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Brief (23-10283)

Graz, 6./7. Aug. ´23

Lieber verehrter Freund,

Wenn ich so lange nichts von mir habe hören lassen, so ist das Euskara selbst daran schuld. Nämlich: da ich feststellte daß meine Kräfte, und besonders meine Sehkraft, beständig wenn auch langsam abnähmen – übrigens eine ganz selbstverständliche Sache –, so beschloß ich alles aufzubieten, um die allzuoft erwähnte Arbeit, die ich seit fast zwei Jahrzehnten plante, druckfertig zu machen. Und zwar mit der Aussicht auf ein Fiasko; denn je ernster ich mich mit der Sache beschäftigte, desto mehr häuften und steigerten sich die Schwierigkeiten vor meinen Augen immer mehr. Aber ich dachte, ich muß etwas vollenden; sei es auch daß: nascetur ridiculus mus. Nun, kurz gesagt, eben habe ich die Handschrift nordwärts gesandt. 38 Seiten und 5 Seiten Vorwort in Quart. Ich bemerke dies, damit man – wenn mir oder der Handschrift etwas passieren sollte, wenigstens wisse daß ich einige Zähigkeit besitze.

Vor ein paar Monaten zu einer Zeit, da mir das Gelingen sehr unwahrscheinlich vorkam, besuchte mich Pfarrer Schlögl, und ich machte ihn mit meinen baskologischen Sorgen bekannt. Er fragte mich ob er Ihnen davon Mitteilung machen dürfte und ich bejahte das, indem ich ihn bat besonders damit eine Entschuldigung anzuführen, daß ich Ihnen noch nicht für Ihre baskische Morphologie gedankt hätte. Ich kann mich nicht entsinnen die finanziellen Schwierigkeiten hervorgehoben zu haben; meine eigentliche Sorge war die daß meine Arbeitskraft versagen würde. Der Hintergedanke an eine Hülfeleistung seitens der Akademie d. b. Spr. lag mir durchaus fern, um so mehr als ich deren Freigiebigkeit schon zur Genüge erfahren hatte. So war ich denn durch das was neuerdings zu meinen Gunsten beschlossen wurde, überrascht und beschämt.

Aber als mir Lacombe davon Nachricht gab, war, wie ich ihm sofort mitteilte, die Angelegenheit schon in anderer Weise erledigt. Ich mußte neben dem Druck meiner Arbeit, auch an deren Verlag denken, und zwar nicht bloß an einen formellen, sondern an einen aktiven, der einen erfolgreichen Vertrieb (despacho?) verbürgte. Einen solchen konnte ich hier und auch in Wien nicht finden, sondern nur in Deutschland. Da nun aber im Hochsommer durch den Besuch der Sommerfrischen alles Geschäftliche sehr verzögert wird, so wollte ich vorsorgen und schrieb an einen mir bekannten Verleger (speziell für mein Fach) und der antwortete mir, er würde gern nicht nur den Verlag, sondern auch den Druck selbst übernehmen, das heißt dieser würde von Karras der 1913 einen Band der Rev. intern. druckte, besorgt werden. Damit war für mich nicht nur die Kostenfrage erledigt, sondern auch die Schwierigkeiten, die mit der Überführung des hier Gedruckten nach Deutschland verbunden sein würden.

So bitte ich Sie denn, verehrter Freund, gelegentlich der Akademie meinentiefgefühlten Dank auszusprechen für die Bereitwilligkeit mir auch in dieser Sache helfen zu wollen. Lacombe schrieb mir damals (28. Juni) daß er Sie gegen den 7. Juli in Paris erwartete; Sie wären dann auf dem Wege zum „congrès d’ethnographie de Vienne“. Das war mir nicht recht verständlich; aber die nähere Auskunft, um die ich ihn bat, habe ich nicht erhalten.

Ihre Morphologie habe ich unter diesen Umständen, erst rasch durchsehen können; die Vertiefung bleibt vorbehalten. Sie hat mich mit großem Interesse und Bewunderung erfüllt.

Zum Schluß komme ich auf Eines zurück, weswegen ich Ihnen schon früher lästig gefallen bin. An die Sache selbst bin ich erinnert worden durch ein Heft: Der japhetitische Kaukasus von N. Marr übersetzt von Fr. Braun; der letztere hat es mir in diesen Tagen zugeschickt. Den russischen Text besitze ich schon lange, in der Übersetzung ist Verschiedenes weggelassen, auch solches das sich auf das Baskische bezieht. Aber von größerer Wichtigkeit für mich ist Marr’s Abhandlung „Über den japhetitischen Ursprung des Baskischen“ von 1920 die mir für ganz kurze Zeit in russischer Sprache vorgelegen hatte und die nach einer Mitteilung aus 1921 „demnächst in einer baskologischen Zeitschrift in spanischer Sprache erscheinen sollte“. Ich habe darüber nichts weiter erfahren können. In dem erwähnten kürzlich erschienenen Heft wird wiederholt und mit stärkstem Nachdruck behauptet daß die Zugehörigkeit des Baskischen zur japhetitischen Sprachfamilie durchaus erwiesen sei. Ich bestreite das ebenso entschieden; aber ich behaupte keineswegs das Gegenteil, ich vermisse nur die Beweise. Marr ist ein kenntnisreicher und gedankenreicher Mann; aber er ist zugleich ein Phantast. Er sagt z. B. S. 57, wo er vom Georgischen spricht: „ Die Verbalform “er hat“, eigentlich “bei ihm ist“ (georg. a-qu-s) bedeutet eigentlich „bei ihm (ist) Fett“! Dergleichen kann man nicht widerlegen. Ich hatte gewünscht, bei dieser Ursprungsfrage mitzureden; mein hohes Alter hat mir jede Aussicht auf Erfüllung dieses – wie ich wohl sagen darf – berechtigten Wunsches genommen. Sie werden wohl Marr inzwischen gesehen haben, denn, wie es im Vorwort des Heftes heißt, hat er im November 1922 wiederum eine Reise nach Spanien angetreten.

In den nächsten Tagen jährt sich Ihr mir so ehren- und freudvoller Besuch. Bedauerlich war mir nur daß ich Ihnen so gar nichts bieten konnte, auch geistig nicht, denn ich war damals gerade besonders abgespannt.

Herzlichst
Ihr HSchuchardt.