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Brief (03-02760)

Sehr geehrter Herr!

Ich benütze den ersten freien Augenblick, um Ihr freundliches Schreiben zu beantworten, da es nicht schön wäre, wenn ich Sie jetzt lange warten ließe, wo Sie sich dem Schlusse Ihrer werten Arbeit nähern. Im Beiliegenden werden Sie das ganze von Prof. Brunelli angesprochene Material finden. Ich habe es ihm weggenommen, da ich voraussehen konnte, dass er bei seinen vielseitigen Beschäftigungen die Sendung ins Unendliche verschoben hätte. Wollen Sie dies meinem Collegen nicht übel nehmen, da er als Gemeinderath, Bibliothekar, Präses der philodrammatischen Gesellschaft etc. etc. keinen Augenblick Ruhe hat, und mit dem besten Willen seine Versprechungen gar zu oft verschieben muss. Hoffentlich hält er das mir heute abends gegebene Wort, Ihnen ehestens zu schreiben. Einen Artikel in der „Palestra“1 werden Sie unvollständig finden, da die Zeitschrift plötzlich an finanzieller Auszehrung abgestorben ist. Wegen Rücksendung des Beiliegenden an Brunelli brauchen Sie sich nicht zu beeilen. Wenn Sie zufällig die angegebenen Nummern des Rad2 nicht leicht und rasch bekommen könnten, so brauchen Sie mich nur mit ein paar Zeilen zu benachrichtigen, und ich werde Ihnen die gewünschten Hefte allsogleich senden. – Nach Lesina habe ich gestern schon zum dritten Male einen Mahnbrief abgeschickt, vielleicht bekomme ich noch zu rechter Zeit das Nöthige auch von dort.

Und nun gehe ich wie gewöhnlich zur Beantwortung Ihrer mir stets willkommenen Fragen, wozu ich Herrn Brunelli selbst zu Rathe gezogen habe.

1.      In Zara hört man sehr häufig : io l’ho fatto da se u.s.w. in allen Personen.

2.      Sui anstatt loro ist nicht nur bei ordinären sondern auch bei anständigen Leuten gebräuchlich. Brunelli, Erber u. a. Professoren führen es wohl oft im Munde. Suo für mio, tuo , nostro, vostro haben wir nicht gehört und dürfte hier schwerlich vorkommen. Ich muss Sie jedoch aufmerksam machen, dass das svoj im Slavischen in der Bedeutung mio, tuo, suo, nostro, vostro, di loro (rispetto al soggetto) steht und hiermit eine Verwechslung beim ital. Redenden leicht eintreten kann, obwohl wir es in unseren Gesellschaftskreisen zu Zara nicht gehört haben. Ja nosim svoj križ = ich trage mein eigenes Kreuz; wie leicht wird hier der nieder gebildete Slave mit „io porto la sua croce“ übersetzen. –

3.      Non go nego; el xe più grandonego mi, hört man im Munde des niederen Volkes sehr häufig.

4.      Gemeine Slaven, obwohl nicht häufig, sagen wohl: son andà igrati (tanzen) kolo oder na spaš= spazieren); in Ragusa sollen italienische Wörter mit slavischer Endung auch unter den Gebildeten vorkommen, da die Ragusiner überhaupt 3 Worte ital. und 5 slav. reden.

5.      Wegen des syntaktischen Slavismus bei gut ital. redenden Slaven, kann ich Ihnen allerdings sagen, dass dies wohl vorkommen mag; dennoch würde es mir schwer sein, genaue Daten anzugeben. So habe ich heute z.B. vom Prof. Boglić3 sagen gehört: io sono ghiotto su erbaggi, was jedenfalls auf das Slavische zurückzuführen ist. Man hört hier oft: io sono atto di fare statt a fare qualche cosa; io sono innamorato in te anstatt di te etc. Ich weiß aber nicht, ob am Ende dies dem venetianischen Dialect zuzuschreiben wäre! Im Allgemeinen lässt sich jedoch behaupten, dass selbst die gebildetsten Slaven bei Anwendung der Präpositionen und Casus besonders dann fehlen, wenn das Ital. vom Slav. abweicht. Zum Schlusse noch ein Supplement. Unter dem Volke ist hier sehr gebräuchlich: 1. oj me meni als Ausrufung der Verwunderung und des Staunens;

2. muka božja ebenfalls eine Ausrufung aber mehr zum Ausdrucke des Schmerzes u. der Furcht. Vor einigen Tagen hat meine sonst gut ital. redende Magd in der Küche geschrien: šiora parona, muko božja, che negrura che vien su; sie wollte mit negrura das Schwarze eines herannahenden Sturmes bezeichnen.

Ich habe mehrere Jahrgängen des „Dalmata“4 durchstöbert und nur unbedeutende, nichtssagende Dialoge gefunden, wovon ich Ihnen den besten sende. Neben Italianismen im Slavischen finden Sie ohnehin reichliche Ausbeute in den von der Agramer Akademie herausgegebenen slav. Wörterbuch5. Vor 2 Monaten ist hier eine Auswahl serbischer Lieder in metrischer ital. Uebersetzung erschienen.

Entschuldigen Sie, geehrter Herr Professor, dass ich meinen Brief so elend heruntergefutzt habe; es harren meiner so viele amüsante Correcturen von Schulheften, dass ich nur mit größter Eile diesen Brief zu Ende gebracht habe.

Wenn Herr Prof. Krones6 Ihnen in der Bibliothek unterkommen sollte, so bitte ich Sie freundlichst, ihm meine Empfehlungen zu entrichten und ihm zu sagen, dass er ob meines langen Stillschweigens nicht böse sein möge, da ich fast meine ganze freie Zeit im hiesigen Archiv zubringe.

Mit besten Grüßen verbleibe ich Ihr ergebenster T. Erber

4./III.

            Rad, Knjiga LXV (Zagreb 1883)

„Dubrovački dijalekat, kako se sada govori.“ Od P. Budmania pag. 155ff.

Die Arbeit von Rački7 konnte Brunelli nicht ausfindig machen, da einige Hefte des Rad ausgeliehen sind. Er dankt für Ihre freundliche Correspondenzkarte und wird ehestens selbst schreiben.

8 Die politische Zeitung „Il Dalmata“9 (Nro 52, Zara am 20. Juni 1883) enthält folgende Correspondenz aus Makarska, über die dortige Landtagswahl, welche zu Ungunsten der Kroatischen Partei ausgefallen ist.

„(Alla hrvatsa Kafana).- Garzon. Paron mio, me par che da quando quei birbanti i ga guadegnà, nojaltri se grattemo la panza, perchè i affari ne và mal.

Don Elia. Marcia stupido che ti xe; a mi el Iuričević me ga detto che xe un trionfo de pochi giorni, perchè lu za ga scritto al Taafe che subito el siazza vial el Iovanović.

Garzon. Ma mi non ghe credo tanto a quel Barabba; el podestà me dise che fra le altre el xe un trombon. (Aufschneider).

Don Elia. Ma se anche non ghe volessi creder a lu, che el ga avudo l’abilità de cazzar via de Maiarsca el Cordić, ghe podè creder al Ljubić e al Sevej, che i ma ditto loro colla propria bocca, che i lo farà cazzar via el Jovanović dalla Dalmazia.

Garzon. Oh adesso si che ve credo. Evviva dunque l’hrvatska Kafana e i nostri avventori. Zo (nieder) el sior Jovanović.

Maestro Augjelinović (entrando in Kafana). Zo e zo assieme el Dakotić.

Italianismen im Slavischen

izventati = inventare

ćikara = chicchera

karta = carta

antrešelj = intrasella

pula = polenta

nadar = notaio

kuriti = crescere

varment = formentone

testamenat = testamento

larmati = schiamazzare

pirun, pinjur = forchetta

voša = fossa

pijat = piatto

vavrika = fabbrica

punat plur. punti = punti (al giuoco)

kopur = cappone

konat = conto

papar = pepe

Badilj = badile

bálota = palla

sedlo = sella

zapun = zappone

batimenat = dibattimento

par = paio

pressa = la pressa

konduna = condanna

galiot = galeotto

šuporat = supporto

pržun = prigione

faliti = fallare

mandat = il mandato

šudar = sudario

kvočka = ciocca

potilj = petizione

briga = briga, cura

siguran = sicuro

doktur = dottore

civilan = incivilito

kantun = cantone

Oštar= oste

kapa = cappa

fameja = famiglia

tanjgaria = tintoria

turanj = torre

mast = masto

pogača = focaccia.


[1] Brunelli war einer der Gründer der historisch-letterarischen Zeitschrift La Palestra (1878-89). (vgl. Cella, 1972) Diese erschien von 1878-82 (vgl. Tacconi, 1992: 499). Brunelli veröffentlichte darin einige historische (Brunelli, 1879) sowie philologische (Brunelli, 1881) Studien.

[2] Gemeint ist hier die Zeitschrift Rad Jugoslavenske akademije znanosti i umjetnosti. Veröffentlichung der Jugoslawischen bzw. ab 1991 der Kroatischen Akademie der Wissenschaften und Künste. (The Croatian Academy of Sciences and Arts in Photographs, 16.03.2011) Abrufbar unter . Gemeint ist hier wohl Rački (1881).

[3] Jakov Boglić (1826-1897) studierte Theologie in Zadar und Dubrovnik und war von 1853-1883 Gymnasiallehrer in Zadar. Von Boglić wurde auch ein Werk zur Geschichte der Insel Hvar verfasst (Boglic, 1874) (vgl. Ravlić 2000, s.v.) Weiters wird Boglić alsVerfasser eines Teils des im Nachlass enthaltenen Manuskripts (Nachlass Schuchardt, Werkmanuskript 1.1.3.1) über Hvar genannt.

[4] 1886 gegründete und 1916 eingestellte dalmatische Zeitung, in Nachfolge der Voce Dalmata (1860-1863), war diese die Zeitschrift des partito autonomo (vgl. Tacconi, 1992: 499) In dieser wurden von Brunelli zum Beispiel verschiedene politische Schriften publiziert (Brunelli, 1879, 1884)(vgl. Tacconi, 1992: 456).

[5] Gemeint ist hier wohl Daničić (1880-82), vgl. o.A..

[6] Franz Krones von Marchland (1835-1902) war nach Abschluss seines Studiums ab 1861 Gymnasiallehrer in Graz, ab 1862 Privatdozent für österreichische Geschichte an der Universität Graz, dann Professor für österreichische Geschichte (vgl. Zöllner, 1968: 294).

[7] Brunelli bezieht sich in Brief 01419 auf einen Artikel von Rački (1881).

[8] Die folgende Seite liegt bei den im Schuchardt-Nachlass unter der Bibl. Nr. 02757A  inventarisierten Blättern, ist aber klar als Anhang zum vorliegenden Brief einzuordnen.

[9] 1886 gegründete und 1916 eingestellte dalmatische Zeitung, in Nachfolge der Voce Dalmata (1860-1863), war diese die Zeitschrift des partito autonomo (vgl. Tacconi, 1992: 499) In dieser wurden von Brunelli zum Beispiel verschiedene politische Schriften publiziert (Brunelli, 1879, 1884) (vgl. Tacconi, 1992: 456).