Senden hat offenbar funktioniert, aber es wird noch ein Bestätigungsmail verschickt, sobald die Änderungen angekommen sind.
Es hat etwas nicht funktioniert. Bitte den Inhalt in Word (o.Ä.) kopieren und per Mail schicken.

Brief (01-06839)

September 9th 1882.

Geehrter Herr Doctor.

Sie sind wohlberechtigt über Nachläsigkeit [sic] und wohl auch Mangel an wissenschaftlichem Interesse bei mir zu klagen: Der Augenschein ist gegen mich[.]

Ich darf mir aber schmeicheln daß ich den letztern Tadel doch nicht ganz verdiene, u. den ersten mit der vielen Arbeit, die mir eben jetzt aufgelegt wurde abschwächen kann.

Ihr Geehrtes vom 20 Mai kam etwa den 25 Juni hier an: in einer fatalen Periode des wissenschaftlichen Arbeitens u der Correspondenz. Gerade am Datum Ihres Geehrten mußte ich neben der Vorstands Arbeit einer höhern Mädchen Schule, dd. dem Praesidium unserer Bible Revision Committee mit der Presse u der sich anreihenden Correctur noch das Secretariat mit den Rechungen etc übernehmen.

Ich hatte einen Aufsatz über das Zahlensystem der Yorubasprache angefangen,1 um solchen Mr Cust2 vorzulegen konnte aber darin soviel als nichts thun. Dazu kam Mitte Junis der Abgang eines Engl. Missionars, der eine Stunde nach seiner Ankunft in Liverpool starb, u weil jung – wenn auch nicht viel so doch einige Hilfe war. Dann erkrankte mit Ende August der Vorsteher des Schullehrer Seminars u. ich mußte in seine Stelle treten. Glücklich daß ich durch die Rückkehr eines älteren Missionars des Secretariats enthoben bin. –––

Ich bin Herrn Cust nicht böse daß er Sie mit meinem Namen bekanntmachte.3 Der gute Herr u seine Collegen in der Londoner Committee sollten uns aber auch mit passenden Arbeitern unterstützen.

Zuerst möchte ich aus Ihrem Geehrten eine Benennung ausgetilgt zu sehn. Das ist Aku oder besser A ku u.d.h. Ich grüße Dich oder auch mitplural. collectiver4 Sinn. u. wurde, weil häufig von den Engländern gehört, fälschlich als ein national Term genommen, um die vermeintlichen Akus von den andern 50 Sprach RepraesentantenSierra Leones zu unterscheiden. – Ich hatte im Jahr 1852 mit DrKoelle5, dem Verfasser der Polyglotta Africana6 darüber einen langen Streit: die Yoruba Sprache war mir nicht ganz fremd – und das Gebiet des Yoruba Land, dem ich damals zusteuerte war mir nur unter diesem Namen Yoruba. oder Deutsch geschrieben Joruba, bekannt.

Wenn heute noch Yoruba Sierra LeoneLeute hier den Ausdruck gebrauchen – so sind solche entweder nicht Yorubas bei Abstammung, oder wenn sie geborene Yorubas sind, so ist es eine faule Affectation um sich als Fremdlinge darzustellen, die eine höhere Stufe des Herkommens u Daseins erreicht haben. – weil sie English reden u das Yoruba sehr wohl verstehn u sprechen wenn der Vortheil es verlangt.

1. In Beantwortung Ihrer 1/4 Frage ist zuerst zu beobachten daß der Gebrauch der Portug. Sprache hier Lagos und Küste von Benin 2 Perioden hat. Die erste datirt von den Entdeckungen 1481 etc herunter zu der neuesten Zeit, u. möchte die reine Periode ohne RivalisirendesEnglish genannt werden.

Ihren Abschluß fand diese Periode durch die Einnahme der Stadt Lagos. (Eko in Yoruba) durch die Engländer im Jahr [#] 1851.

Die Portugiesen mußten die Stadt verlassen weil sie die Partie des dem Sklavenhandel geneigten Ex KönigKosoko ergriffen hatten.

Mit der Rückkehr mehr geordneter Zustände u der Colonisirung der Insel war auch die Möglichkeit gegeben daß das portugiesischeElement sich wieder einfinde. – Die alten Ansassen fanden sich wieder ein, kauften das Land auf dem sie früher Sklaven Factoreien gehabt hatten, weil hier Ihr Geld. (Dollars) vergraben war. – .

Aber nicht aus dieser Neuen Zeit stammt die Koenigl. Sprach Gabe des Portugiesischen

Es ist wohlbekannt daß alle diese Africanischen Könige – Ashante. Dahomey. Porto Novo. Lagos [–] dann ihre ersten Haeuptlinge, der Adel des Landes u. Ihre höheren Sklaven portugiesisch sprachen um mit den S.Händlern direct zu verkehren. Das Englische kannte man nicht u das Vernacular lernte kein Fremder.

Daher kommt es daß die meisten Deutschen Agenten der Lagos u Porto NovoFactoreienportugiesisch sprechen um mit diesen Rudera einer vergangenen Größe in Palmoehl zu handeln. –

Daß dieses Portugiesisch nicht rein war, läßt sich denken. Die Repraesentanten waren selbst nicht ungebildete Leute, u. die Eingeborenen lernten die Sprache nie im Schul schritt; sondern nur vom Hören aus dem Munde Schwarzer die längere Zeit unter den Brasilianischen etc Captains gelebt hatten. Das Portugiesische nahm also damals in gewissen Kreisen die Rolle des Francoesischen in Europa ein.

Jetzt nachdem 1000 von sogenannten Emancipados sich hier niedergelassen, kann der Gebrauch der Sprache mehr intensiv. in diesen Kreisen genannt werden[.]

Gewiß ist aber daß die allgemeinere Verbreitung zu Ende gekommen. Das Englische u das Yoruba haben ihr Recht zu stark in Beschlag genommen. – .

Aus dem Portugl. nehmen die hiesigen Arbeitsleute das Wort Jolo, or Chollo – für Bricks. im Innern möchte die Engl.FabricationBriki” mehr Eingang finden. – .

2. Ihre 2te Frage beschränkt sich auf das Neger Englisch. Ich glaube ich bin nicht Unrecht daran in der Behauptung daß die Eine Art des verdorbenen Engl. eine Importirte Waare ist, die andere eine locale Bildung.

Das erste ist rein S. Leone. ja wohl nicht ein mal dieß sondern von Nova Scotia u den West Indian Inseln. – Das Krooboy English hat seine Heimath gewiß nicht in ihrer Heimath, dort wo kein Englisch gesprochen wird sondern in den verschiedenen Uferstädten, in denen solche dienen.

Daß dieß die natürlichste Erklärung ist ist wohl bestätigt durch dies Factum daß in den francoesischenFactoreien, Gaboon etc, die Krooboys auch Francoesisch lernen u sprechen.

Krooboy English ist etwa Them boys no work! Masta. Them boys want run way.

Ich versuche ihr Englisch nachzumachen um noch in weiterem Gesichts Kreis als dem von Palm oil & Kernel & Boat and Rope etc verstanden zu werden.

Die Schwierigkeit ist der Mangel an Zeitwörtern in ihrem Lexicon. Solang man innerhalb ihres Wort Vorraths bleibt, wird man wohl verstanden, was immer die Grammatik sein mag.

3. Der Unterricht des Engl. in unsern Schulen hat glücklicher Weise einen großen Einfluß auf das ganze Bildungssystem der Nation: Man muß den Leuten mit dem S.Leone Engl. wirklich nachgehn: da die junge Generation etwas Besseres lernt, und da z. Hause nicht schlechtes Englisch – sondern Yoruba gesprochen wird, so hat dieses Engl. keine Heimat mehr. Nicht nur bei den Schuljungen sondern bei meinen Seminaristen finde ich den Einfluß des Yoruba. Hausa u andere Sprachen kommen nicht in Betracht. Die Soldaten lernen ihre militaerischen Vocabeln u halten sich an das Hausa, da sie alle Mohammedaner sind – genügt ihnen dieß. Die Ungebildeten machen Constructionen des Yoruba nach. Mo tete lo = (law) I go now: is: Mi go first: – Im Gebrauch des Plural sind meine Instituts Mädchen aber auch die Seminaristen etwas schwach. Ich kann leicht den Yoruba Einfluß sehn. in Compositionen u. selbst Uebersetzungen aus dem Lateinischen. Dieß sind mehr gelegenheitliche Erfahrungen die man nicht so genau beobachtet. Umgekehrt findet auch ein starker Einfluß des Engl. auf das Yoruba statt: in Uebersetzungen wie solche mir täglich unter die Augen kommen: da gibt es Stellen die eben English-Yoruba nicht idiomatischYoruba sind.

Ueber weitere Anstoßende Länder bin ich nicht unterrichtet. Vielleicht konnte der Eine oder der Andere der Basler Missionare Ihnen Auskunft geben: Doch wird in Accra eben mehr ein gelerntes Englisch als ein unter einer Mischung von Sprachstämmen erzeugtes Product der Nothwendigkeit gebraucht. – .

Ich habe vieles aber ich muß fürchten doch nicht genügendes geschrieben u. bitte um Ihre gütige Beurtheilung.

Einiges Neger d. h. Sierra Leone English will ich unter ”Book Post” senden u habe nun die Ehre
Geehrter Herr Professor, mich
Ihnen u. Ihrer gütigen Nachsicht zu
empfehlen u zeichne
in Hochachtung
Ihr Ergebener

A. Mann.


[1] Mann (1887).

[2] Robert Needham Cust (1821-1909) war ein britischer Orientalist und Mitglied vieler Komitees der Church Missionary Society. Cust korrespondierte auch mit Schuchardt, ist allerdings unter dem Namen Robert Curt verzeichnet [Korrespondenzpartnernummer: 333].

[3] Adolphus Mann war einer der von Cust empfohlenen Kontakte, vgl. Brief Nr. 2193 vom 17.5.1882.

[4] Eventuell aufgrund des späteren Ergänzens durch „mit“ nicht mehr korrigiert.

[5] Sigismund Wilhelm Kölle (1820-1902) war ein deutscher Missionar und Sprachwissenschaftler, der, ebenfalls im Auftrag der Church Missionary Society, einige Jahre in Sierra Leone verbrachte und sich dort intensiv mit afrikanischen Sprachen beschäftigte.

[6] Polyglotta Africana. Or a comparative vocabulary of nearly threehundred words and phrases in more than hundred distinct african languages. London, 1854. Kölle erhielt dafür den Prix Volney. (vgl. Lohmann 1992)