sollte wohl zunächst nichts weiter damit gesagt werden, als dass die grammatischen Kategorien im Sanskrit durch Formen, im Chinesischen durch die Stellung ausgedrückt werden. Was wohl fraglos ein prinzipieller Unterschied im Sprachbau ist; der freilich auch nicht ganz streng durchgeführt ist, da es ja im Chin. Ansätze zu Formen, im Sanskrit dagegen Ansätze zu (oder ursprünglichere) Formengleichheiten giebt. Soweit wäre wohl alles schön und gut. Aber Steinthal wollte ja, wenn ich mich recht besinne, grade das Chin. wieder zur “Formsprache“ aufrücken lassen.[10] Was dachte er sich wohl dabei? Ich weiss es nicht, und glaube, dass er da, wie öfters, trotz seines hingebenden Ernstes, falsch gedacht hat. Überhaupt ist vielleicht der Ausdruck “formlos“ zu streichen. Ich will in den nächsten Jahren, wenn ich wieder lese,[11] Übungen über die Lehre von den Sprachtypen abhalten und hoffe, dass ich da zur Klarheit gelange. Es ist wohl doch ein starker Zuschuss Mystik in der Ausdrucksweise. Man |5| muss wohl sagen: formenlose Sprachen. Denn Form haben ja alle. Damit ist aber vielleicht doch noch nicht ganz umgrenzt, was “formlos“ bedeuten sollte. Es war doch ein von-oben-herab damit verbunden; und zwar bei Steinthal ein keine Hoffnung lassendes, während Finck dem durchaus widersprach. ç-geb-s-m[12] bleibt aber auf alle Fälle eine Form bzw. vier Formen, denn ç steht mir, geb gibt, m er gegenüber. Ich selber gehe seit Jahren um diese Geschichte herum und bin bei dem Bedenken auch zu diesem gelangt: ich spreche von formvariierenden und uniformierenden Sprachen.[13] Damit ist das Werturteil, das unseren lieben Simonyi[14] immer verdross, beseitigt, und die Sache vielleicht doch klarer gemacht: homini, servo, deae sind formvariierend; to the man, servant, ... uniformierend; az ambernek[15], aber világnak[16] formvariierend, aber rein phonetisch formvariierend.[17] – Vielleicht hilft mir auch erneute Durcharbeitung Humboldts weiter. Es haben ja seine Nachfolger (leider auch Steinthal grade) ihn durchaus nicht verbessert, sondern im Gegenteil mehrfach leise Andeutungen, Fragestellungen Humboldt’s in |6| falsche Dogmen verwandelt. – Sehr würde ich mich freuen, wenn Sie eine Abhandlung von mir “Zur Frage der Sprachmischung“[18] einmal ansehen würden, die vor 10 Jahren in “Beiträgen zur Sprach- und Völkerkunde“ (Festschrift für A. Hillebrandt[19]) (Halle a. S.) erschienen ist. Ich habe leider keine Abdrücke mehr von ihr und würde sie eigentlich Ihnen jetzt am liebsten vorlegen, wenn ich auch selbstverständlich die Störung kaum zu verantworten wage.[20] – Die Abhandlung von Schriefl[21] erlaube ich mir Ihnen zu empfehlen. Auch Winkler kannte sie nicht. Ich halte Schriefl (ausser mir) für den einzigen jüngeren, der ernsthaft auf allgemeine Sprachwissenschaft zielt. – Hans Abel[22], etwas jüngerer Leipziger Studienkamerad von mir, hat mit C. Abel, wie er mir vor 20 Jahren selbst auf meine Frage sagte, nichts zu tun. Er versprach schon damals etwas; und ich hätte nicht gedacht, dass die Leipziger Modedummheiten so tief sich in sein Köpfchen gefressen hätten, dass er noch 1913 (Erz. im Dial. von Ermenne[23]) S. 5 drucken liess: “unsere Scheidung in Wörter“ ist “nur eine Art Notbehelf“, und sogar meint, dass wir das “nicht vergessen“ “dürfen“.[24] Da möcht ich den Kindern immer zurufen: “Esel, guck mal in den Spiegel“, so isoliert du den Esel da drin siehst, so wahr ist das Wörtelein: Esel isoliert, “ohne Grammatiker“.[25] Aber selbst mit dem alten, klugen Delbrück[26] musst ich über diese Frage streiten! Glücklicherweise hindern falsche Prinzipien nicht die Wahrheit im einzelnen – Indem ich Sie, hochverehrter Herr Professor, für diesen schwatzhaften Brief um Verzeihung bitte und wünsche, dass Sie recht glücklich ins neue Jahr hinüber gelangt sind, bin ich mit erfurchtsvollem Gruss

Ihr ergebener Ernst Lewy.

11. I. 22[27]

 

[1] Antoine Meillet (1866-1936), französischer Sprachwissenschafter und Indogermanist, Professor für vergleichende Grammatik am Collège de France.

[2] Wilhelm Meyer-Lübke (1861-1936), Schweizer Romanist, von 1890-1915 in Wien tätig (ab 1892 als ordentlicher Professor), später in Bonn.

[3] Adolf Zauner (1970-1940), österreichischer Romanist, 1938 auch kurzzeitig Rektor der Universität Graz.

[4] Eugen Herzog (1875-1928), österreichischer Romanist.

[5] Lewy (1922a). Tscheremissische Grammatik. Darstellung einer wiesentscheremissischen Mundart.

[6] In Sprachursprung III (1920: 455, 1. Anm.) verweist Schuchardt auf Seiten in seinen Kreolischen Studien IX (1890). Dort findet sich ein Beispiel aus dem Niedermalaiischen, mit dem Schuchardt zeigen möchte, dass die Verben in dieser Sprache sowohl aktiv als auch passiv interpretiert werden können (vgl. Schuchardt 1890: 195).

[7] Damit spielt Lewy auf folgende Anmerkung Schuchardts in seinem Exkurs zu Sprachur­sprung III an: „Dem kymr. wyf yn gweled Arthur [ich bin im Sehen Arthurs] entspricht das bask. ikusten dut Arthur in der Bedeutung, aber nicht in der innern Form, da das Hauptverb nicht intransitiv, sondern passivisch ist: im Gesehen-werden er gehabt wird von mir Arthur. Das bask. ikusten naiz würde sich dem Wortlaut nach mit der kymr. Verbindung decken, weicht aber nun wieder in der Bedeutung ab; diese ist eigentlich die passive, aber hat sich zur reflexiven umgestaltet: ‚ich sehe mich’. Im Kymrischen ist gerade das Umgekehrte geschehen: wyf yn fy ngweled (gewöhnlich: yn cael fy ngweled), ‚ich werde gesehen’“ (Schuchardt 1921a: 202).

[8] Flexionsisolierend bedeutet, dass die flexivischen/grammatischen Elemente von den bedeutungstragenden Elementen der Rede, zu denen sie gehören, abgetrennt (d.h. isoliert) werden können, d.h. nicht im unmittelbaren Kontakt bzw. im direkten Verbund mit diesen realisiert werden. In Lewys Sprachtypologie spielt dieser Begriff insbesondere bei der Charakterisierung des atlantischen Sprachtyps (zu dem u.a. die romanischen Sprachen, Englisch, Irisch und Baskisch gehören) eine wichtige Rolle (vgl. hierzu Lewys Der Bau der europäischen Sprachen 21964 [erste Auflage 1942]).

[9] Beim Awarischen handelt es sich um eine nordostkaukasische Sprache.

[10] Steinthal versteht unter Form die sprachliche Inbeziehungsetzung der Wahrnehmungs­inhalte (des Stoffes). Im Chinesischen würde diese Funktion einwandfrei durch die Wortstel­lung (ergänzt durch Hilfswörter und prosodische Eigenschaften) erbracht, woraus sich ergibt, dass das Chinesische als Formsprache zu klassifizieren sei (vgl. Steinthal 1860: 113-114). Steinthals Definition von Formsprachen bezieht sich somit nicht auf das Vorhandensein von morphologischer Formvariation in einer Sprache, sondern darauf, ob überhaupt (also u.a. auch durch die Syntax) eindeutige Beziehungen zwischen den einzelnen Elementen des Satzes hergestellt werden.

[11] Lewy war ab dem Sommersemester 1923 wieder als Privatdozent in Berlin tätig und hielt Lehrveranstaltungen ab (vgl. Holfter 2008: 369).

[12] Dt. „Ich geb’s ihm“. Für die Hilfe bei der Entzifferung möchte ich mich bei Utz Maas bedanken.

[13] Eine Erläuterung dieser Termini findet sich u.a. in einer Fußnote in Lewys Betrachtung des Russischen (1925a): „Eine grammatische Beziehung wird in allen Fällen, wo sie auftreten kann, durch ein Zeichen ausgedrückt; z.B. der Dativ im Tscheremissischen durch -lan [dann spricht man von uniformierend]. Eine phonetische Variation liegt im Finnischen vor, wo das Suffix des Inessivs -ssa oder -ssä lautet. Hier dürfen wir, mit der gegebenen Einschränkung, von ‚Uniformierung’ sprechen. Wenn die 1. Pers. Sing. durch -o, -m, -i (amo, amabam, amavi) bezeichnet wird, so darf man von ‚Formvariierung’ sprechen“ (Lewy 1925a [1961: 341, Anm. 2]).

[14] Zsigmond Simonyi (1853-1919), ungarischer Sprachwissenschafter.

[15] Ungar. ambernek „dem Mann/Mensch“.

[16] Ungar. világnak „der Welt“. nek/nak ist die Dativendung.

[17] Interessant ist, dass Lewy die phonetische Variation in der oben zitierten Definition der Uniformierung zuordnet, im Brief jedoch der Formvariation.

[18] Lewy (1913c). Zur Frage der Sprachmischung.

[19] Alfred Hillebrandt (1853-1927), Indologe, Philologe in Breslau.

[20] Lewy dürfte Schuchardt doch noch ein Exemplar seiner Arbeit zukommen haben lassen. In der Fachbibliothek für Romanistik der Universität Graz findet sich nämlich ein Sonderdruck davon (Sperrmagazin, Signatur: AS/52/4).

[21] Schriefl (1912/1913).

[22] Hans Bernhard Ambrosius Abel (geb. 1883), Sprachwissenschafter.

[23] Abel (1913). Eine Erzählung im Dialekt von Ermenne (Nubien). Schuchardt (1913) hat diese Arbeit rezensiert.

[24] Im Original in Abels Einleitung bezüglich der graphischen Wiedergabe seines Sprach­mate­rials folgendermaßen: „Denn wir dürfen ja nicht vergessen, daß unsere Scheidung in Wörter nur eine Art Notbehelf ist, die Übersichtlichkeit zu erhöhen, wir sprechen alle, ob Deutsche oder Nubier oder sonstwer, in Sätzen, nicht in aneinandergereihten Wörtern“ (Abel 1913: 5).

[25] Vgl. dazu Lewy im Vorwort seiner Tscheremissischen Grammatik (1922a): „Gewiß, die ‚Worte’ sind keine Abstraktionen, keine Erfindungen der Grammatiker! aber es ist auch nicht richtig, zu sagen – und noch falscher, eine Sprache in solchem Sinne aufzufassen aus dem Munde naiver Sprecher –, daß Sätze eine Zusammensetzung von Worten sind“ (Lewy 1922a: VII).

[26] Berthold Delbrück (1842-1922), Sanskritist, Junggrammatiker; berühmt v.a. für seine Arbeiten zur Syntax.

[27] Hier hat sich Lewy bei der Jahreszahl verschrieben.