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Brief (7-SM5)

Ilmenau 8 Aug. 1871.

Verehrter Herr Professor!

Empfangen Sie meinen besten Dank für die beiden zuletzt mir übersandten Ihrer Arbeiten1 zugleich mit der Versicherung, daß wie in Anderem, so auch in Ihrer Produktivität ich Sie bewundere. Obwohl Ihre Vorstellung der romagnol. Mundart mir gerade zukam, als ich schon in den Vorbereitungen zur Abreise war habe ich doch noch Zeit gefunden, eine Anzeige davon dem Centralblatt mitzutheilen.2 Ich spiele in dieser Anzeige auf ein Gesetz an, das ich in einer vor kurzem an A. Kuhn3 eingesandten Abhandlung über Albanisch und Romanisch (eigentlich einer Recension von Miklosichs Alb. Forsch., die aber auf 17 geschriebene Bogen anwuchs) etwas ein- gehender besprochen habe4, das ich aber noch in einiger Zeit, wenn ich wieder zu den Studien zurückgekehrt sein werde, auszuführen denke. Um hier noch einmal den wichtigsten Punkt hervorzuheben, so glaube ich nämlich, daß im Italienischen uo und ie von Anfang an überhaupt nicht kurzes o und e in offener betonter Silbe vortraten, sondern nur vor folgendem u und i; zuerst also

o - u = uo

e - i = ie,

denn, und diese Stufe ist mundartlich noch nachweisbar:

o - u, i = uo

e - i, u = ie;

schließlich trat die Diphthongierung vor allen Vokalen ein. Und das Verhältniss ist dasselbe in den anderen romanischen Sprachen.- Auf dem Gebiete romanischer Linguistik herrscht jetzt eine ziemlich rege Thätigkeit. Böhmers neues Organ5 verspricht Manches und das Mittel, oder Rätoromanisch oder La--dinisch findet ja nur durch Ascoli seine Erledigung.6 Er schickt mir die einzelnen Bogen zu und ich muß gestehen, keine Thatsache entgeht seinem Scharfblick und sein Scharfsinn läßt Nichts ungelöst, obwohl er freilich nicht selten in Spitzfindigkeit ausartet.- Da schon seit Monaten meine Nerven in ganz außerordentlicher und eigenthümlicher Weise angegriffen sind, so brauche ich jetzt eine wenigstens 8 Wochen dauernde Kaltwasserkur zu Ilmenau. Diese Zeit bedeutet für mich litterarisches Fasten; doch habe ich mir immerhin Arbeitsstoff mitgenommen, um bei leidlichem Befinden doch dann und wann in die Bücher zu sehen. Ich hatte mich zuletzt mit Kreolischem beschäftigt7; und knüpfte daran die Frage, ob auf der Wiener Bibliothek sich das indoportugiesische und das curaçaosche N.Test., der von Teza erwähnte Curaçaosche Katechismus8 oder sonst noch Kreolisches (von dem Surinam- und dem St. Thomas N.T., den St. Thomas, Surinam und Trinidad-Grammatiken abgesehen) und auf frz. Trade-languages Bezügliches befindet. Ich schließe; nun sollten Sie es glauben?, selbst ein solcher Brief kostet mich Anstrengung. Empfehlen Sie mich Ihrer Frau Gemahlin bestens.

Mit herzlichstem Gruße Ihr ergebenster
Hugo Schuchardt

(Ilmenau, Badeanstalt).


[1] Es müßte sich um die folgenden Publikationen handeln: Mussafia, Adolfo. 1871. 'Sulle versioni italiane della Storia Trojana'. In Sitzungsberichte der philosophisch-historischen Klasse der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien 57, 297-344, sowie: ders. 1871. 'Darstellung der romagnolischen Mundart'. In Sitzungsberichte der philosophisch-historischen Klasse der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien 57, 653-722.

[2] Schuchardt, Hugo. 1871. '[Rez. von:] A. Mussafia, Darstellung der romagnolischen Mundart'. In Literarisches Zentralblatt für Deutschland 22: 1063-1065. (Brevier-/Archivnr. 17).

[3] Adalbert Kuhn (1812 - 1881), Linguist, Gründer und Herausgeber der Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung (ZvS).

[4] Schuchardt, Hugo. 1872. 'Albanisches und Romanisches'. In Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung auf dem Gebiete des Deutschen, Griechischen und Lateinischen 20: 241-302. (Brevier-/Archivnr. 20). Vgl. v. a. ab 261.

[5] Das erste Heft von Eduard Boehmers Zeitschrift Romanische Studien erschien im Jahre 1871.

[6] Zu dieser Zeit arbeitete Ascoli bereits an seinen Saggi ladini, die im Jahre 1873 den ganzen ersten Band des Archivio glottologico italiano füllen sollten

[7] Seine ersten Beiträge zum Kreolischen veröffentlichte Schuchardt aber erst im Jahre 1882.

[8] Teza, Emilio. 1863/64. 'Il dialetto curassese'. In Politecnico 21, 342-351; vgl. 343 f.