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Brief (5-SM3)

Leipzig 30/4 70.

[Tag der Probevorlesung in Leipzig]1

Mein hochverehrter Freund!

Ihre liebenswürdigen und schmeichelhaften Zeilen haben mich außerordentlich erfreut. Einer, der die romanischen Sprachen so rein als linguistisches Material behandelt, hat im Ganzen auf keine große Theilnahme zu rechnen; um soweniger, als man diesen quisquilien meistens nicht ansieht, welche Mühe und welchen Zeitaufwand sie gekostet haben. Wollten Sie nicht einige Worte über meine Abhandlung im Centralblatt sagen, das ja immer Recensionen von Ihnen enthält?2 Wir können einmal ohne Gunst der Anderen Nichts erreichen und nicht vorwärts kommen.- Ich muß gestehen, einigermaßen befremdet hat es mich doch, daß mein Vokalismus in keiner einzigen wissenschaftlichen Zeitschrift besprochen worden ist, ihm nicht einmal das Glück des Herostratus, heruntergekanzelt zu werden, wie so manches armseligen Brochüre, zu Theil geworden ist. Sie haben mir damals die Schwierigkeit einer Besprechung angedeutet; aber Leute wie Pott3 und Diefenbach4, die auf allen Meeren umhergesegelt sind und ja auch Kritiken schreiben, hätten doch ein paar Wörtchen dagegen und dafür fallen lassen können. So wissen die Meisten nicht, was sie von meinem Buche zu halten haben; denn, wo ich gelegentlich erwähnt werde, wie in Corssens zweiter Auflage, komme ich nicht günstig weg und kann nicht günstig wegkommen.5 Das, was ich mir zum Verdienst anrechne, sind nicht die Einzelbeobachtungen, sondern daß ich Alles das zusammengeschweißt und zusammengeschwitzt habe. Übrigens hat Corssen mich verschiedene Mal mißverstanden, mißverstehen wollen und mit Unrecht einige meiner Äußerungen angegriffen. Verzeihen Sie, daß ich so viel von mir selbst spreche. Gerade Ihnen schütte ich am liebsten mein Herz aus, da Sie, wenn auch viel weiter, doch die nämlichen Interessen haben, wie ich und da Diez und Sie, als ich noch klassischer Philologe war, mir als einzige wirkliche Romanisten bekannt waren, denn das Sprachliche habe ich dem Litterarhistorischen - nicht als Mittel zur Verschönerung des Lebens, aber als Wissenschaft - immer weit vorangestellt.6

Daß Ihr Lexikon7 augenblicklich nicht vorschreitet, bedauere ich sehr; mehr aber noch die Ursache. Sie sollten einmal längere Zeit in einem südlichen Klima zubringen oder noch besser, in ein Seebad gehen; denn bei Ihnen rührt doch auch Alles von den Nerven her, die auch mir manchen Kummer verursachen.

Schnellers Buch ist mir ungemein willkommen gewesen. Aber einige seiner Etymologieen sind doch sehr stark; in bornissl z.B. lavatrinicellus nur zu vermuthen, heißt doch viel fordern.8 Ich habe bei ihm und Anderen bemerkt, daß sie vielfach die von Diez aufgestellten Gesetze, die für sie als Etwas, zu welchem Nichts hinzuzuthun und von welchem Nichts hinwegzunehmen ist, existiren, zu rein mechanischen Organisationen benutzen; sie reihen z. B. eine Menge von Lautveränderungen aneinander, welche sie alle aus Diez citiren können, die aber doch sowohl in dem einzelnen Falle als in der Aufeinanderfolge geradezu unmöglich sind.

Wie steht es mit Ascoli's Archivio Glottografico?9 Ich werde nächstens an ihn schreiben; er hat mir zwar keine Aufklärung über seine einstige Mißstimmung gegen mich, die einen ganz bizarren Grund gehabt haben muß, gegeben, aber doch seitdem mich aufs Wärmste seiner Freundschaft versichert.10 Endlich muß ich einmal mein Material über den römischen Dialekt11 verarbeiten und ich hätte das allerdings gern in Italienisch gethan, weil ich doch dann Berichtigungen [V1] und Nachträge von Rom aus erwarten dürfte. Aber es wird mir doch wohl zu sauer werden.

Auch über Churwälsch-tirolisch-friaulisch oder kürzer gesagt Mittelromanisch, da ein besserer Ausdruck fehlt, habe ich eine größere Arbeit vor.12 In Bezug auf diese Mundarten bin ich hier gut gestellt, da eine Privatbibliothek zu Leipzig existirt, welche eine so gut wie vollständige Litteratur derselben, die sehr schwer zusammen zu bekommen ist, hält.

Ich werde heute Nachmittag in meinem Probevortrag über die Klassifikation der romanischen Sprachen13 oder viel mehr gegen dieselbe reden, indem ich behaupte, daß eine solche nè punto nè poco möglich ist. Es wird Ihnen das etwas unwissenschaftlich vorkommen, aber ich hoffe, später Ihnen das schwarz auf weiß ausführlicher darlegen zu können.

Empfehlen Sie mich bestens Ihrer Frau Gemahlin und lassen Sie bald etwas wieder von sich hören, obwohl ich weiß, daß Sie, wie alle Großstädter, dem Epistolarstil nicht sehr huldigen. Stia bene, anzi meglio

Ganz der Ihrige HUGO SCHUCHARDT

(Maurizianum/ III)


[1] Den Text seiner Antrittsvorlesung veröffentlichte Schuchardt erst dreißig Jahre später: Schuchardt, Hugo. 1900. Über die Klassifikation der romanischen Mundarten. Probevorlesung gehalten zu Leipzig am 30. April 1870. Graz: Styria. (Brevier-/Archivnr. 352).

[2] Mussafia rezensierte tatsächlich Schuchardts Habilitationsschrift: Mussafia, Adolfo. 1870. '[Rez. von] Hugo Schuchardt: Über einige Fälle bedingten Lautwandels im Churwälschen', in: Literarisches Centralblatt, 791.

[3] August F. Pott (1802 - 1887), Linguist und Orientalist.

[4] Ludwig Diefenbach (1806 - 1883), Linguist und Ethnologe.

[5] Schuchardt meint die zweite Auflage des folgenden Werkes: Corssen, Wilhelm. 1868-70. Über Aussprache, Vokalismus und Betonung der lateinischen Sprache I, II. Leipzig. - Corssen hat Schuchardts Vokalismus des Vulgärlateins sehr genau studiert und nimmt im o. e. Werk immer wieder Bezug darauf.

[6] Dieser Ansicht sollte Schuchardt ein Leben lang treu bleiben.

[7] Vgl. Brief Mussafias an Schuchardt vom 27.04.1870, Lfd. Nr. 4-7636.

[8] Vgl. dazu: Schneller, Christian. 1870. Die romanischen Volksmundarten in Südtirol. Gera, 223.

[9] Ascoli hatte die Idee, eine Zeitschrift für italienische Sprachwissenschaft herauszubringen(vgl. Briefwechsel Graziadio Ascoli - Hugo Schuchardt; Ascoli an Schuchardt am 16. 1. 1869); der erste Band mit dem Titel Archivio Glottologico Italiano (AGI) erschien aber erst 1873.

[10] Vgl. Briefwechsel Graziadio Ascoli - Hugo Schuchardt, Briefe von Ascoli an Schuchardt vom >02.10.1869 und vom 19.10.1869.

[11] Schuchardt hatte 1868/69 einige Monate in Rom verbracht und Material gesammelt; er sollte aber nie etwas über den römischen Dialekt veröffentlichen.

[12] Auch dieses Vorhaben führte Schuchardt nie aus.

[13] Vgl. Anm. 1.