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Brief (10-07637)

Bester Freund!1

Ihr lieber Brief hat mich um so mehr erfreut, als ich schon seit lange von Ihnen nichts hörte. Nur dass Sie mich 'hochverehrter Herr' anreden, hat mich gekränkt; ich rechnete darauf, dass Sie mich als treuen Freund behandeln.

Ich habe lange nachgedacht, wie ich am Besten Ihrem Wunsche entsprechen könnte. In Halle kenne ich Niemanden außer Böhmer selbst und ihm zu schreiben, würde sich so ausnehmen, als ob ich seiner Einsicht in Bezug auf die Bezeichnung eines würdigen Nachfolgers nicht traute. Eben so wenig passend schien mir ein Brief an den mir unbekannten Decan, den ich Ihnen als ein Zeugniss mitgäbe. Man könnte einen solchen Schritt mit Recht als eine Überhebung von meiner Seite ansehen; das italienische Sprichwort Avvocato non chiamato colla m..da ben pagato kommt mir da nur zu lebhaft in Gedächtniss. Ich habe mir zum diplomatischen Mittelwege entschloßen, Ihnen beiliegenden Brief2 zu schreiben. Ich habe versucht, ihm die möglichste spontane Färbung zu geben; und wenn ich mir auch nicht verhehlen kann, dass man noch immer leicht die Absicht merken wird, so hoffe ich doch, dass man darüber nicht verstimmt werden wird. Wenn die Herrn Etwas auf meine Worte geben (meine Bescheidenheit sagt mir allerdings, dass dem kaum so sein wird), so werden sie auch glauben, dass ich an was immer für eine Adresse immer nur dieselben Worte richten würde. Glauben Sie dass es irgend wie nützen könnte, an Witte3 zu schreiben? - Übrigens mögen Sie wissen, dass ich schon seit einiger Zeit im Stillen an Sie denke, und dass ich schon Fäden ausgesponnen habe, um Sie nach Prag, wo eine romanische Lehrkanzel sehnsüchtig gewünscht wird, berufen zu lassen. Diess soll Sie indessen vom Gedanken an Halle nicht abhalten; dem ord. od. aussord. Professor wird man Besseres gewähren als dem Privatdocenten. - Ihre inhaltsvolle Recension über Mk. Alb.4 habe ich gelesen, aber ich besitze sie nicht; sie würde mich sehr freuen.

Leben Sie wol und schreiben Sie mir bald Ihr
Mussafia

In Italien war ich nicht. Ascoli geht nach Florenz an das Istituto di studii superiori. Auch ich habe vor drei oder vier Tagen eine Berufung dorthin erhalten und habe hohe Bedingungen gestellt. Werden sie angenommen, so geh' ich.5 Diess bleibe vorläufig ganz unter uns.


[1] Der vorliegende Brief ist nicht datiert, ist aber als Antwort auf Schuchardts Schreiben vom 24.9.1872 chronologisch an dieser Stelle einzuordnen und vermutlich Ende September 1872 verfasst worden.

[2] Dieser Brief ist nicht erhalten.

[3] Karl Witte (1800 - 1883), Romanist.

[4] Schuchardt, Hugo. 1872. 'Albanisches und Romanisches'. In Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung auf dem Gebiete des Deutschen, Griechischen und Lateinischen 20: 241-302. (Brevier-/Archivnr. 20).

[5] Ascoli nahm den Ruf nach Florenz nicht an; auch Mussafia entschied sich dafür, in Wien zu bleiben: vgl. dazu die Briefe des Jahres 1872 im Briefwechsel Ascoli - Mussafia.