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Brief (65-07683)

Bester Freund!1

Ich danke dir herzlichst für deinen lieben Brief. Ich habe mich auch oft gesehnt, deine Nachrichten zu erhalten; wenn ich nicht schrieb um welche zu verlangen und um meine zu geben, so ist daran die unheilbare Faulheit im Briefschreiben schuld. Ich war überdiess diesen Winter, weil allein, mehr beschäftigt als sonst; und der bestaendige Nebel reducierte meine Arbeitsstunden auf zwei oder drei täglich. Mit der Gesundheit bin ich ziemlich zufrieden; der Winter wenigstens war so gut wie seit Jahrzehnten nicht; nur jetzt, wie immer bei herannahendem Frühlinge, werden meine Nerven etwas rebellisch. Um den Versuch zu machen, sie ein wenig zu beruhigen, will ich auf einige Wochen fort; ich dachte zuerst an Nizza, wohin meine Freundinnen Richter2 übermorgen reisen; es ist mir aber für die kurze Zeit zu weit und zu kostspielig; ich habe mich daher für Abbazia entschieden. Da es dort jetzt noch zu kalt ist, werde ich erst zwischen dem 20. und 25. abreisen. Bei der Rückkehr, Ende April, werde ich mich einen Tag in Graz aufhalten, um, falls du dort bist, ein paar Stunden mit dir zu verplaudern.

Dass du mit meiner portugiesischen Kleinigkeit nicht ganz unzufrieden bist3, freut mich sehr, was du vermissest, musst du mir zu gute halten. Ich fühle immer mehr, dass ich mich auf das Zunächstliegende und mir vollkommen Klare beschränken muss; weite Ausblicke sind mir schon deshalb verwehrt, weil ich Bibliotheken zu besuchen, viele Bücher zu lesen u.s.w. nicht imstande bin. Die Hauptsache ist für mich, durch angenehme Beschäftigung mein einsames stilles Leben auszufüllen; wenn dabei ein wenn auch noch so winziger Nutzen der Wissenschaft erwächst, um so besser. Ich habe auch einen kleinen Beitrag zur Textkritik und Interpretation romanischer Texte von Stapel gelassen; er betrifft diessmal Provenzalisches; ein zweiter über Französisches folgt bald4. Eine Recension des tollen Buches Jarník's5 (Katharinenlegende), eine über Bartsch's Chrestomathie6 und eine Studie über Tobler's Petrachiana7 in Wahlunds Mélanges – meist ablehnend – diess sind die Früchte der Winterarbeit. Jetzt heisst es bis October wieder ausruhen.

Was du mir über Far.8 schreibst, hat mich sehr interessiert. Ich freue mich herzlichst, dass dieser ausgezeichnete junge Mann sich der akademischen Carriere zuzuwenden gedenkt. Dass er sich in Innsbruck nicht habilitieren kann, ist selbstverstaendlich; besitzt doch unbegreiflicherweise diese Universitaet keine romanische Lehrkanzel. Dass unter solchen Verhältnissen die Hilfe einer Schwesteranstalt angerufen wird, ist Etwas durchaus Natürliches und ist bereits oft geschehen. Ich glaube daher, dass der philos. Facultät, und in erster Linie dir, als dem Vertreter unseres Faches, nur angenehm sein muss, ein solches Amt zu übernehmen und dadurch einem verdienstvollen jungen Gelehrten zur Möglichkeit im akademischen Lehramte zu wirken zu verhelfen. Dir die Bedeutung Far.'s vorzudemonstrieren, wäre von meiner Seite eine Vermessenheit; ich beschraenke mich darauf zu erklären, dass es mich sehr gefreut hätte, wenn F. sich nach Wien gewandt hätte. Ich meinerseits – und ich glaube nicht fehl zu gehen, wenn ich dasselbe von meinem Collegen Meyer-Lübke behaupte – würde nicht einen Augenblick zögern, ihn auf Grundlage seiner zahlreichen, gediegenen Arbeiten zu den weiteren Habilitationsacten zuzulassen, mit der zuversichtlichen Hoffnung, dass das Colloquium die hohe Meinung, die ich von F. habe, vollkommen bestäthigen würde. Ich werde dir sehr dankbar sein, wenn du mich über den ferneren Gang der Angelegenheit unterrichten wirst; ich verfolge sie mit der lebhaftesten Theilname.9

Lebe recht wol, theurer Freund. Meine Frau erwiedert deine freundlichen Grüsse Dein treuer
A. Mussafia

Was macht Ive? Grüsse ihn mir


[1] Der hier vorliegende undatierte Brief ist vermutlich im März 1895 entstanden.

[2] Helene Richter (1861 - 1942, Theresienstadt), Anglistin und Theaterwissenschaftlerin; Elise Richter (1865 - 1943, Theresienstadt), Romanistin. - Zur Freundschaft der beiden Schwestern mit Mussafia vgl.: Renzi, Lorenzo. 1963/64 'Il carteggio di Adolfo Mussafia con Elise e Helene Richter'. In Atti dell'Istituto Veneto di scienze, lettere ed arti 122, 497-515.

[3] Mussafia, Adolfo. 1896. 'Sull'antica metrica Portoghese'. In Sitzungsberichte der philosophisch-historischen Klasse der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien 133, 1-30. - Schuchardt muß seine Meinung dazu in einem Brief geäußert haben, eine Rezension gibt es nicht.

[4] Mussafia, Adolfo. 1896. 'Zur Kritik und Interpretation romanischer Texte I' In Sitzungsberichte der philosophisch-historischen Klasse der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien 134, 1-36. - Bis zum Jahre 1903 sollten noch fünf weitere Abhandlungen dieses Titels, jeweils in den Sitzungsberichten, erscheinen.

[5] Mussafia, Adolfo. 1896. 'J.U. Jarník, Dve verse starofrancouczk‚ legendy o Sv. Katerine Alexandrisk‚ (Zwei altfranzösische Versionen der Katharinenlegende)'. In Zeitschrift für die österreichischen Gymnasien 47, 237-242.

[6] Mussafia, Adolfo.1896. 'K. Bartsch, Chrestomathie de l'ancien français (VIIIe-XVe siècles)'. In Literaturblatt für germanische und romanische Philologie 17, 200-205.

[7] Mussafia, Adolfo. 1896. 'Nota petrarchesca: Rezension zu Adolf Tobler, Zu Petrarca (in: Mélanges de philologie romane dédiés à Carl Wahlund à l'occasion du cinquantième anniversaire de sa naissance, 13-28)' In Rassegna bibliografica della letteratura italiana 4, 65-76.

[8] Arturo Farinelli (1867 - 1848) hatte in Zürich studiert und unterrichtete in Innsbruck Französisch und Italienisch. Er konnte bereits einige wichtige Publikationen vorweisen, z. B.: Farinelli, Arturo. 1892. Die Beziehungen zwischen Spanien und Deutschland in der Litteratur der beiden Länder bis zum 18. Jahrhundert. Berlin; Farinelli, Arturo. 1894. Grillparzer und Lope de Vega. Berlin.

[9] Ganz ohne Schwierigkeiten ging die Angelegenheit dann doch nicht vor sich; vgl. dazu den Brief von Schuchardt an Ascoli vom 23. Juli 1895: "[...] die Nostrifikation seines Doktordiploms; das Gesuch darum wurde von der Fakultät, auf eine Aeusserung Meyers hin, a limine abgewiesen. Ich veranlasste dass das Ministerium die Fakultät aufforderte, über das Gesuch zu berathen. Die eingesetzte Kommission entschied günstig. Dieser Kommissionsbericht aber wurde in der nächsten Sitzung der ich krankheitshalber nicht beiwohnen konnte, verworfen, was wiederum Meyer mit ganz unbegründeten, aber zuversichtlichst vorgetragenen Ansichten durchsetzte. Nun wurde er beauftragt das abweisende Referat zu verfassen; in der folgenden Sitzung verlas er es, entfernte sich klugheitshalber sofort, dann sprach ich und hatte den unglaublichen Erfolg dass der Beschluss der vorhergehenden Sitzung umgestossen u. Farinelli's Nostrifikation empfohlen wurde; jetzt ist er vom Ministerium aus schon nostrifizirt." - Die Habilitation selbst erfolgte dann problemlos.