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Brief (52-07671)

Bester Freund!

Dank für die interessanten Mittheilungen, die Sie dem Publicum nicht vorenthalten dürfen. Vielleicht thun Sie es in einer Anzeige meiner Publication; wenn nicht, in einer Miscelle.

Ich zögerte Ihren Brief zu beantworten, weil ich des schauerlichen Wetters halber zwei Akademie-Sitzungen versäumte und eines Abends, als mich Miklosich besuchte, gerade ausnahmsweise in der Oper war. Gestern sah ich ihn, der, obwol leider unserem Collegium nicht mehr angehörig, doch in der bewussten Angelegenheit1 das erste und das letzte Wort haben wird, haben muss. Er ist (in allem Vertrauen sei gesagt) mit Ihrem Candidaten nicht im geringsten einverstanden. Weiteres sprachen wir nicht. Möglich ist, dass da Mikl. nicht bloss in der Prüfungscomm. fortwirkt, sondern auch in selbstloser Weise sich dem Ministerium zur Verfügung stellte und an der Universitaet fort liest, dieses Provisorium, welches nichts anderes ist als eine Fortsetzung des früheren Zustandes, fortdauern wird; wir haben keinen Grund uns darüber zu beklagen.

Für Ihren Wink betreffs Ascoli bin ich Ihnen sehr dankbar; ohne Sie irgendwie zu nennen, beeilte ich mich, mich mit ihm auseinanderzusetzen. Auf einen langen Brief erhielt ich einen kurzen, etwas sybillinischen Bescheid; doch ich lebe der Hoffnung, dass er sich früher oder später von der Lauterkeit meiner Handlungen und der Unveränderlichkeit meiner Achtung und Liebe zu ihm überzeugen werde. Gartner habe ich meine Meinung unverholen gesagt; er hätte sich nie und nimmer von B. in Schlepptau nehmen lassen sollen.2

Leben Sie wol, mein bester Freund Ihr treuer
A Mussafia

19. 3. '86.


[1] Es dürfte sich um die Nachfolge von Miklosich auf dem Lehrstuhl für slawische Philologie handeln.

[2] Ascoli hat Gartners Raetoromanische Grammatik im Archivio Glottologico 7 (1880-83), 563-568, recht scharf kritisiert. Gartner fühlte sich persönlich angegriffen und verfaßte zu seiner Verteidigung ein Rundschreiben, das er an 60 Romanisten in ganz Europa verschickte. Eduard Boehmer, dessen Ansichten über rätoromanische Fragen Ascoli nicht immer teilte, veröffentlichte das Rundschreiben dann im Heft 21 vom November 1885 seiner Romanischen Studien und ergänzte es durch einen weiteren Artikel gegen Ascoli (s. Romanische Studien 6, 336-338). - Mussafia fürchtete nun offenbar, wegen seiner freundschaftlichen Beziehungen zu Gartner in den Streit verwickelt zu werden. Vgl. dazu: Briefwechsel Mussafia - Ascoli, Brief von Mussafia vom 24. 2. 1886; die Antwort Ascolis, auf die angespielt wird, ist leider nicht erhalten. Vgl. weiters: Brief von Ascoli an Schuchardt vom 29. 1. 1886: "[...] l'oscena appendice, con la quale il Böhm. ha accompagnato la disonesta circolare del Gartn."