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Brief

Bester Freund![1]

Heute erst (am Dienstag, DrGartners[2] Tag) ist es mir möglich, Ihre werte Zuschrift zu beantworten. Es thäte mir sehr leid, wenn Sie meinten, ich hätte es an der schuldigen Aufmerksamkeit für Sie fehlen lassen. Ich erinnere mich ganz gut, Ihnen seinerzeit die Nummer des Anzeigeblattes zugesandt zu haben. Ich wusste zwar, dass Sie es durch die Akademie bekommen; da ich aber nicht wusste, ob dies regelmässig und ohne Aufschub geschieht, schickte ich Ihnen wie gesagt noch ein Ex., und zwar in meinem eigenen Interesse. Jetzt ergibt es sich, dass meine Vorsicht durch die Nachlässigkeit der Post vereitelt wurde und dass ich um die kostbaren Bemerkungen gekommen bin, die Sie mir gewiss nicht vorenthalten hätten. Darüber, dass ich Ihnen keinen Separatabdruck schickte, muss ich allerdings um Entschuldigung bitten; ich bekam sie aber erst zu einer Zeit, in der das Heft schon lange versendet worden war.[3] ǀ2ǀ Und da meine 50 Ex. nicht hinreichten, um den vielen Pflichten gegenüber, die ich gegen Fernstehende hatte, aufzukommen, erlaubte ich mir, meinen besten Freunden, von denen ich wusste, dass sie die Ak.-Ex. bekommen, kein Ex. zu schicken. Ich ersuche Sie also bestens, mir wegen meines Versäumisses nicht gram zu sein. Ihrer Anzeige[4] sehe ich mit großer Spannung entgegen. Nichts wird mir angenehmer sein, als wenn Sie alle meine Zweifel lösen, und sollte auch dabei keine einzige meiner Vermuthungen sich als stichhaltig erweisen. Das kleine Verdienst, die interessante Frage angeregt zu haben, wird mich für die ziemlich lange und mühevolle Arbeit entschädigen.

Was M.[5] betrifft, so glaube ich, dass sich die Sache viel milder beurtheilen lässt. Offenbar zögerte er mit seinem Danke, weil er erwartete, dass Sie ihm recht bald die ganze Schrift zuschicken würden. Da diese, aufrichtig gesagt, etwas zu lange auf sich warten lässt, so ist es einigermaßen begreiflich und verzeihlich, wenn er ǀ3ǀ seinerseits sich nicht mehr beeilt, für ein Geschenk zu danken, das ihm zwar angekündigt, aber eigentlich noch nicht zugekommen ist.[6] Ich habe allen Grund zu vermuthen, dass ihn die Überreichung des Bruchstückes sehr freudig überrascht hat; trachten Sie nun, die Arbeit bald zu vollenden, und seien Sie gewiss dass sie die beste Aufnahme finden wird. Aus vielfachen Gesprächen mit M. habe ich entnommen, dass er zu Ihren besten Freunden und zu den aufrichtigsten Bewunderern Ihres Wissens und Scharfsinnes zählt.

Also H. Müller will in Graz den Doctor machen. Ein überaus confuser Kopf, der ein von mir gehaltenes 2stündiges Collegium, das er miserabel verstand, ausplünderte, dazu allerlei Wörterbücher mit ebenso wenig Verständnis excerpierte. Ich habe die Arbeit approbiert, um nicht mit neuen Elucubrationen dieses Herren mich beschäftigen zu müssen, und nahm mir vor, Ihn bei der Clausur u. mündl. Prüfung aufs Korn zu nehmen. Nun will der unstäte ǀ4ǀ und unklare Kopf anstatt etwas ordentliches für die Lehramtsprfg. zu lernen, höheres anstreben. Ich glaube nicht, dass Ihre Zuneigung für den ehemaligen Schüler Sie veranlassen wird solchem Beginnen Vorschub zu leisten. Er schadet sich ja nur selbst mit solchen phantastischen Plänen.

                                                                                              Mit besten Grüssen

                                                                                              Ihr treuer

                                                                                              A Mussafia

 

Dass ich die etwas delicate Angelegenheit Mkl.[7] Gartner dictirte, möge Ihnen nicht befremdlich erscheinen. Er ist eine treue Seele, verschwiegen wie das Grab, und förmlich ein alter ego. Sie sehen, dass ich keinen Anstand nahm, die eben so delicate Angelegenheit Müller durch ihn zu erledigen.

 

[1] Der vorliegende Brief ist nicht datiert, kann aber mit Hilfe der Bezüge zu verschiedenen Publikationen auf das Ende des Jahres 1883 datiert werden.

[2] Theodor Gartner (1843 - 1925).

[3] Es handelt sich um folgende Publikation: Mussafia, Adolfo. 1883. 'Zur Praesensbildung im Romanischen'. In Sitzungsberichte der philosophisch-historischen Klasse der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien 104, 3-77.

[4] Schuchardt, Hugo. 1884. '[Rez. von:] Mussafia, A., Zur Präsensbildung im Romanischen'. In Literaturblatt für germanische und romanische Philologie 5: 61-68 (Brevier-/Archivnr. 163).

[5] Miklosich.

[6] Schuchardt wollte Miklosich bereits zu dessen 70. Geburtstag am 20. November 1883 das folgende Werk überreichen, vollendete es aber erst zu Jahresende 1884: Schuchardt, Hugo. 1884. Dem Herrn Franz von Miklosich zum 20. November1883. Slawo-deutsches und Slawo-italienisches. Graz : Leuschner & Lubensky (Brevier-/Archivnr. 160).

[7] Miklosich.