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Brief (56-07675)

Liebster Freund!1

Ich hatte gehofft Dir heute ein freudiges Telegramm senden zu können; es wär zu schön gewesen es hat nicht sollen sein. Wir hatten Alles auf das trefflichste arrangirt; die Majorität in unserer Klasse war Dir gesichert, als sich ein mächtiger Gegner, der über fast alle Stimmen der anderen Klassen verfügt, einen andern Kandidaten aufstellte. Beim ersten Wahlgang ergab sich keine Majorität; 45 Votanten; Er 21 Stimmen Du 19; die paar Übrigen #. Beim zweiten Wahlgang traten zwei unter den Wilden zu Ihm und der Sieg war auf seiner Seite. Ich kann Dir nicht sagen wie sehr mich das schmerzt. Je grösser meine Überzeugung ist, dass Du schon längst verdientest, zu den Unseren zu gehören, je näher ich mich dem Ziele wähnte, desto herber aber die Enttäuschung. Du, im Bewusstsein Deines Werthes, kannst Dich leicht über das Dir angethane Unrecht trösten; ich kann es nicht so leicht, weder als Akademiker noch als Freund.

Hast Du die Absicht nach Zürich zu gehn es scheint ein Romanistenkongress im grossen Stile sich herausbilden zu wollen und dass Tobler die Leitung übernommen, wird Dich hoffentlich nicht hindern daran theil zu nehmen. Auch ich würde sehnlichst wünschen einmal mit den besseren Fachkollegen zusammen zu treffen; nur dass die Vereinigung in so vorgerückter Jahreszeit statt findet, lässt mich befürchten, dass ich mein Vorhaben nicht werde ausführen können.

Viele Grüsse von mir und der Secretärin
Dein treuer
A Mus


[1] Der vorliegende undatierte Brief ist vermutlich im Mai 1890 entstanden.