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Brief (05-HS-Diefenbach)

Gotha d. 7 Juli 69.

Verehrter Herr!

Ihr gütiges Anerbieten nehme ich mit herzlichstem Danke an. Doch täuschen Sie sich, wenn Sie glauben, dass ich mit einem "Werke" über das Rätoromanische beschäftigt bin. Ich denke allerdings später einmal Ausführlicheres auf diesem Felde zu Tag zu fördern; jetzt aber nur ein ganz unbedeutendes Specimen dieser Studien abzufassen. Wie ich Ihnen andeutete, zu einem besonderen Zwecke, nämlich zu meiner Habilitation als Dozent für romanische Sprachen, mit der ich mich nun, in einem Alter von 27 Jahren, doch etwas beeilen muss. Ihre Notizen werden mir sicher vom grössten Nutzen sein; indessen wäre es äusserst unbescheiden von mir, Ihnen einen "letzten Termin" für deren Mittheilung zu bezeichnen.

Was bear anbelangt, so erlaube ich mir, Ihnen die von mir gesammelten Formen mitzutheilen, die sich vielleicht Ihrem scharfen Blick in etwas grösserer Durchsichtigkeit darstellen, als dem meinigen.

oberländ.         suprasilv. bêr (bear, biar) oberengad. bgèr (bgiar),

subsilv. blêr (blear)

unterengad. blèr Md. v. Poschiavo (lomb.) biglier Md. v. Bregaglia (lomb.) bier1. Die Lautübergänge: lj _ l _ g _ * sind für das Bündnerische nicht leicht zu belegen und die Urform daher schwer zu bestimmen. Wenn ich an eine Zusammensetzung denke, so geschieht dies in Rücksicht nicht nur auf fr. beaucoup, sd. auch auf Md. von Albosaggia (lomb.) bononĉ, viel (once daselbst = Menge) und Md. von Poschiavo bêlebèn, viel. In ersterer Mundart heisst auch be viel, welches ich = bene (wie frz. bien de)2 deute; sollte dieses selbe Adverb nicht auch im engadinischen be, erst, nur stecken? Gèrr im Veltlinischen hängt wohl nicht mit dem gleichbedeutenden guari zusammen, aus welchem freilich in Schweizer Patois sogar guiéro, diéro, djaire geworden ist; denn ich habe bis jetzt kein anderes Beispiel von g = gu hier auftreiben können. Dieses guari glaube ich vielmehr in dem gemeincomask. davèr, sehr viel, mit dem veltlinischen Superlativ davrissòn, zu erkennen da bietet kein Bedenken, v = gu = germ. w ist hier mehrfach zu belegen, wie valdràpa, vardà, sodass wohl Niemand auf davvero verfallen wird. Neben jenem gèrr finde ich im Veltlinischen noch ciaer = assai, als Beispiel beide zusammen: gèrr ciaer, guari assai.

Über Vieles mich aufzuklären, darf ich erst nach einem Besuche Graubündens und nach dem Erscheinen des Schnellerschen Werkes erwarten. Dasselbe ist, wie mir Schneller selbst schreibt, in den ersten Bogen schon gedruckt3 und verspricht allerdings sehr interessant zu werden. Er hat auch einen eigenen Abschnitt über die romanischen Elemente im Tiroler Deutsch.4 Versprochen hat er mir einen Programmaufsatz, in welchem sich das Bruchstück eines Gedichtes in Nonsberger Mundart aus dem vorigen Jahrhundert abgedruckt befindet.5 Was die Grenzen des Rätorom. und Ital. anlangt, so ist es so, wie ich mir gedacht habe; ersteres wird durch letzteres verdrängt und es entstehen Mittelfärbungen.

Die ganze alpine Reihe: Friaulisch-Mdarten nördlich von Belluno – Tiroler Rätorom. – Bündner Rätorom. – Nordlombardisch – Schweizer Patois übt auf mich eine ausserordentliche Anziehungskraft; für den Linguisten und Ethnographen liegen hier gewiss mehr Schätze verborgen, als irgend anderswo auf romanischem Gebiete.

Von seinen grossen Plänen sollte nur Einer nie sprechen; es könnte ihm sonst gehen, wie Hrn. Freund, nach dessen Resultaten ich mich auch schon Vok. III, 33 erkundigt hatte.6

Mit vorzüglichster Hochachtung
Ihr ergebenster
Dr. Hugo Schuchardt.


[1] "Md. v. Bregaglia (lomb.) bier" nachträglich eingefügt.

[2] Text in der Klammer nachträglich eingefügt.

[3] Im schon erwähnten Brief von Schneller vom 29.6.1869 (Nr. 10138, vgl. Befußnotung des Briefes Lfd. Nr. 3) schreibt Schneller: "Mein Werk ist bereits in den ersten Bogen unter der Presse".

[4] Es handelt sich um den dritten Teil des Idiotikons in Schneller (1870: 261-281).

[5] Vgl. die Befußnotung des Briefes Lfd. Nr. 3. Schneller führt seinen Brief vom 29.6.1869 (Nr. 10138) so fort: "unter andern wird ein längeres Bruchstück einer Nonesada, d.i. eines Gedichtes in Nonsberger Mundart vom J. 1776 Sie sicher interessiren". Die besagte Nonesada, geschrieben für eine Hochzeitsfeier, die im Jahre 1777 stattfand, ist in Schneller (1869: 15-18) abgedruckt.

[6] Vgl. Schuchardt (1868: 33 FN): "Das Buch des Professors Giuseppe Giorgio Sulzer: 'Dell'origine e della natura dei dialetti comunemente chiamati Romanici messi a confronto coi dialetti consimili esistenti nel Tirolo Trento 1855' möge Keinen durch seinen Titel dazu verführen, sich um dasselbe zu bemühen. In der introduzione erwähnt der Verfasser einige Mal ganz flüchtig die rhätoromanischen Dialekte Tyrols, erzählt uns S. 41, dass Wilh. Freund sich eigens nach Tyrol und Graubündten begeben habe, um Untersuchungen über die Sprache anzustellen (sind die Resultate irgendwo veröffentlicht worden?) und gibt S. 243-246 das Vaterunser in dem verschiedenen Romanisch Tyrols, aber auch nur zufällig, unter den Proben von 100 Sprachen".