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Brief (04-02761)

Sehr geehrter Herr Professor!

Empfangen Sie vor Allem meinen herzlichsten Dank für Ihre freundlichen zwei Briefe, deren Beantwortung mir leider vor heute nicht möglich war, da ich schon wieder von meinem Augen geplagt werde, so dass ich langsam meinen Verpflichtungen nachkommen kann. Verzeihen Sie mir daher, wenn ich mich auch heute kurz fasse, obwohl ich mein Möglichstes thun werde, um ja keine Ihrer Fragen unbeantwortet zu lassen. Um sicherer zu fahren, habe ich mit Brunelli Ihren Brief eingehend besprochen und theile Ihnen hiermit das Resultat unserer Verabredungen. Jene Dalmatiner, welche eine ausschließlich italienische Bildung genossen haben, schreiben eine reine ital. Sprache wie die Lombarden und Venetianer, nicht aber wie die aus Mittel- und Unter Italien. Die Dalmatiner, welche sich fleißig mit deutschen oder slavischen Büchern befassen, zeigen den Einfluss dieser Sprachen in Frasen und Wörtern, obwohl sie im ganzen genommen dennoch eine gewisse Leichtfertigkeit im ital. Stil haben. Man schreibt heutzutage viel schlechter ital. als einst, und dies in folge der vielsprachigen Gymnasien und der deutschen Universitäten. So viel gibt auch Brunelli zu; ich bin der Meinung dass man dies Verhältnis im Allgemeinen folgendermaßen ausdrücken könnte: „Nur sehr wenige Dalmatiner schreiben eine rein ital. Sprache, während die meisten eine slav. oder deutsche Beeinflussung in ihrem Stil deutlich aufweisen.“ Tommaseo1 ist der Vater der Purismen und bei ihm kommen entschieden keine fremden Wörter vor. Die Amtssprache hat Germanismen und Slavismen in Hülle und Fülle, was auch natürlich ist, weil wir in Dalmatien viele Kroaten und Deutsche haben, welche ihre Erledigungen auf ital. Schreiben. Prelezione = Vorlesung, wird von allen ital=osterreichischen Studenten gebraucht und ist natürlich ein Germanismus; lezione wird in Italien geschrieben und gesprochen. Dass man im Königreich Italien spottweise von einer „lingua italo=austriaca“ spricht, ist ganz sicher und begründet. Zum Schlusse will ich Ihnen noch ein Beispiel anführen. An unserem Gymnasium ist die Philosophie Lindner’s 2 eingeführt; die ital. Uebersetzung der Psychologie ist von Dr. Ambrosini (Fano-Marche) und jene der Logik ist von mir besorgt worden3. Wie oft haben sich die Schüler bei mir über die Schwierigkeit der Sprache Ambrosini’s beklagt, während meine Logik leicht fasslich ist; und doch hat Ambrosini einen ausgezeichneten Stil, wie ich einen solchen nie erreichen werde.

Die Aussprache des z variiert; je slavischer eine Person, desto mehr nähert sich z dem ž, und je ital. eine Person desto mehr nähert es sich dem harten z wie in mezzo. – Man sagt hier sowohl amissi als amici; visio und vizio etc. Wenn ein gebildeter Dalmatiner rein spricht, dann bleiben z und s immer wie im Ital. – Gustizia, justizia, justissia werden uebereinander und in derselben Bedeutung gebraucht.- Man sagt hier jorno, giorno, aber nie zorno. –Das s in sibica lautet wie in ital. serva, sera (im deutschen „senden“). – Das v für f wird nie in Zara gehört, wenn die Leute ital. reden. – Kukica (hier c gleich z) wird als Fangspiel gebraucht (κιχάνω?4); man sagt auch „guarda che non te cuco, cuchemo se“; „zogar a cuca“ als Eier - Spiel kommt hier nicht vor. Das Suffix ica ist slavisch (diminuitiv) wie z.B. gora- gorica, Sava- Savica, kabánica, mlikárica5. Wörter auf ica werden hier sehr oft beim ital. Reden gebraucht, nur wie der Accent stets auf’s i verschoben z.B. g(k)abaníca (Rock) mlikarícaste.

Girica slav. (sgv. Ghiriza) oder gavon (zaratin.) bedeutet für Zara, Umgebung und Cherso6 ein kleiner Fisch, welcher sich im ganzen adriat. Meere befindet und in Venedig agone heist. Manula (slav.) oder marida (zaratin.) ist eine zweite Gattung (ganz verschiedener Fische) welche in Venedig menola schiava7 heißt, weil sie nur auf den illirischen Küsten vorkommt. In Spalato hat ghera die Bedeutung marida, und ghirica die von maridella (dimin.). Ich bin selbst ein mühender Fischer und sie können mir, dem Boerio8 zum Trotz, glauben, das meine Ansicht noch recht confus an dieser Stelle ist.

Syntaktische Slavismen. „Ghiotto su“ ist im Slavischen „poklepan na“ mit Accus z.B. ribu:

„Giuocare sulle carte“ kommt in Zara nicht vor, wohl aber in den borghi di Spalato.

Meravigliarsi a qualcheduno hört man hier nie, sondern meravigliarsi di qualcheduno. Venir la piccola forza für svenimento ist unbekannt. Praticare con qualcheduno (slav. obićiti s’ kim) ist wie ital.; siehe Toscanisches Sprichwort „dimmi con chi pratichi, e ti dirò chi sei“. Man hört hier sehr häufig „praticare qualcheduno oder qualche cosa“ was natürlich nicht correct ital. ist.

Parada kommt vielleicht vom ital. parare, weil jenes Ruder die Barke dirigiert.

Sciare (nach rückwärts rudern) ist vom ital. – scia = solio che lascia dietro se il naviglio mentre va. (Siehe Diez beim franz. Worte scier).

Die Elision des che in Redensarten wie „più slavo di quello sono l’altre etc.“ gehört zu den ital. Purismen. Hier hört man jetzt nur che z.B. „mi son più giovane che vecchio“, „mi son più slavo che lu“ oder auch (de lui statt di lui).

Das se wird gebraucht, wenn das Subj. zugleich Objekt ist. Das me steht für ci wenn Subj. u. Obj. verschieden sind. Me sera nel stomego kommt bei ordinären Leuten schon vor, aber häufiger me se sera nel stomego = ich fühle eine Beklemmung im Magen. Man kann sagen „za vidjet ga“ und auch „da ga vidim“ mir ist letztere Form correcter.

Hiermit glaube ich auf Alles geantwortet zu haben, umsomehr da auch Brunelli Ihnen dieser Tage einen Brief zuschickte. Sollten Sie noch etwas brauchen, so bitte ich nur ungeniert auch auf einer Correspondenz=Carte zu schreiben; ich stehe Ihnen ja stets und mit Vergnügen zur Verfügung.

Mit besten Grüßen
Ihr
ganz ergebener

T. Erber


[1] Niccolo Tommaseo (1802-1874), Linguist, Schriftsteller und Verfasser verschiedener italienischer Wörterbücher (vgl. Dizionario di Storia, s.v. (Treccani)).

[2] Gustav Adolf Lindner (1828-1887) war pädagogischer Schriftsteller, Lehrer und Professor und verfasste verschiedene Schulbücher für das Fach Philosophie (vgl. Sander, 1906: 738f.).

[3] Übersetzungen der Schulbücher Lindnders ins Italienische finden sich wie im Brief beschrieben von Erber (Lindner, 1882)  und Ambrosini (Lindner, 1882).

[4] κιχάνω findet sich im Griechisch-Deutschen Wörterbuch von Pape (1954: 1443)  in der Bedeutung ’erreichen, antreffen, finden’ oder ’im Lauf einholen’.

[5] Möglicherweise handelt es sich hierbei jedoch lediglich um eine Lexementlehnung. In Miotto (1991: 122) wird auf eine Entlehnung aus dem Čakavischen hingewiesen.

[6] Ital. Bezeichnung für die Insel Cres (Alberi, 2008: 1673).

[7] Im Dizionario del dialetto Veneziano findet sich ein Eintrag als Unterpunkt von menola im gleichen Zusammenhang. Die menola schiava ist eine Unterart des Sparus Menolatus und hat den Beinahmen schiava auf Grund des Hauptvorkommens im illyrischen Raum (Boerio, 1829: 347).

[8] Verweis auf Boerio (1829).