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Brief (40-7335)

Hochverehrter Herr,

tres é conta que Deus fez. Klopften Sie aber auch mehr als drei Mal an meine Thür, ich stände Ihnen ohne Zögern Rede u. Antwort. An meiner unzulänglichen Sachkenntniß liegt es ja, wenn ich mich nicht von Anfang an klar u. verständlich über die Spindelfrage äußern konnte. Ist es mir doch das letzte Mal wie Ihnen ergangen. Kaum war mein November- oder Dezemberbrief abgeschickt, als der esprit de l'escalier mir zuraunte „Du hättest in dem Satze 'erst wenn der Faden aufgewickelt worden ist, tritt die mosca in Thätigkeit', nach mosca das Wort sichtbar, u. statt erst wenn, sooft als setzen sollen; sonst könnte man Dich misverstehen."– Auch fiel mir das altportug. Spinnerliedchen ein: Sedia la fremosa, seu fuso torcendo, Sa voz manselinha, fremoso dizendo Cantigas de amigo (CV 321); das derb-humoristische Stück aus dem Canc. Mus.: Perdí la mi rueca Yel huso no halle Perdí la mi rueca LLena de lino – Hallé una bota Llena de vino …. Perdí la mi rueca Llena d’estopa, De vino hallara Llena una bota etc. (434); - die Volksreime Rapariga tola, louca, Onde trazes o sentido? Eu não o trago na roca Nem tampouco no sarilho. Traga o naquelle mancebo Que anda de amores comigo etc; dazu die sprichwörtliche Berühmtheit des fio português (Rev. Lus. I 63. III 368 u. mancher, ungebuchl. Zusatz. sowie andere Kleinigkeiten. Um Sie jedoch nicht mit unnützem Tand zu behelligen u. in der Voraussicht, Ihre eigenen Spinnversuche würden Sie besser als Worte über das Wesentliche aufklären, schwieg ich – fuhr aber fort zu beobachten, zu fragen, zu sammeln u. zu probieren. In der That sind Sie ja nun sogar über den busilis-Knoten hinfortgekommen! u. bedürfen meiner Weisheit nicht mehr.

Noch einmal kurz Zusammenfassend daher nur Folgendes, im Anschluß an Ihre letzten Zeilen:

1.) Ja, ich kenne die drei Formen des oberen Spindelendes, die Sie festgestellt haben: a) Kerb- b) Köpfchen- oder Knöpfchen- c) Hakenspindel.

Aber – ich wiederhole es – verbreitet u. national ist uns der fuso de maїnça (mosca – osca) In Thätigkeit beobachete ich nur diesen. Von 20 verschieden­artigen species im Museu Industrial gehören 15 zu dieser Gattung. Ihn, möglichst schlank u. von unten nach oben stark verjüngt, bevorzugen mit Wort u. That alle mir in Porto bekannten Spinnerinnen. Sind die (fusos) ganz aus Holz, so werden sie ungekerbt verkauft; die mit Metallbekleidung, natürlich schon gekerbt.

2.) Die seltne Gattung b) mit mehr oder weniger stark ausgesprochenem Köpfchen erhält keinen Spindelkerb. Auch der leicht geritzte Rundkerb, der hie u. da angebracht wird, ist nicht unentbehrlich. S. u. 6 –

3) Bei der Hakenspindel c.) (parafusa fuseira etc) mag es zufällig, d. h speziell portug. Sitte sein, das dicke Ende, nach oben zu kehren. Jedenfalls erfüllt sie so ihre Bestimmung – Zusammendrehen zweier Fäden – in vorzüglicher Weise.

4.) Die Schlinge! Daß Sie den nó corredio nicht zu machen wußten, sollte mich überraschen? Oh nein! ich weiß hinlänglich, wie achtlos wir altmodisch Erzogenen an solchen Dingen vorübergehen u. habe darum meinen eigenen Jungen gelehrt, die Augen zu öffnen u. die Hände zu brauchen; bin mit ihm in Werkstetten u. Fabriken, auf den Markt u. aufs Meer gegangen. Und was den Knoten betrifft, so haben wir gemeinschaftlich bei einem Fischer gelernt, Netze zu knüpfen. [Einfügung: Sind im Fischbuch nicht auch Abbildungen von Schlingen u. Knoten?] – Wie die Spindel-Schlinge beschaffen ist, zeigt übrigens die Zeichnung A Ihrer Postkarte mit hinreichender Deutlichkeit (während B u. die Skizze im Briefe einen lockren Knoten darstellen). So weit meine Einsicht u. Erfahrung reicht, ist nur die erstere (A) beim Spinnen anwendbar.

5) Wie ich dieselbe beim Klöppeln herstelle, zeigt Ihnen das Klöppelpaar das ich Ihnen zusende,– falls der Faden sich auf der Reise nicht löst oder verschiebt.

1(doppelt.)

6.) Bei jeder Köpfchen-Spindel scheint nur die Schlinge unentbehrlich – so unentbehrlich wie beim Klöppeln. Natürlich wird sie nicht einmal, sondern so oft von Neuem gebildet, als man die 1⅓ - 1½ Meter gesponnenen Fadens aufwickelt. Und zwar stets in gleicher Weise. Sie hält vollkommen gut, da das Schwergewicht der Spindel diese nach unten u. dadurch die Schlinge fester zieht. 2

7.) Hier zu Lande wird bei der Kerb-Spindel keine Schlinge geschürzt weder in der mosca, noch unterhalb derselben. Der frisch gesponnene relativ weiche Faden hält sich zur genüge in die mosca gewirbelt, wenn natürlich bei ungeübten oder zerstreuten Spinnerinnen die Spindel auch dann u. wann zu Boden fällt.

So wie Ihre Zeichnung die Sache zeigt, ließe sie sich natürlich gestalten; u. es liegt mir fern zu behaupten daß es nirgends so sei:3 Als ich es mit meiner Verwandten versuchte, kamen wir zu dem gleichen Ergebniß. –

Ungeheuer neugierig bin ich auf Cágado u. die andern Etymologieen. Hoffentlich kommen sie recht bald ans Licht. Und Ihre Gesundheit hindert Sie nicht daran, uns die kostbaren Früchte Ihrer Thätigkeit zugänglich zu machen.

Nach dem kreolischen Konversations–Büchlein aus S. Thomè habe ich bis jetzt vergeblich gefahndet. Sobald ich Sicheres weiß, theile ich es Ihnen mit.

Mit bestem Gruße
in Hochachtung u. Bewunderung

Carolina Michaëlis de Vasconcellos

Porto 19-II-99


[1] Zeichnung s. Scan

[2] Zeichnung s. Scan

[3] Zeichnung s. Scan