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Brief (25-SM14)

Graz 8. 5. 77.

Theuerster Freund!

Ich bin vor unendlich langer Zeit einmal auf die Rebhuhnjagd gegangen. Da glaubte ich denn bloß auf's Gerathewohl in die Rotte hineinschießen zu müssen, damit ein oder zwei Dutzend Vögel herabstürzten. Ein Jägerbursche aber belehrte mich, daß man immer auf einzelne Vögel halten müßte. Mit der Diezstiftung verhält es sich ganz ähnlich und ich habe das von vornherein nicht anders erwartet, auch in Deutschland dachte ich mir, daß es ein paar Leute sein würden, welche, durch Einzahlung sehr anständiger Beiträge, fast das Ganze aufbrächten. Die Liste der Beiträge, welche die "Zeitschrift" bringt, hat meine Erwartung vollkommen bestätigt1. Gibt es in Wien nicht auch ein paar fette Vögel, mögen sie Geheimkommerzienräthe oder wie sonst heißen, welche wir uns langen könnten? Da Sie selbst so wenig in Gesellschaft gehen, so müßten wir einen Agitator für die Sache in Wien haben.- Daß Sie übrigens melancholisch und reuevoll wegen unseres Schrittes sind, begreife ich nicht recht, ich handle immer nach gewissen Prinzipien und der Erfolg ändert nie meine Ansicht über eine Sache. Auch in der Wissenschaft kommt es mir nur auf das Wie nicht auf das Was an. Heute bekomme ich neue Exemplare unsere Aufrufs von Ihnen zugeschickt, aber ohne zu wissen, wie es denn in Bezug auf die Realschüler steht. Wollen Sie mich nicht durch eine Zeile davon unterrichten?- Aus Czernowitz schrieb mir der provenzalische Palaeograph, daß er das Seinige thun werde (er hat auch den Aufruf abdrucken lassen), aber er bedauere, daß er nicht mit zur Unterzeichnung (wohl zur nachträglichen von Sbiera2) aufgefordert worden sei. Ich werde, wenn ich Zeit habe, ihm vielleicht begütigend antworten. Cipariu hat ebenfalls das Mögliche versprochen. Der Krieg wird freilich auch unser kleines Saatfeld etwas niederstampfen. Ascoli hat mir gestern den italienischen Aufruf übersandt. Ich habe so viel über die Sache geredet und geschrieben, daß eine gewisse Reaktion bei mir eingetreten ist und ich nur an das Materielle noch denken werde; im Uebrigen corra l'acqua alla china. Beiläufig, wie viel gedenken Sie zu geben?

Was sagen Sie zur "Zeitschrift"? Sie macht einen sehr günstigen Eindruck, es läßt sich aber doch Manches daran aussetzen. So wäre wenigstens für das erste Heft ein runder, glatter Aufsatz zu wünschen gewesen, wie davon die Romania verschiedene gebracht hat. Das Beste darin ist entschieden von Tobler3; seine Bemerkungen sind ungemein sauber, sorgfältig und durchdacht (aber was für ein Pumpernickeldeutsch!). Indessen ist doch sein Aufsatz der Form nach eigentlich Miscelle. Scholle's Abhandlung4 über die Baligantepisode scheint mir, nach ganz flüchtigem Einblick, doch sehr wenig Sicheres zu ergeben. Stengel's phonologische Miscelle5 ist wie das Klopfen an einen Felsen, in dem Gold steckt; also ich denke nicht daß er das Gold schon herausgebracht hat. Rajna's Buch ist in höchst wunderbarer Weise recensirt6 U.s.w. u.s.w. Können Sie mir nicht einen Abzug Ihrer Recension des Chev. a. d. ‚. aus der Ztschr. für Gymnasialwesen7 zukommen lassen? Warum ist übrigens, da es doch noch Zeit war, unser Aufruf dort nicht abgedruckt worden.

Ich habe zufälligerweise gelesen, daß am 11. Mai Sitzung der ph.-hist Kl. der Akademie sein wird. Ist Aussicht vorhanden, daß man mir sagen wird:

Dignus, dignus, dignus est entrare

in nostro docto corpore

(oder vielmehr Correspondere cum nostro docto corpore)?

Ich bin über meine wissenschaftliche Asthenie, über die ungeheuere Produktivität mancher "Kollegen", über das Aufblühen der Stengelschen und Vollmöllerschen Schüler u.s.w. so verstimmt und neidisch, daß wenn ich keine äußere Ermuthigung erfahre, ich den Dienst der Musen quittire und mich dem der Grazien widme, wozu die Ville des Graces ja genügenden Anlaß brächte. Empfehlen Sie mich der Gnädigen.

Ganz der Ihrige H. S.


[1] Vgl. dazu Zeitschrift für romanische Philologie 1 (1877), 163 f.

[2] Johann Sbiera (1836 -), Romanist.

[3] Tobler, Adolf. 1877. 'Vermischte Beiträge zur Grammatik des Französischen'. In Zeitschrift für romanische Philologie 1, 1-25.

[4] Scholle, Franz. 1877. 'Die Baligantepisode, ein Einschub in das Oxforder Rolandslied'. In Zeitschrift für romanische Philologie 1, 26-40.

[5] Stengel, Edmund. 1877. 'Zur Zeitbestimmung des Schwundes von e und i nach der Tonsilbe im Nordwestromanischen'. In Zeitschrift für romanische Philologie 1, 106-107.

[6] Canello, Ugo Angelo. 1877.  'Le Fonti dell'Orlando Furioso, Ricerche e Studi di Pio Rajna', in: Zeitschrift für romanische Philologie 1, 125-130.

[7] Mussafia, Adolfo. 1877. 'Li chevaliers as deus espees, altfranzösischer Abenteuerroman. Zum ersten Male herausgegeben von Wendelin Foerster' In Zeitschrift für die österreichischen Gymnasien 28, 197-213.