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Brief (21-SM12)

Graz 15. 2. 77.

Lieber Freund!

Schon längst wollte ich Ihnen wieder einmal schreiben, komme aber erst nach dem Fasching, während dessen ich ziemlich viel getanzt habe, dazu. In meinem vorigen Briefe hatte ich Nichts von meinem Verhältniss zu Studenten und Examinanden gesagt, ich bemerke jetzt nur, daß mich dasselbe im Ganzen recht zufriedenstellt, wenn auch Ihre Landsleute für das Linguistische kaum allzugroße Begeisterung hegen. Es ist mir aufgefallen, daß in zweisprachigen Ländern oft, aller Erwartung zuwider, wenig Neigung besteht, die Kenntniss mehrerer Sprachen zu erwerben. Die Kymren in Wales, obwohl sie von fünf an Englisch neben dem Kymrisch erlernen, kennen fast nie eine dritte lebende Sprache. Ebenso be- greife ich nicht, wie in Oestreich, wo das Französische als Konversationssprache eine weit größere Rolle spielt als bei uns, dasselbe im öffentlichen Unterricht so sehr vernachlässigt ist und wie besonders unter den Hörern der Philologie sich so wenig finden, welche aus eigenem Antrieb sich mit dieser Sprache befassen. Während ich in Italien überall eine oft lächerliche Vorliebe für das Französische gefunden habe, scheinen sich die nordöstlichen Italiener fast ablehnend gegen dasselbe zu verhalten.

Ich habe gehört – Sie schreiben mir Nichts davon – daß Sie eine sehr vortheilhafte Einladung nach Rom abgelehnt haben, und daß Sie Wien für immer erhalten bleiben. Ich freue mich herzlich darüber. Gern möchte ich aber wissen, welchen Posten man Ihnen in Rom eigentlich zugedacht hatte.

Schmilnisky's1 Probe eines Glossars zum Rolandslied werden Sie erhalten haben, dadurch aber schwerlich glücklicher geworden sein. Ich schrieb Ihnen, glaub' ich, schon, daß ich für nächstes Semester Lektion des Rolands-liedes angekündigt habe.2 Ein paar Leute hoffe ich doch zusammenzukriegen. Einer Ihrer Schüler, Ive,3 soll Volkslieder in der Mundart von Dignano herauszugeben beabsichtigen; eine Probe davon soll schon gedruckt sein.4 Können Sie mir dieselbe nicht verschaffen? Dieser Ive - so erzählte mir einer meiner Zuhörer - soll auf Ihre Veranlassung nach Florenz geschickt sein, um dort seine Studien zu vollenden; dann werde er sich in Wien habilitiren und Ihre Stütze bilden. Was ist daran Wahres?

-Arboit schickte mir neulich seine friaulischen Volkslieder; ich habe die Absicht, dieselben irgendwo anzuzeigen.5 Für das Friaulische interessire ich mich sehr, ich denke dasselbe gründlich zu studiren, weil ich es für gewisse ethnographisch-linguistische Untersuchungen, welche mich sehr anlocken, wohl brauchen kann. Ich habe so aber das Buch von Jung über die Römer und Romanen in den Donauländern6 gelesen, es hat mich sehr angeregt, aber mir weit weniger gefallen, als seine "Anfänge der Rumänen"7. Rösler's Theorie ist noch keineswegs unhaltbar geworden. Wie denken Sie über die norddonauischen Sitze der Rumänen? Ein hiesiger Kollege Bidermann, wird nächstens auch ein Buch über Verbreitung und Bedeutung der Romanen in Oesterreich herausgeben.8

Von Zeit zu Zeit befällt mich ein Ueberdruß an wissenschaftlicher Arbeit. Man hat zu wenig Dank davon. Ich hoffte, daß meine Arbeit über "Ritornell und Terzine"  bei dem regen Interesse, das in Italien neuerdings für die Volksdichtung herrscht, dort einige Berücksichtigung finden würde, doch scheint das nicht der Fall zu sein. Die Anzeige in der Nuova Antologia habe ich nicht gelesen; ihr Verfasser aber schrieb mir, er hätte nicht recht verstanden, was ich eigentlich wollte.  Nigra handelte im neuesten Hefte der Romania ein Langes und Breites über Stornell und Rispett, er wirft mir zwar vor, daß ich das erstere Ritornell nenne  (daß dieser Ausdruck nur römisch und nicht ursprünglich ist, wußte ich sehr wohl, ich behielt ihn aus einem praktischen Grunde bei), thut aber im Uebrigen nicht als ob ich vor ihm über denselben Gegenstand geschrieben hätte. Noch dazu hatte ich in Paris mit ihm persönlich verkehrt und mich ausgesprochen. Es verdrießt mich das; ein wenig Eitelkeit spielt doch bei aller wissenschaftlicher Thätigkeit mit und dann wird auch die Wissenschaft selbst nur gefördert, indem das schon Geleistete gewissenhaftest benutzt wird. Ich selbst wenigstes nehme es sehr genau in diesem Punkte.

Als Sie mir von Ihrem Vorhaben sprachen, mich zum korr. Mitglied der K. Akademie vorzuschlagen, haben Sie mich auf einen Gedanken gebracht oder vielmehr in mir einen Wunsch erzeugt, der bis dahin mir noch nicht gekommen war, der aber in der letzten Zeit durch besondere Erwägungen in mir gesteigert worden ist. Die Sache verhält sich folgendermaßen. Tobler  schickte mir vor einigen Tagen den Aufruf zur Diezstiftung  zu und begleitete denselben mit einigen Zeilen, in denen er mich aufforderte, in Oesterreich dafür zu werben und vielleicht in der Augsb. Allg. Zeit. dazu anzuregen. Dem letzteren Wunsch bin ich nachgekommen, aber nicht ganz in dem Sinne Tobler's . So sehr ich mich für eine Diezstiftung im Allgemeinen begeistere, so wenig für eine Berliner Diezstiftung. Der Plan ist viel zu eng und kühl entworfen, bei diesem Unternehmen müssen Romanen und Deutsche in gleichem Maße betheiligt sein, um so mehr, als Erstere in neuester Zeit für unsere Wissenschaft sehr viel gethan haben. Was ist denn aber im neuen deutschen Reich von bedeutenden romanischen Arbeiten erschienen?- Sie werden, denk' ich, binnen Kurzem in der A.A.Z., welche Sie ja wohl halten, meine Auslassung zu Gesicht bekommen. Wenn den Berlinern dieselbe allzu schwärmerisch vorkommen sollte, so werden sie an der Nüchternheit einer Recension, welche im nächsten Hefte der Gröber'schen Zeitschrift erscheinen wird, Nichts auszusetzen haben. Ich habe mich der Aufgabe unterzogen nachzuweisen, daß die Preisaufgabe bezüglich der Lex Romana Utinensis schlecht gewählt, schlecht formulirt und die gekrönte Arbeit des Parisers keineswegs würdig war . Es hat mich ordentlich geärgert, daß man 2000 Thaler, welche der Wissenschaft und dem Verdienst hätten zu Gute kommen sollen, in dieser Weise zum Fenster hinausgeworfen hat. Mein Ton ist selbstverständlich ein gemäßigter und Tobler, mit welchem ich durchaus auf freundschaftlichem Fuße stehe, kann mir desshalb nicht grollen. Immerhin wird mir die Berliner Akademie wegen dieser beiden Angriffe nicht sehr hold sein und es wäre mir daher sehr erwünscht, wenn ich vor der Veröffentlichung des zweiten k. Mitglied der Wiener Akademie wäre. Würde ich es bald nachher, so sähe das fast wie eine Belohnung, wie eine Feindseligkeit gegen die Berliner aus.

Ich werde nächstens nach Wien kommen; wollen Sie mir nicht angeben, wo Sie jetzt wohnen (da Sie sowie ich höre, verzogen sind). Vielleicht können Sie mir einen Gasthof in Ihrer Nähe nennen, doch darf es kein allzuschlechter sein. Da ich immer noch etwas leidend und alle meine Mahlzeiten allein und auf meinem Zimmer zu nehmen gezwungen bin, so bin ich auf gute Bedienung angewiesen.

Hoffentlich haben Sie Jemanden, der Ihnen vorliest; mein Brief ist leider nicht so kalligraphisch gerathen, wie ich wünschte.

Herzlichste Grüße! H. Schuchardt

Haben Sie etwa Prof. Huemer  veranlaßt, mir seine Abhandlung über den jambischen Dimeter  zu schicken? Ich werde derselben einige Worte widmen.  Was sagen Sie zu Favre's Revue historique de l'ancienne langue française?  Ein totgebornes Kind, nicht wahr?


[1] Eigentlich Gustav Schmilinsky.

[2] Im Sommersemester 1877 hielt Schuchardt die folgende Vorlesung: Grundzüge des Altfranzösischen, am Rolandslied dargestellt.

[3] Antonio Ive (Rovigno, 1851 - Graz, 1939) war Gymnasiallehrer, strebte aber die Universitätskarriere an. Im Februar 1881 habilitierte er sich an der Wiener Universität für romanische Philologie, wurde aber erst 1893 mit Unterstützung Schuchardts ao. Prof. und 1902 o. Prof. für italienische Sprache und Literatur in Graz. - Er beschäftigte sich einerseits vor allem mit den istrianischen Dialekten (Ive, Antonio. 1886. 'L'antico dialetto di Veglia'. In: AGI 9, 115-187; 'I dialetti ladino-veneti dell'Istria'. Straßburg, 1900), leistete aber auch als Herausgeber Bedeutendes: 'Prose genovesi della fine del secolo XIV e del principio del XV'. In Archivio Glottologico Italiano 8 (1882-85), 1-79; Canti popolari velletrani, Roma, 1907.

[4] Ive, Antonio. 1877. La famiglia Dalla Zonca, con saggi di dialetto dignanese. Milano.

[5] Arboit, Angelo. 1876. Villotte friulane. Piacenza. - Schuchardt hat diese Volksliedersammlung allerdings nicht rezensiert.

[6] Jung, Julius. 1877. Roemer und Romanen in den Donauländern. Historisch-ethnographische Studien. Innsbruck

[7] Jung, Julius. 1876. Anfänge der Romaenen. Kritisch-ethnographische Studie. Wien.

[8] Dieses Buch erschien noch im Jahre 1877: Bidermann, Hermann Ignaz. 1877. Romanen und ihre Verbreitung in Österreich. Ein Beitrag zur Nationalitätenstatistik. Graz.