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Brief (58-SM18)

Graz 8 Juli 90.

Theuerster Freund!

Verzeihe mir dass ich Dir für deinen liebenswürdigen Brief vom 24 Mai erst heute, und das herzlichst danke. Ich habe Alles rücksichtslos beiseite gelassen um meine malaioportugiesische Arbeit[1] die ich in den letzten Jahren ich weiss nicht wie oft habe abbrechen müssen, endlich unter Dach zu bringen; und in der That ist sie, 230 Seiten stark, gestern an die Akademie abgegangen. Obwohl sie theilbar war, habe |2| ich sie doch nicht getheilt; ich kenne die angenehme Seite des Theilens, aber für den Benutzer gibt es nichts Unangenehmeres als z. B. die fünffache Paginirung von Miklosichs Rumunischer Lautlehre.

Um auf Deinen Brief zurückzukommen, so habe ich den Kern Deiner orographischen "spagniolismi" (so nannte ich d'Ovidio gegenüber gewisse freundschaftlichen Übertreibungen und wir haben oft darüber gelacht) mit Genugthuung gewürdigt; der Schluss aller dieser Geschichten bleibt der: Euer Kahlenberg ist höher als unser Schöckel; nur die Innsbrucker Berge scheinen in den Augen der Akademie Gnade zu finden. |3|

Und da wir einmal bei den Tiroler Bergen sind, so möchte ich Dich bitten mir vor Deiner Abreise ein kleines chronologisches Itinerar zukommen zu lassen. Ich hatte auch die Absicht heuer nach Tirol zu gehen, allerdings dachte ich an Madonna di Campiglio oder Pinzerlò; aber das Eine würde das Andere nicht ausschliessen. Ich hätte wie Du weisst, so gern einmal in idyllischer Umgebung mit Dir verkehrt. Bei meinen kurzen Besuchen in Wien hat es mir immer zu sehr an ruhiger und behaglicher Stimmung zu längeren Unterhaltungen gefehlt. Übrigens wäre es nicht unmöglich dass ich bis zur Herkunft des Kaisers (Anfang August) hier bliebe; denn wir können doch nicht alle vor dieser festlichen Gelegenheit in die Sommerfrischen gehen. |4|

Wie steht es mit Miklosichs Gesundheit? Was macht W. Meyer[2]? Sollte er Dir etwa in Folge von Eberts Tod wieder entrissen werden? Zunächst werden die Leipziger wohl an Gröber[3] denken; und für die Zeitschrift wäre es auch wünschenswerth wenn der Redakteur etwas näher an der Druckerei sässe.

Also, vergiss nicht mich in den nächsten Tagen - denn Du wirst wohl bald abreisen - mit einer kurzen Nachricht zu erfreuen und empfiehl mich indessen der Gnädigen bestens.

                                                                                              Dein treuer

                                                                                              H. Schuchardt

Beim Durchlesen dieser Zeilen sehe ich mit Schrecken dass ich mich so ausgedrückt habe, dass man mich eines Selbstvergleichs mit dem Schöckel bezichtigen könnte; ich meinte nur den oft besprochenen Unterschied zwischen Provinz und Hauptstadt.

 

[1] Schuchardt, Hugo. 1890. 'Kreolische Studien IX. Ueber das Malaioportugiesische von Batavia und Tugu'. In Sitzungsberichte der philosophisch-historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften. Wien 122: 1-256 (Brevier-/Archivnr. 232).

[2] Meyer-Lübke.

[3] Gustav Gröber (1844 - 1911), Philologe, Begründer und Herausgeber der Zeitschrift für romanische Philologie, die bei Niemeyer in Halle/S. erschien.