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Brief (26-10285)

Graz 27. Sept. 1923.

Verehrter Freund,

Ich knüpfe an Ihre gestern eingetroffene Karte an, und zwar an unseres biederen Pfarrers Schlögel Sprachrat. Es ist nach der schon etwas veralteten linguistischen Ausdrucksweise eine Kontamination, una linda contaminación zwischen Sprachforscher und Hofrat. Was den letzteren Titel anlangt, den ich nun seit fast einem Vierteljahrhundert trage, so bezeichnet er eigentlich den zweiten Rang (der Wirkliche Geheime Rat – Exzellenz – den ersten) unter den Zivilisten, so fern er sich auf ein wirkliches Amt bezieht. Er ist in neueren Zeiten auch als Ehrentitel verliehen worden – und das ist nun das Gewöhnliche; aber zunächst, wenigstens bei meiner Hierherkunft, noch kaum an Universitätsprofessoren, häufiger erst seitdem ein solcher selbst Unterrichtsminister geworden war. In der allerletzten Zeit ist man so verschwenderisch damit umgegangen daß die Wiener Universitätsprofessoren auf diese Ehrung verzichtet haben. Aber abgeschafft ist der Titel noch nicht. Wenn er nun auch ebenso in der Währung gesunken ist wie der Gulden bzw. die Krone, so ist es doch in der Praxis nicht unwichtig das Verhältnis der österreichischen zu den deutschländischen Titeln zu kennen:

Ö.                                                       D.

Hofrat                         =                     GeheimerHofrat

(Geh. Regierungsr. Geh. Medizinalrat usw.) alle gewöhnlich abgekürzt zu Geheimer Rat

Regierungsrat             =                     Regierungsrat

Kaiserl. Rat                 =                     Hofrat

Sie sehen daß wenn man Universitätsprofessor ist, man in Deutschland nicht als Hofrat reisen kann, ohne tiefer Verachtung ausgesetzt zu sein. Im Gegensatz hierzu wird der Hofrat in Ungarn mit Hochgeboren (méltóságos) betitelt, der Universitätsprofessor als solcher nur mit Hochwohlgeboren (nagyságos).

Der Neologismus Sprachrat könnte – nach Analogie von „lucus a non lucendo“ – bedeuten: einer der sich in sprachlichen Dingen keinen Rat weiß. Und in der Tat, je weiter ich im Baskischen vorzudringen mich bemühe, desto ratloser komme ich mir, was die Erklärung anlangt, vor, besonders nun da ich den ersten Bogen meiner Primitiae im Druck erhalten und korrigiert habe. Ich mußte ja um jeden Preis die Arbeit im verflossenen Sommer fertig bekommen und so manchen gordischen Knoten zerhauen. Hier und da spür ich nun etwas Reue. Ich habe z. B. behauptet dass zekion (manifestazekion es wurde ihm offenbar) und entsprechende Formen nichts mit dem Partizip ekin gemein hätten; aber wenn sie auch als ze-di-ki-o-n usw. zu deuten sind, so könnte immerhin ekin aus ihnen abgeleitet sein. Nun ich hoffe immer noch, in der RBasque einige Postscripta anbringen oder gewisse auf Leizarragaschen Wortgebrauch bezügliche Zweifel vorbringen zu können. Ihnen steigen vielleicht unterdessen Zweifel auf, ob Sie nicht voreilig gewesen sind 100 Exemplare von meinem Schriftchen zu bestellen, das heißt ob Sie nicht die Katze im Sack gekauft haben.

Und nun komme ich zu dem was ich zu Anfang hätte stellen sollen, zu Ihrer reichen und glanzvollen Morfologia vasca. Sie haben ein Füllhorn über mich ausgestürzt, das mich fast erdrückt, und um dazu auch nur bescheidene Anmerkungen zu machen bedarf ich mehr Muße und Kraft als ich in diesem Sommer gehabt habe. Es haben mir zwei technische Hilfsmittel gefehlt, die meinen schwachen Augen – aber auch gesunden – die Übersicht und Orientierung sehr erleichtern würden: ein Inhaltsverzeichnis und ein alphabetisches Verzeichnis. Übrigens sind es doch nur wenig Punkte auf die sich mein Urteil erstrecken kann, nämlich die, bei denen die Frage des romanischen Ursprungs ins Spiel kommen kann und über sie habe ich mich schon großenteils geäußert. Und so ist es denn wichtiger für mich, Ihre Ansichten zu hören als umgekehrt. Z. B. über das pluralische -eta- (mendi-eta-n); mir scheint, Sie haben davon geredet, aber ich kann die Stelle nicht wieder finden. Also warte ich ab, daß Sie über die morphologischen Anmerkungen in meinen Primitiae Ihr maßgebendes Wort gesprochen haben. Erst dann werde ich Gelegenheit nehmen auf die Dinge zurückzukommen. In den Prim. mußte ich mich ja programmmäßig auf die Sprache Leizarragas beschränken, konnte nicht in komparativen Sinne vorgehen. Verzeihen Sie eine Frage: haben Sie Uhlenbecks Arbeit über die derivativen Suffixe des Baskischen absichtlich nicht benutzt?

Noch eine kleine Frage: Sie schreiben neuerdings nicht mehr Academia de la lenguavasca, sondern A. de lengua v.? Ich möchte aber übersetzen: Ak. der b. Spr.

Herzlichst
Ihr treu ergebener
HSch.

Heute ist ein entscheidungsvoller Tag in Deutschland, der möglicherweise auch meine kleinen Kreise zerstört.