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Brief (70-07687)

Bester Freund!

Herzlichsten Dank für den Glückwunsch. Ich gestehe dir, dass mich die Sache eben so erstaunt als erfreut hat; wie mag man auf mich, den Halbverschollenen, gerathen sein!1

Mit mir steht es schlecht; am 10. Dec. erhielt ich eine Art Schlag im rechten Fusse; seitdem schleppe ich mich mühsam, auf zwei Stöcke gestützt, von einem Zimmer zum anderen. Die mit besonderem Erfolge begonnenen Vorlesungen (über altfz. Litt. und ital. Hist. Gr.; erstere vor gegen 100 Hörern) hatten einen jähen kläglichen Abschluss; zur Seminarübung kommen die Leute zu mir. Anfangs Februar komme ich um Pensionierung ein.2 Dass ich nicht einmal in die Akademie gehen kann, thut mir besonders leid; es war die einzige Gelegenheit ein paar Worte mit Collegen zu sprechen. Ausser Jagic u. Schipper besucht mich Niemand. M.L. war stets zurückhaltend, jetzt liegt der Arme seit 10 Tagen mit einer schweren Pneumonie. Gestern war der Zustand bedenklich. Hoffentlich siegt die Jugendkraft; fatal ist freilich, dass er schon einmal gleiche Gefahr lief. Mich schaudert, wenn ich an Böses denke; deus avertat! Die Romanisten, deren bei uns so viele und überaus fleissige gibt, sind verzweifelt; sie sind nun auf die paar Docenten angewiesen, und Ettmayer ist stets kränklich. Schreibe mir doch nächstens ausführlich, wie du dich befindest, was du arbeitest, ob du Reisepläne hast. Grüsse Meringer; sein geistreicher Aufsatz hat mich lebhaft interessiert; Vieles scheint mir ganz richtig; bin übrigens gar nicht competent.

Leb' wol, theurer Freund dein treuer
A Mussafia


[1] Es müßte sich um die Verleihung des Berliner Ordre pour le mérite handeln, vgl. dazu den Brief von Ascoli an Schuchardt vom 3. 2. 1904: "Quanto al Mussafia, io spero e credo ch'egli esageri le proprie sofferenze o che almeno queste non presentino la gravità ch'egli presume. Siamo, da anni ed anni, sempre alle stesse. L'ordre pour le mérite gli potrà essere d'altronde un farmaco molto salutare!"

[2] Vgl. dazu: Weihs, Kurt: Geschichte der Lehrkanzeln und des Seminars für romanische Philologie an der Universität Wien, masch. Diss., Wien, 1950, 79: "Am Ende des Wintersemesters 1903/04 nahm er seinen Abschied von der Universität."