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Brief (03-HS-Diefenbach)

Gotha d. 30 Juni 69.

Hochverehrter Herr!

Diese weiteren Zeilen von meiner Seite sollen Ihnen keine neue Belästigung, sondern den wärmsten Dank für die liebenswürdige und rasche Beantwortung meiner Anfrage bringen.

Unter denjenigen Wörtern von zweifelhaftem Ursprung, denen wir im Deutschen wie im Romanischen begegnen, mögen nicht wenige einem dritten Sprachgebiet ursprünglich eigen sein, so oberd. dachse, dächse, rätorom daschlauna u.s.w. Von deutscher Herkunft des it. matto, matta, u.s.w. vermag ich mich nicht durchaus zu überzeugen;1 ebenso wenig scheint mir piem. rista dem Ahd. entnommen zu sein (Diez Wtb. I, 347)2, das deutsche Reiste, Rîste vielmehr von lat. arista, Haar der Kornähre, it. resta gleichbed. Md. v. Poschiavo rest Flachs oder Hahnfachel herzustammen. It. lisca entspricht dem lat. arista in der doppelten Bedeutung 'Achel' und 'Gräte' und formell zwischen beiden steht comask. resca, 'crine o pagliuzza aderente alla buccia del grano del formento e d’altri grani', im 17. Jhh. = Achel des Flachses, sodass mail. lisca u.s.w. Riedgras (Diez Wtb. I, 252)3 weiter abliegen würde.

Blear, das auch Sie einst in den Celtica wegen bear mit Kymr. bar u.s.w. zusammenstellten,4 scheint mir mit ben oder bel (vgl. beaucoup) zusammengesetzt; biglier und gerr, viel, kann ich nachweisen. – An Schneller habe ich neulich einmal geschrieben; ich glaube, er wird die Grenze zwischen den rätorom. und ital. Mundarten Tirols nicht ganz vorurtheilsfrei ziehen.5 Ob Pallioppi’s Werk gedeiht, bezweifle ich.6 Was in Deutschland Zusammenhängendes über Rätoromanisch geschrieben worden ist, leidet an grossen Mängeln; die letzte Arbeit, die von Stengel, ist aber darin doch zu stark und von ausserordentlicher Flüchtigkeit.7 Mit Ausnahme von Staub, Das Brot8, kenne und besitze ich meistens die von Ihnen genannten einschlägigen Schriften.9 Auch mir hat Thurot sein Werk zugesandt10. Bridel der Verfasser des Glossars, ist mein Grossonkel11.

Das einzige Wesentliche, was ich noch vermisse, ist Pirona, Vocabolario furlano12; ich habe es in Venedig schon in diesem Frühjahr, auch bei Ascoli in Mailand gesehen,13 aber um meinen Koffer nicht zu beschweren (!), nicht mitgenommen. Jetzt habe ich es schon vergeblich von Göttingen und Weimar zu erhalten gesucht; kennen Sie es? Ich trage durchaus kein Bedenken, das Friaulische geradezu dem Rätoromanischen zuzuzählen. Von meinen Studien erwarten Sie nicht zu viel; es wird eine 'lächerliche Maus' zu Tage treten. Ich hatte eine Arbeit über die römische Mundart begonnen, zu der ich in den Bibliotheken und Osterien Roms Manches gesammelt hatte; da Sie [sic] aber einen zu grossen Umfang anzunehmen drohte und ich binnen Kurzem einer wissenschaftlichen Abhandlung benöthigt bin, so habe ich mich in den grauenhaften Wirrwarr rätorom. Orthographie gestürzt, um nach einigen Lautgesetzen zu fischen. Ich habe nicht zu viel, aber merkwürdige Einflüsse von Konsonanten auf folgende Vokale entdeckt.14

Mit vorzüglichster Hochachtung Ihr ganz ergebener
Hugo Schuchardt.


[1] Diez (31870: 46) führte, Bezug nehmend auf Diefenbach (1851 Bd. II: 2), oberit. matto 'Knabe' matta 'Mädchen' auf ahd. magat, mhd. maget zurück.

[2] Vgl. Diez (31869: 327): "Resta it., sp. ristra, pg. reste, restia, pr. rest bund zwiebeln,knoblauch oder anderer fruchte; von restis seil, weil sie daran befestigt werden, wiewohl das lat. restes allii sive caeparum etwas anderes ist als das pr. una rest de cebas ho de alhs LR. V, 88, indem jenes die blätter der zwiebel bedeutet. Das piem. rista hanf trifft dagegen mit ahd. rîsta flachsbündel zusammen".

[3] In Diez (31869: 251) ist zu lesen: "Lisca it. halm, gräte, piem. lesca, mail. lisca, fr. laîche (füe lêche) riedgras; ahd. lisca farrenkraut, ried. ndl. lisch. Dasselbe wort ist it. lisca, piem. lesca, cat. llesca, neupr. lisco, lesco, fr. lêche (nicht laîche geschr.) mit der bed. feine schnitte von etwas; vb. cat. llescar in schnittchen zertheilen. Eine altndd. glosse Graff II, 281 lautet lesc 'scirpus, papirus', die zweite bedeutung der zweiten romanischen ganz nahe liegend; ein anderes setzt gradezu lisca 'sniede' Nyerup p. 285".

[4] Vgl. Diefenbach (1839: 184-185): "Wir haben viele Beispiele aus mehreren ausgehoben, um zu zeigen, wie einheitlich dieser Wortstamm in den keltischen Sprachen ist […]. Eine Menge entsprechender Wörter in den Germ. und Rom. Sprachen halten wir, wenn auch nicht alle verwandte, aus den keltischen entlehnt. U. A. findet auch in den obigen Wörtern das auffallende Rhät. Bear = (weit ferner von ähnlich klingenden Germ. Wörtern abstehend) viel; sehr seine Erklärung; zufällige Anklänge, wie Zend. (Anquetil) pooro = Georg. Beuri = viel können nicht gelten“.

[5] Schneller schrieb an Schuchardt am 29.6.1869 (Brief Nr. 10138): "Ich werde mir erlauben Ihnen nächstens einen Gymnas. Programm-Aufsatz, betitelt: "Ueber die mundartliche Literatur der Romanen in Südtirol" [unter der Presse] zu übersenden. Ich habe darin die beiläufigen Gränzen des ganzen friaulisch-ladinisch-churwälschen Sprachkreises bestimmt […]". Beim erwähnten Aufsatz handelt es sich um Schneller (1869). Von Schneller sind im Schuchardt-Nachlass noch zwei weitere Briefe aus den Jahren 1877 und 1897 (Nr. 10139-10140) erhalten.

[6] Wie im Kommentar zum Brief Lfd. Nr. 2 erwähnt, wurde das Wörterbuch von Zaccaria Pallioppi erst von seinem Sohn Emil vervollständigt und 26 Jahre nach diesem Brief veröffentlicht (Pallioppi & Pallioppi 1895).

[7] Gemeint ist Stengel (1868). Die Schrift hatte Schuchardt "offen gestanden, nicht befriedigt, da sie zu starke Mißverständniße und Mißgriffe enthält", wie er an Diez am 1.12.1896 schrieb (ich zitiere nach Hurch 2013: 36).

[8] Staub (1868).

[9] Wie in der Einleitung zu dieser Edition sowie in der FN 34 zum vorigen Brief (vgl. unter 02-02296) hatte Schuchardt schon im Jahre 1866 eine Liste einschlägiger rätoromanischer Werke von Wilhelm Gurlitt erhalten vgl. den Brief Gurlitts in der Edition von Olet (2015) unter 01-04231, in dem zahlreiche der auch von Diefenbach erwähnten Werke schon genannt wurden.

[10] Wahrscheinlich Thurot (1868), vgl. Brief Lfd. Nr. 2.

[11] Vgl. Brief Lfd. Nr. 2. Gemeint ist Bridel (1866).

[12] Es handelt sich um das Vocabolario friulano von Jacopo Pirona, das als Buch erst zwei Jahre später erschien (Pirona/Pirona 1871), dessen Publikation aber in Faszikeln schon seit 1867 im Umlauf war. Schuchardt erhielt das Werk durch den Bibliothekar Reinhold Köhler aus Weimar (vgl. Melchior 2014: 7-8).

[13] Schuchardt hatte während seines Aufenthaltes in Italien im Jahr 1869 Mailand besucht und war dort zu Gast bei Ascoli (vgl. Brief vom 9. April in der Edition von Lichem/Würdinger 2013, URL http://schuchardt.uni-graz.at/korrespondenz/briefe/korrespondenzpartner/bearbeitete/254/briefe/005-H37_62).

[14] Im Schuchardts Habilitationsarbeit sollte nämlich "der vorwärtswirkende angleichende Einfluss von Konsonanten auf Vokale, der positive wie negative, und die auf kombinatorischer Ursache beruhende Vokalabänderung aus dem Churwälschen und, wo dieses Anknüpfungspunkte bietet, auch aus andern romanischen Sprachen belegt" werden (Schuchardt 1870: 3).