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Brief (01-09869)

Hochgeehrter H. Professor!

Ich hoffe, dass Sie die Antwort des H. Rešetar1 bereits in den Händen haben, denn er hat mir versprochen Ihnen gleich zu schreiben.

Hier meine Erläuterungen.

Bečke munide = Wiener Gelder = die aus Wien gekommenen (geschickten) Gelder.

Die hiesigen Slaven gebrauchen zwar immer novac = Geld, aber weil in der Posse die italienisierende Partei persifliert wird, so werden absichtlich einige italienischen Wörter eingeflochten und nach der slaw. Sprachweise mundgerecht gemacht, denn wenn zB. ein hiesiger Italiener slavisch spricht, so gebraucht er nur die slavischen Endungen, behält aber die ital. Grundwörter bei. So habe ich zB. noch diesen Morgen gehört: Činim girù, umro je jedan naš socio. /: facio il giro, perchè è morto un nostro socio:/

katriga= carega= Sessel

kunduna ist kein Druckfehler, denn dem Slaven klingt im Zeitwort mehr das o als das a, das o ist aber beim Croaten meistens u, folglich kundunat, statt „kondonat“.

barkanj kann nichts anderes bedeuten als „die Ueberfuhrstelle= brodarica“-

In bia, stvoria etc. ist das ao contrahiert worden und in Dalmatien allgemein üblich.

Die Phonetik anlangend kann ich keine Auskunft geben, da ich kein Philologe bin.

Die Bemerkung des H. Professors über die Aussprache des it.g, venez. z ist ganz richtig insoferne sie die italienisch redenden Slaven betrifft.

Soviel ich weiss (ich bin erst das dritte Jahr in Spalato) gebraucht man hier nur giuocar sulle carte, praticar con qualceduno, stupirsi a qualcheduno, arrabià su qualcheduno, sposarsi per uno, die übrigen Fälle kommen nicht vor.

In Spalato kommt nur bei den italienisch radebrechenden Slaven mi ga, mi ze vor, während dies in Triest ganz allgemein gang und gäbe ist.

Der Dativus ethicus wird sehr häufig auch von den Italienern angewendet: „ghe že ammalada la madre“ = ihm ist die Mutter krank-

Im Tolmeinischen2 wird im allgemeinen jedes v wie b ausgesprochen; nur in wenigen Fällen aber v für b, zB. riva statt riba = Fisch. Die Aussprache des v wird eigentlich nur in der Schule gelernt und dann von den Kindern regelmässig bilabial ausgesprochen, was mehrere Tolmeiner sogar noch dann thun, nachdem sie die Universität absolviert haben. Vom Volke wird (soviel ich mich erinnern kann) nur in v’čera, v’ćerati, v’černice das v als f ausgesprochen, sonst immer als b, oder vor den Consonanten als u. Interessant ist es, dass umgekehrt das Schluss-b von den Tolmeinern regelmäßig als f (ff) ausgesprochen wird, zB. zoff = zob (Zahn), roff = rob (Felsen), poff = pob (pubis, Bube, Jüngling) baff= bob (Bohne) usw.

Mit den besten Empfehlungen verbleibe ich Ihr aufrichtiger
S. Rutar

Sp. 14.IV 82


[1] Milan von Rešetar (1860-1942) studierte slawische und klassische Philologie an der Universität Wien und unterrichtete an den Gymnasien Koper, Zadar und Split. Er beschäftigte sich mit der Entwicklung der südslawischen Sprachen und ihrer Dialekte (vgl. Stančić 1984: 86f). Im Schuchardtnachlass sind 4 von ihm verfasste Briefe vorhanden (Bibl. Nr. 09380-09383).

[2] Slowenischer Dialekt im Bereich der Wasserscheide der Bača und der niedrigen Idrijca, sowie der Soča, der westlich von einer Linie von Tolmin bis Mosta na Soči begrenzt wird (vgl. Toporišič, 1992: 329).