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Brief (02-02759)

Zara 19. Februar 1884.

Sehr geehrter Herr!

Verzeihen Sie mir gütigst mein langes Stillschweigen, welches durch allerlei Umstände verursacht wurde, wobei – nehmen Sie mir es nicht übel – auch der Fasching seine Rolle gespielt hat.

Was ich Ihnen heute biete, wird nicht sonderlich wichtig sein, da ich aus Lesina noch nichts erhalten habe Wie das letzte Mal beginne ich mit der Beantwortung Ihrer werten Fragen, und werde dann einige von mir gesammelte Italianismen im Slavischen folgen lassen.

1. das Wort puntari ist ein der slav. Partei gegebener Spitzname, der vom slav. puntar = sejizioso, ribelle herrührt. Tolomi ist eine in Spalato1 sehr gebräuchliche Form, welche nichts weiter als eine Verschlechterung des italienischen autonomo ist. Die Autonomi2 bilden hier die zweite politische Partei, welche sich zu den Verfassungstreuen bekennt. Was Sie aus Spalato bekommen haben, ist allerdings ein wenig übertrieben, gibt aber dennoch ein klares Bild, wie sich das niedere Volk ital. ausdrückt.

2. Nur die politischen Zeitungen bringen hier Proben von slavisiertem Italienisch, wovon ich Ihnen einige nächste Woche schicken werde, da wir jetzt mit den Operationen des Semesterschlusses beschäftigt sind.

3. Calmo3 war, meines Wissens, ein Italiener und ich kann Ihnen nicht sagen, inwiefern seine ital. redenden Slaven der jetzigen Wirklichkeit entsprechen, da ich sein Buch hier nicht haben konnte. Es ist übrigens ganz wichtig, dass die hiesigen Slaven das pleonastische la, lo haben. Hört man ja in Zara täglich: mi la ga zirado, per tuta zittà etc. Auch das falschgesetzte Possesivpronomen kommt häufig vor. – Che fastu vui habe ich nie gehört, wohl aber Te saludo signor profešor, cosa ti fa signora etc. Ti son, voi son habe ich wenigstens hier nie gehört, möglich, dass einige Leute dies verwenden.

4. Was das s und š anbelangt, sind Sie zu vollkommen richtigen Schlüssen gelangt; nach Empfang Ihres freundlichen Briefes bin ich aufmerksam der Aussprache des š für s gefolgt und Sie können daher meine Bestätigung als begründet annehmen.

5. Im Slavischen kommen faktisch ital. Ausdrücke vor, welche man im Ital. nicht mehr kennt. So heisst z.B. das linke Ruder am Hinterstossen einer Barka stets trast, wahrscheinlich vom lateinischen transtruere während das rechte parada genannt wird. Šiaj na paradu bedeutet nach rückwärts rudern.

6. Die Lehrerbildungsanstalten Dalmatien’s sind sämtlich mit slav. Unterrichtssprache, während die ital. Sprache uns als Gegenstand vorgetragen wird. Es kommen daher Volksschullehrer heraus welche das Ital. nur als erlernte Sprache kennen, und dieselbe dann den Knaben in den Dörfern und Märkten beibringen, dies kommt besonders dann vor, wenn die Knaben für eine ital. Mittelschule bestimmt sind. Abgesehen davon finden Sie in ganz Dalmatien slav. Geistliche, Franciscaner etc. welche Unterricht aus dem Ital. (nebst anderen Gegenständen) ertheilen, wobei natürlich ein geborener und feingebildeter Italiener gar zu oft die Nase rümpfen würde. Dadurch dürften bei den Schülern Irrthümer entstehen, die dann allmählich Verbreitung finden. In Italien hat man ja oft gesagt dass die österr. Italiener das Italisch = Oesterreichische schreiben, womit man ein Mischsprache bezeichnen wollte und dass in Dalmatien wenigstens die ital. Schriftsprache meistens slavischen Einfluss zeigt, ist allgemein bekannt.

7. In Zara hört man bei den Kindern immer sagen: zo ghemo a Kukica; welch letzteres Wort jenes Bubenspiel bezeichnet, wo sich die Kinder laufend fangen. Vielleicht kommt kukica vom slav. hvačati se = einer auf den anderen laufen.

Italianismen im Slavischen.

biti bez kriance = essere senza creanza. Krianza wird von den Slaven auch in der Bedeutung „Dankbarkeit, Erkenntlichkeit“ gebraucht.

puno mi je šekavalo = m’importunò molto. Im Venetianischen seicare für importunare

donesimi pršut = portami il prosciutto.

fregavaj škale = lava le scale

kuvaj dobro repun = cuoci bene il cappone.

ići u kafetarin = andare al caffè. Im Venet. caffettaria4 für caffè.

soldati stoju u fortici = i soldati stanno in fortezza.

Ajmo na spaš = andiamo a passeggio.

ti ze una duša = sei caro, sei cara

On je spravan za to učiniti = er ist bereit dies zu thun. Za will im Slav. das Infinitum und sollte daher heißen „on je spravan da to ucini

Kako stojite? = come state anstatt kako vam je. Im slav. Stati = stare in piedi = stehen.

Kako se čujete? = come vi sentite. Čuti bedeutet eigentlich nur hören.

Ima dobro uho anstatt ima dobar sluh5 = ha un buon orecchio (musicale). –

navigati = ital. navigare; imbarkati se = ital. imbarcarsi; lavurati = ital. lavorare; užanca = uso, usanza; permés = permesso; kongjet = congedo militare; jarbul o arbuo = albero da nave.

Zum Schlusse muss ich noch eine Bitte wagen, wofür ich bei Ihrer allgemein bekannten Güte Nachsicht finden werden. Herr Blasius Costa6, supplierender Lehrer am hiesigen Gymnasium hat dieser Tage seinen Hausarbeiten aus Lat. und griech eingereicht, und wird in den ersten Tagen k. M. die Ital. nachschicken. Da am 24. l.M der letzte endgiltige Termin abläuft, so erlaube ich mir die achtungsvolle Bitte an Sie zu richten, bei der Prüfungs-Commission ein gutes Wort zu Gunsten dieses Unglücklichen zu sprechen, da seine Existenz verloren wäre, wenn man ihm ob seiner Verspätung die Arbeiten zurücksenden möchte. Ich würde mir nie eine solche Bitte erlaubt haben, wenn ich nicht wüsste, wie thätig dieser Costa ist. Er hat zu jung geheiratet, hat 5 Kinder und ist den ganzen Tag mit Instructionen, Schule etc. beschäftigt, wodurch allein sich seine Verspätung erklären lässt.

Prof. Brunelli hat bisher nicht schreiben können, da seine Schwiegermutter nach einer langen Krankheit endlich gestorben ist; nächste Woche erhalten Sie auch von ihm einiges Material.

Indem ich Ihnen verspreche, künftighin mit mehr Raschheit das wenige von mir gesammelte Material zu senden, zeichne ich mich mit Hochachtung
Ihr ergebener Schüler

T. Erber


[1] Aus Split gibt es im Schuchardtnachlass die Briefe Milan de Rešetars (09380-09383) sowie Simon Rutars (09869-09875).

[2] Das partito autonomo war eine Partei die für die Autonomie Dalmatiens und gegen den Anschluss an Kroatien eintrat(vgl. Monzali, 2004: 21-24).

[3] Andrea Calmo, (1510-1571) venezianischer Komödienautor und Schauspieler über dessen Leben wenig bekannt ist (vgl. Zorzi, 1973).

[4] Im Dizionario del dialetto veneziano (Boerio 1829: 82) aufgeführt als cafetaria.

[5] Er hat ein gutes Ohr statt er hat ein gutes Gehör (Jakić & Hurm, 1999: 963,1101).

[6] Die Identität des betreffenden Lehrers konnte nicht nachgeprüft werden.