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Brief (13-SM8)

Gohlis 19 Okt. 1872.

Verehrter Freund!

Meine Angelegenheit steht - unter uns gesagt - durchaus günstig und es kommt nur auf die Bewilligung des Ministeriums an; doch schleppt sich möglicherweise die Entscheidung noch lange hin. Ihrer warmen Empfehlung danke ich sicherlich den besten Theil des glücklichen Erfolges.

Es wird mich sehr freuen, wenn Sie mir bald wieder einmal schreiben wollen und zwar über einige Punkte aus der italienischen Dialektologie; ob ich freilich Ihnen noch etwas Neues werde sagen können, bezweifele ich sehr. Ich habe den Gedanken gefasst, meine verschiedene Notizen über den älteren und neueren Dialekt nun doch (aber wo und wie?) zu veröffentlichen. Ursprünglich hatte ich den weitaussehenden Plan einer Musterdarstellung auf dialektol. Gebiete gefasst; ich wollte zeigen, wie ein Dialekt Schritt für Schritt sowohl im Raume als in der Zeit sich abändert. Hätte mein Aufenthalt in Rom auch länger gedauert, als es in der That der Fall war, so würde ich dennoch nie diesen (in Anbetracht römischer Verhältnisse) fast unsinnigen Plan haben verwirklichen können.1 Übrigens ist mir auch nach Einsicht in Ascoli's Saggi ladini - und Sie dürfen dies nicht bloss als Redefloskel betrachten - aller Muth zu dergleichen Arbeiten entschwunden. Da ich aber nun einmal verschiedenes Material gesammelt habe, so kann ich doch durch Mittheilung desselben vielleicht Anderen nützen. Sie besitzen doch wohl in Ihrer Bibliothek keine Hdss. von dem Leben Cola Rienzi's, den Annalen Monaldeschi's und dergleichen historischen Denkmälern römischer Mundart? Finden sich bei Ihnen ferner etwa die linguistischen Publicationen des Prinzen Lucien Bonaparte oder wenigstens ein Theil derselben vor?

Schliesslich würde es mir doch ziemlich leid thun wenn ich von Leipzig scheiden müsste. Es finden sich hier, in und ausserhalb der Studentenwelt, zahlreiche Vertreter aller romanischen Nationen, bei denen ich mir zuweilen Rath und Belehrung hole. Neuerdings habe ich mit Rumänen über rumänische Orthographie verhandelt, aber die Leute sind wirklich von einem Besseren nicht zu überzeugen. Das System Ciprainu's [sic!] dringt durch; sollen wir Auswärtigen in wissenschaftlichen Arbeiten über das Rumänische diesem Systeme folgen? Es würde jede linguistische Auseinandersetzung auf's Äusserste erschweren. Wollen wir aber phonetisch schreiben, so müssen wir es von Grund aus, z. B. statt ghinde : ginde, statt argintu : ardžint, statt cine : tžine, statt tzine : tsine.2

Ich bedauere Ihnen kein Exemplar meiner Abhandlung über Alb. u. Rom.3 zukommen lassen zu können; ich besitze sogar selbst keines mehr und auch von dem betreffenden Hefte ist kein Ex. mehr zu bekommen. Ich war in dem guten Glauben, ich hätte Ihnen - wie es wenigstens meine Absicht war - die Abh. wirklich geschickt.

Mit herzlichstem Grusse Ihr ganz ergebener
H. Schuchardt
(Gohlis bei Leipzig,
Lange Strasse 28)


[1] Schuchardt veröffentlichte nie etwas von seinem Material, das er anläßlich seines Aufenthaltes in Rom (1868/69) gesammelt hatte.

[2] Vgl. dazu: Cipariu, Timoteiu. 1869. Gramatica limbii române, Bukarest, sowie: Schuchardt, Hugo. 1873. 'De l'Orthographe du Roumain'. In Romania 2: 72-79 (Brevier-/Archivnr. 29).

[3] Schuchardt, Hugo. 1872. 'Albanisches und Romanisches'. In Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung auf dem Gebiete des Deutschen, Griechischen und Lateinischen 20: 241-302 (Brevier-/Archivnr. 20).