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Brief (9-SM6)

Lauterberg am Harz
24. 9. 72.

Hochverehrter Herr!

Sie können, wenn Sie wollen, mir einen grossen Dienst erweisen.

Wie Sie wissen, geht Boehmer von Halle nach Strassburg und wird dadurch die Hallesche Professur erledigt. Es wird sich darum Stengel1, Boehmer's Schüler und geborener Hallenser, bewerben; ich habe also sehr wenig Aussicht. Dennoch will ich mein Mögliches versuchen, denn, wenn ich nicht bald vorwärts komme, kann ich auf die akademische Karriere überhaupt nur verzichten. An Boehmer, den ich bis jetzt noch nicht kenne, mag ich mich nicht wenden, weil ich seine linguistische Methode durchaus missbillige und diese Missbilligung offen äussern werde. Ich weiss nicht, wozu alle Gelehrsamkeit nützt, wenn man hazard von favorarium, bonheur von bonusfavor, brettine von frenum u.s.w. ableitet, das s von fils aus dem zweiten i von filius entstanden wähnt und ähnliche wunderliche Ansichten hegt.2

Da aber, wenn ich irgend einen Schimmer von Aussicht haben soll, ich mich auf eine Fachautorität stützen muss, so wende ich mich an Sie mit der Frage, ob Sie geneigt wären, mir Empfehlungsschreiben zu meinen Gunsten auszustellen. Wenn Sie kein Mitglied der philos. Fakultät in Halle näher kennen, so brauchte ein solches Schreiben, das ich dann bei einer offiziellen Bewerbung selbst vorlegen würde, nur allgemein an den Dekan der phil. Fak. gerichtet zu sein.

Ich würde es nicht wagen, eine so ungewöhnliche Bitte an Sie zu richten, wenn mir nicht auf vorhergegangene Anfrage in Halle, die Nützlichkeit einer solchen Empfehlung vorgestellt worden wäre. Ebert wird sich wohl für meine Lehrthätigkeit verbürgen; die Richtung seiner Studien liegt aber von der der meinigen ziemlich ab, während Ihr Urtheil über diese ein vollkommen Kompetentes sein würde. Wollen Sie also Etwas für mich thun, so würden Sie mich sehr verpflichten, wenn Sie es bald thäten. Glauben Sie aber ja nicht, dass, wenn Sie aus dem einen oder anderen Grunde von einer solchen Empfehlung Abstand nehmen sollten, ich es Ihnen im Geringsten verdenken würde.

Ich vermuthe Sie in Oberitalien, in diesem Falle werden Sie wohl Ascoli wieder gesehen haben, dessen 'Saggi ladini' meine höchste Freude und Bewunderung erregen.3

Mit den besten Wünschen für Ihre Gesundheit verbleibe ich
in ausgezeichneter Hochachtung

Ihr ergebenster
Hugo Schuchardt

Vom 30 Sept. an bin ich in Gotha. von Mitte Okt. wieder in Leipzig.


[1] Edmund Stengel (1845 - 1935), Romanist, wurde 1873 Professor in Marburg.

[2] Vgl. dazu: Schuchardt, Hugo. 1873. 'Romanische Sprachwissenschaft'. In Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung auf dem Gebiete des Deutschen, Griechischen und Lateinischen 21: 434-461. (Brevier-/Archivnr. 28). - Auf den Seiten 446-456 nimmt Schuchardt zu den angesprochenen Etymologien Boehmers Stellung; vgl. auch Boehmer, Eduard. 1869. 'Zur Lautwandlung der Romanischen Sprachen'. In Jahrbuch für romanische und englische Literatur 10, 173-202; s. v. a. 188, 190 f., 197 f.; sowie ders. (1871-75): 'De vocabulis Francogallicis Judaice transscriptis' in: Romanische Studien 1, 197-220.

[3] Ascoli schickte die Vorabzüge der Saggi ladini an seine Freunde und Kollegen, darunter selbstverständlich auch Mussafia und Schuchardt.