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Brief (01-02758)

Sehr geehrter Herr Professor!

Ihr freundliches Schreiben vom 20. v. M. hat mich sehr gefreut, und ich danke Ihnen hiermit herzlichst für das in mich gesetzte Vertrauen. Mir ist das Vergnügen zu theil geworden, Ihre werte Persönlichkeit kennen zu lernen, da Sie mich im J. 1877 aus dem Italienischen als Unterrichtssprache geprüft haben, nachdem ich vier Jahre an der Grazer Universität studiert hatte. Als Sprössling jener Alma mater liegt mir daher die Pflicht ob, meinen guten Professoren zu Diensten zu stehen.

Ich bin auch bereit, allen Ihren gütigsten Aufträgen zu entsprechen, und ersuche Sie ohne Complimente mit mir umzugehen, und über meine Wenigkeit zu verfügen.

Ich bin leider kein Philologe weshalb eventuelle Lücken unvermeidlich sein werden; dafür verspreche ich Ihnen nur derlei Dinge zu machen, worüber ich volle Sicherheit habe.

Mein guter College Prof. Brunelli ist eine gediegene Craft, ein Bücherwurm im ganzen Sinne des Wortes. Er hat mir Ihre beiden Briefe an ihn gezeigt, und den Inhalt seiner Antwort mitgetheilt2, weshalb ich die von ihm ausgeführten Bemerkungen übergehe. Obwohl er die hiesigen slavischen Wüstlinge gerade so gern hat wie ich, Können Sie auf seine Unpartheilichkeit bauen. Wir sind beide übereingekommen, separatim zu arbeiten und das Gesammelte Ihnen ohne weiteres zu senden, da Sie hindurch leichter das ganze Feld übersehen können. Sollten Ihnen bei der Ausarbeitung Ihres Werkes einige Zweifel oder einige Lücken entstehen, so brauchen Sie nur an unser einen zu schreiben, wir werden halt dann unsere Schulmeisterischen Dickschädel gegenseitig beuteln, bis etwas heraus kommen wird! Und nun komme ich auf meinen Theil. Ich habe mich schon am 21.d. M. an meinen guten pensionierten Collegen in Lesina gewandt, der mir hoffentlich recht bald ausführliche Notizen über die dortigen Slavismen in der ital. Sprache liefern wird. Sodann unterzog ich hier alle Bekannten und selbst Schüler einer eingehenden Prüfung, deren erste Resultate im Beiligenden folgen. –

Zum Schlusse muss ich noch um Verzeihung bitten, dass ich so lange Ihr freundliches Schreiben unbeantwortet ließ. Ich bin nämlich mit einer historischen Arbeit beschäftigt, zu deren Zusammenstellung ich meine ganze freie Zeit im hiesigen Archiv verwende.

Mich Ihrer und Herrn Prof. Meyer’s3 Güte aufs freundlichste empfehlend, verbleibe ich mit Hochachtung

Ihr ergebenster T. Erber

P.S. Am 24. d. M. legt Herr Georg Borovich Jurist, sein letztes Rigorosum in Graz ab, und dürfte sich bei Herrn Prof. Dvonar4 oft aufhalten. Wenn Sie irgend eine mündliche Mittheilung wünschen sollte, so citieren Sie ihn nur gleich, da er warscheinlich schon am 25. Graz verlässt.

I.                 Antworten auf ihre Fragen.

1.      Der Einfluss des Slavischen auf das Italienische ist gering in Zara, und steigert sich je mehr man nach Süden geht. Im Binnenlande hört man das Italienische nur in den größeren Ortschaften wie Obbrovizza, Lenkovaz, Duin, Dnavis5, Sinj etc., aber auch hier nicht sehr oft und nur unter Huttragenden6 während mit Bauern nur slavisch gesprochen wird, da die meisten nur dieser letzteren Sprache mächtig sind. Die Umgebungen der Städte machen natürlich eine Ausnahme. Längs der Küste und auf den größeren, in Handelsverkehr stehenden Inseln versteht und spricht man häufig aber nicht durchgehends italienisch. Auf den kleineren Inseln, wo nur Dörfer vorhanden sind, ist die slavische Sprache fast alleinherrschend; so findet man z.B. auf den Inseln gegenüber Zara eine Anzahl Bauern, welche das Italienische kümmerlich verstehen und kein Wort zu reden wissen, was immerhin staunenswert ist, wenn man bedenkt, dass diese Bauern in täglichen Verkehr mit der Stadt stehen. Ich habe bereits drei Ferien in Oltre (slav. Preko), auf einer Zara gegenüber liegenden Insel, zugebracht, und nicht zwanzig Bauern gefunden die anständig italienisch sprachen, während man bei den übrigen oft nicht verstehen konnte, was sie eigentlich ital. sagen wollten; und Oltre (1600 Ew.) ist ein Dorf welches täglich unseren Markt versorgt und überdies die Wäscherinnen liefert.

2.      Das Slavische wird natürlich nur im Hinterlande gut gesprochen; auf den Inseln und an der Küste wird es sehr durch das Italienische beeinflusst. Nur die ortodoxen Griechen, politisch Serben genannt, reden überall, mögen sie in der Stadt oder am Lande wohnen, am meisten slavisch. So stehen die Verhältnisse heutzutage, aber nur in folge der politischen Druckes, welcher die ital. Sprache am liebsten vernichten möchte; vor 20 Jahren war es wohl anders.

3.      In Zara hört man slavisch reden: auf dem Markte, im Barzo, wo sich aus der Umgebung geflüchtete Bauern festgesetzt haben, und in den Civilhäusern mit den Mägden. Politische Fanatiker reden, so oft sie können, nur slavisch, aber diese sind nicht zahlreich, und wenn es darauf ankommt, eine wissenschaftliche Frage zu erörtern, müssen auch diese zum Italienischen greifen, da ihnen im Slavischen die Geläufigkeit der Termini abgeht. Die Mehrzahl der Einwohner versteht so viel slavisch als zum Einkaufen halbwegs nöthig ist, und wenn es einige gibt, die kein Wort verstehen, so sind diese meistens ansäßige Fremde.

In Zara nähert sich der ital. Dialect vielmehr dem venetianischen, als dies beim triestinischen der Fall ist; nur dass hier die Vocale sehr gedehnt ausgesprochen werden, was jedenfalls auf slavischen Einfluss zurückzuführen ist. Die ital. Schriftsprache wird von den hiesigen Leuten als Affectation betrachte und kommt daher sehr selten vor. Ich wurde zb. Hofrähten, dem Bürgermeister u. a. Höheren Persönlichkeiten vorgestellt, die mit mir gleich beim nehsten Zusammentreffen den venetianischen Dialect sprachen.

Slavismen bei den gebildeten (d.h. huttragenden) Leuten.

Se semo zogà“ statt abbiamo giuocato ist durchgehends zu hören; wenn gar wird in den anderen Personen gefehlt. (Siehe unten).

„Chi v’ha imparato (statt insegnato) la grammatica tedesca?“ Hier bemerkt man deutlich den slavischen Einfluss der Verben učiti und naučiti, deren Bedeutungen lehren und lernen fälschlich verwechselt wurden. Tko te je ovo učio? Wer hat dir das gelehrt?- Kad si slovnicu naučio? Wann hast die Grammatik gelernt.

Come ti me stà statt come stai = wie geht es dir. Vielleicht ist auch dies auf das slav. „Kako mi ti= wie geht es dir“ zurückzuführen.

La sua (auch „so“) madre s’hà giura statt „sua madre giurò che etc“; im slav. majka mu se zaklela da etc. Ob hier eine Einwirkung des slav. „zakleti se“ zu suchen wäre?

Per nessun modo statt in nessun modo = auf keine Weise. Im Slavischen „po njeden način.“

„Go magnà della carne“ statt „ho mangiato carne“. Möglich, dass dieser part. Genitiv auf den slavischen zurückzuführen sei z.B. jeo sam mesa. Uebrigens kommt mangiai della carne selbst bei guten ital. Schriftstellern vor.

O che draga, che ti se statt „Quanto sei cara“; hört man täglich.

Te darò colla šibica statt ti percuoterò colla verga. Das Wort šibica (aber nie šiba) wird nur gebraucht, wenn man kleinen Kindern eine Prügelstrafe droht.

bogami = (ich schwöre es) bei Gott – und bogati = (schwöre es du) bei Gott, wird zur Betheuerung einer Behauptung sehr oft gebraucht. Uebrigens soll Goldoni7 in einem Lustspiele auch „bogami“ in diesem Sinne angewendet haben. (dies sagte mir Brunelli8).

Die anständigen Leute besonders Jünglinge sind unanständig genug, sehr oft auf die ordinärste Weise zu fluchen. Man hört zwar mitunter „jebenti boga „9 ich ficke dir Gott“ aber gewöhnlich wird ital. gescholten, nur hört man hier nicht die Fluchworte wie in Italien. Sie hängen nämlich in Dalmatien überhaupt an das „te ciavo“ = „ich ficke“ die Verwandten, die Verstorbenen, die Heiligen, kurz alles was nur den Leuten in den Mund kommt. Die Slaven haben auch das „jebenti“ immer auf den Lippen. Die ordinären Leute fluchen abwechseln ital. und slav. um keiner der Landessprachen Unrecht zu thun.

jadan mi und jadna mi = ich unglücklicher, ich unglückliche kommt ebenfalls sehr häufig vor.

Il božić = Christbaum, vom slav. = božić = Weihnachten.

La „britola“= Taschenmesser, vom slav. britva10 = Taschenmesser

La „mlic(k)a“ = Milchträgerin, vom slav. mlieko = Milch. Man hört auch la mlic(k)arizz(tz)a= „ „ vom slav. mljekaric(z)a = Milchträgerin.

Colla polagána = langsam vom slav. polagano = langsam.

zmanír = stehlen, mit Schlauheit sich aneignen, vom slav. izmaniti = herauslocken, „ „ „. (Venetianisch?)

Gli „smamiàspri“ = Spielsachen, vom slav. izmaniti und jaspra. Das habe ich jedoch nur sehr selten und meist im Munde von Grisetten11 und derlei Ungeziefer gehört.

A uzmo = tastend oder auch wartend, ahnend; vom slav. razum= Verstand; Vernunft (razlog). (Venetianisch??)12

Una zémic(tz)a = Semmel; von slav. zemička = Semmel

Slavismen bei den ungebildeten Leuten d.h. bei Dienstleuten, Handwerkern etc. sowohl aus der Stadt als vom Lande gebürtig, aber sind domiciliert.

Das oskomine kommt hier nicht vor, und wie ich glaube, nicht einmal in Lesina13.

Die reflexiven mi, ti, ci, vi hört man selten, dafür immer si, eigentlich se. Er gibt in dieser Beziehung keinen Unterschied z.B. mi se zogo statt io giuco, ti se zogi statt tu giuochi voi altri se zogè statt voi giuocate. Da Brunelli dies nicht zugab habe ich absichtlich aufgepasst, und Sie können dies mit Bestimmtheit anführen. Natürlich muss auch hier hervorgehoben werden, da[ss] man mitunter „mi me zogo, voi ve zogè“14 auch von ordinären Leuten hört, aber dies nur bei Grisettinnen und Commis15, die Bücher gelesen oder mit anständigen Leuten oft verkehrt haben.

Statt g, z, s wird durchgehends š, ž, gebraucht, aber nicht zu scharf.

Mi se godo, mi se piaze = es freut mich, es gefällt mir. Ueberhaupt ist eine Te[n]denz bemerkbar alle Zeitwörter reflexivisch zu machen. Durante el mese gennaro anstatt durante il mese di gennaio, vom slav. Kroz mjesec siečanj.

Zara ga 10.000 di abitanti anstatt Zara ha 10.000 abitanti, vom slav. 10.000 stanovnika (gen. plur.).

Ela lo ga preso, e daghe (imperat) sulle spalle anstatt lo prese e lo percosse sulle spalle; vielleicht vom slav. uhvatiga, pa udri (imperat.), po njemu.

Se mi fossi con Giovanni no ghe perdoneria (oder perdonerave), statt Se io fossi Giovannni: das hat mir ein Herr erzählt, ich selbst habe es nicht gehört, und dürfte auch nur bei denjenigen vorkommen, welche seit kurzem sich der ital. Sprache bedienen. Der Slave sagt: da bih ja bio s’Ivanom.

nivole statt nuvole; capi sili statt campi elisi.

donkle statt dunque vom slav. dakle.

Das Futurum statt des Conditionals habe ich oft, aber nur auf dem Lande gehört z.B. quando mi gavarà, farà questo statt se avessi, farei questo.

ghiritze statt venet. gavoni16 (kleiner Fisch / eine Gattung) vom slav. giric(tz)e

maride in den quarnerischen Inseln manole17 = ebenfalls eine Gattung kleiner Fische.

bu jorno statt buongiorno; tavulin statt tavolin etc. Ueberhaupt hat das ordinäre Volk hier die Tendenz o in u zu verwandeln. Bezüglich des j für g, kann hervorgehoben werden, daß dies nicht so sehr in Zara, eher auf den quarnerischen Inseln und auch auf Lesina gebräuchlich ist. Dieses j kann natürlich nur aus dem Slavischen herrühren.

Die Slaven haben bekanntlich keinen Artikel, doch wenn dieselben italienisch reden, gebrauchen sie denselben mit Uebermaß. Oft fehlen die Slaven auch beim genus z.B. la sangue slav. krv weiblich. crianza für creanza; die Insulaner bezeichnen damit nie Artigkeit sondern nur Dankbarkeit, auch wenn sie anständig ital. reden.

vrag t’odnia = hole dich der Teufel; aide kvrage = gehe zum Teufel, sind Redensarten die dem Slaven hängen bleiben, auch wenn er seit Jahren Italienisch spricht.

Jetzt habe ich aber meine dürre Quelle erschöpft. Wünschen Sie auch Italianismen im Slavischen?? Ich habe manche gesammelt. Ueber vieles werden Sie natürlich lachen, aber ich wiederhole es, ich bin kein Philologe, und leiste was ich kann.

Zara am 20. Jänner 1883.


[1] Das im Schuchardt-Nachlass unter der Bibl. Nr. 02757A inventarisierte Korrespondenzstück ist eine Beilage des Briefes mit der Bibl. Nr. 02758. Aus diesem Grund werden beide Dokumente hier unter der Lfd. Nr. 01-02758 zusammengeführt.

[2] Bei dieser Antwort kann es sich zeitlich nur um den ersten Brief Brunellis an Schuchardt (01419) vom 27.12.1883 handeln.

[3] Gustav Meyer (1850-1900), studierte klassische Philologie, Neugriechisch, Sanskrit und Germanistik. Meyer war von 1881 bis 1897 Professor für Sanskrit und vergleichende Sprachwissenschaften an der Universität Graz und beschäftigte sich unter anderem mit dem Albanischen (vgl. Lochner von Hüttenbach 1972: 426).

[4] Die Identität der beiden in diesem Absatz erwähnten Herren konnte leider nicht eruiert werden.

[5] Wahrscheinlich dalmatinische Orte.

[6] Wie später im selben Brief erwähnt, meint Erber mit „huttragend“ lediglich gebildet.

[7] Carlo Goldoni (1707-1793) war ein bekannter venezianischer Komödienautor(vgl. Strappini, 2002).

[8] Vitaliano Brunelli (1848-1922) war nach seinem Studium an der Universität Wien Gymnasiallehrer in Zadar. Er beschäftigte sich unter anderem mit der Geschichte der Stadt (vgl. Cella, 1972) Auch er stand in Kontakt mit Schuchardt (vgl. Dorn 2015).

[9] Eigentlich jebem ti.

[10] Durch unterbrochene Unterstreichung gekennzeichnete Abschnitte wurden von fremder Hand (in diesem Fall in rot) hervorgehoben.

[11] Grisette bezeichnet ein „einfaches berufstätiges mädchen, nähterin, putzmacherin u. dgl“ (DWB, s.v.).

[12] Dieser Absatz wurde von fremder Hand in rot durchgestrichen.

[13] Ital. Bezeichnung für die kroatische Insel Hvar (vgl. Alberi, 2008: 1675).

[14] Die für das Italienische untypische Reflexivität von giocare führt Schuchardt (1884: 109) auf den Einfluss des slavischen igrati se zurück.

[15] Commis bezeichnet einen „minister in mercatura facienda, handlungsdiener, beauftragter“ (DWB, s.v.).

[16] Im Dizionario del dialetto veneziano (Boerio 1829: 247) findet sich die Form gavonchio.

[17] Im selben Wörterbuch findet sich menola, alspesce di mare del genere Sparus’. (Boerio, 1829: 547)