Senden hat offenbar funktioniert, aber es wird noch ein Bestätigungsmail verschickt, sobald die Änderungen angekommen sind.
Es hat etwas nicht funktioniert. Bitte den Inhalt in Word (o.Ä.) kopieren und per Mail schicken.

Brief (01-Yi_5_I_S_1221)

Lauterberg im Harz

16. Sept. 72.

Hochverehrter Herr!

Ich habe zwar nur einmal im Leben – bei der diesjährigen Philologenversammlung1 – die Ehre gehabt, mit Ihnen zusammenzutreffen; ich habe aber durch diese eine Begegnung genügendes Vertrauen in Ihre Liebenswürdigkeit und Ihr Wohlwollen gewonnen, um Ihren gütigen Rath in einer Angelegenheit von persönlichem Interesse zu erhoffen.

Ich will mich ganz kurz fassen. Sind Sie der Meinung, daß durch den Abgang des Professors Böhmer nach Straßburg2 sich in Halle irgend welche Aussicht für mich eröffnet? Es drängt mich zu sehr, endlich in einen festen Wirkungskreis, in eine gesichterte Lebensstellung einzutreten, als daß mich Bescheidenheit, falsche oder richtige, davon abhalten könnte, auf irgend ein sich darbietendes Ziel geradewegs loszugehen. Ob ich irgend Verdienstliches geleistet habe, darüber steht Anderen das Urtheil zu. Gewiß aber trauere ich selbst über manche in meinem ‘Vok. d. Vulg.‘3 begangene Sünde in Sack und Asche, nur daß ich den größten Theil der mir von Corssen4 aufgebürdeten ablehnen muß, da dieser oft wie Don Quixote gegen unschuldige Windmühlen zu Felde zieht. Vielleicht würde es mir zur besseren Empfehlung gereichen, hätte ich – was mir nicht zu schwer geworden wäre – eine alte romanische Handschrift  veröffentlicht;5 unter den Romanisten hat die litterarische Richtung immer bedeutend vorgeherrscht und dazu scheinen jetzt die meisten Kräfte sich dem Zusammentragen des Materials, wenige nur seiner Verarbeitung zu widmen. Des Gleichgewichts halber ist es jedoch wünschenswerth die sprachliche Seite der romanischen Studien noch mehr zu betonen und Sie sind gewiß der Letzte, dies zu verkennen.

Ich würde Ihnen aufrichtig dankbar sein, wenn Sie in wenigen Zeilen mir Ihre Ansicht, sei dieselbe mir günstig oder ungünstig, unumwunden mittheilen wollten.

Mit ausgezeichneter Hochachtung Ihr ergebenster
Hugo Schuchardt

(bis Ende Sept.: Lauterberg bei Herrn Schlamelcher6, bis Mitte Okt.: Gotha).


[1] Die 28. Versammlung deutscher Schulmänner und Philologen vom 22. bis zum 25.05.1872 war die erste im neugegründeten Kaiserreich nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 ([o. A.] 1873). Im Verzeichnis der 920 angemeldeten Besuchern findet sich sowohl „Schuchardt, Dr., aus Leipzig“ als auch „Pott., Dr. Aug. Friedr., Professor in Halle“ ([o. A.] 1873: x-xi). Schuchardt war auch aktiv präsent mit einen Vortrag „Ueber die syntaktischen Modifikationen anlautender Consonanten im Mittel- und Süditalienischen“ ([o. A.] 1873: 208). In den Verhandlungen ist jedoch nur eine kurze Zusammenfassung von diesem abgedruckt. Ein Vortrag Potts wird in den Verhandlungen nicht erwähnt.

[2] Carl Eduard Böhmer (1827-1906) hatte ab 1868 eine ordentliche Professur für romanische Philologie in Halle inne und wurde 1872 an die neugegründete Universität in Straßburg berufen. Schuchardt wurde ab 1873 sein Nachfolger in Halle, wechselte aber bereits 1875/76 auf Vermittlung von Johannes Schmidt nach Graz.

[3] Schuchardts Dissertation De sermonis Romani plebei vocalibus (Schuchardt 1864) wurde in deutscher Spache in drei Teilen als Der Vokalismus des Vulgärlateins veröffentlicht (Schuchardt 1866-1868).

[4] Paul Wilhelm Corssen (1820-1875) war Altphilologe und Lehrer. Sein Werk Über Aussprache, Vokalismus und Betonung der lateinischen Sprache (Corssen 1858-1859) in erster Auflage war Schuchardt bei der Abfassung seiner Dissertation über das Vulgärlatein bekannt. An Jakob Jud schreibt Schuchardt am 19.09.1917, er verdanke ihm „nicht wenig Anregung“ (in der Edition von Heinimann 1972: 19). Die zweite Auflage (Corssen 21868, 1870) enthält zahlreiche Verweise auf, Korrekturen zu und Auseinandersetzungen mit Schuchardts Vokalismus, die mitunter auch polemisch ausfielen: „Der Ausdruck, den [Schuchardt] für dasselbe wählt, die Deklination habe sich im Munde des gemeinen Mannes ‚vereinfacht‘, ist nicht eben glücklich gewählt. In dieser Weise ‚vereinfacht‘ sich auch der alternde Mensch, dem die Haare ausgehen, die Zähne ausfallen, die Augen blöde, die Ohren taub und die Beine steif werden, bis der gründlichste Vereinfacher, der Tod, hinzukommt“ (Corssen 21870: 245). Schuchardt (1892: 306) zitiert diese Passage Corssens später im Rahmen einer Auseinandersetzung mit der Metapher von Sprachen als Individuen oder Organismen. Ein Briefwechsel zwischen Corssen und Schuchardt ist nicht belegt.

[5] Vgl. dazu auch aus einem Brief von Schuchardt an Jakob Jud vom 22.09.1917: „[…] Ebert sagte mir einmal gelegentlich und gemütlich – auf dem Philologentag in Leipzig 1872 – ich glaube, in Gegenwart von Freund Bartsch, daß ich nicht darauf rechnen dürfte zur Professur zu gelangen wenn ich nicht einen altfranzösischen Text veröffentlichte“ (in der Edition von Heinimann 1972: 14-15).

[6] Konnte nicht ermittelt werden.