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Brief (1-SM1)

Gotha 10. 3. 66.

Verehrtester Herr Professor!

Anbei der erste Band meines Werkes 'über den Vokalismus des Vulgärlateins',1 für welches Sie ein allzugünstiges Vorurtheil zu haben scheinen. Sollte auch Ihr Endurtheil einen anderen Charakter tragen, so werden Sie es mir doch hoffentlich nicht vorenthalten. Vieles wünschte ich selbst schon jetzt anders; wie viel mehr und größere Bedenklichkeiten werden nicht Ihnen, als erfahrenem Kenner der romanischen Sprachen, aufstoßen! Die zweite Hälfte des Ihnen vorliegenden Bandes ist außerordentlich monoton, der andere Band, denke ich, soll ein wenig interessanter werden.

Ich habe jetzt das Studium des Rhätoromanischen aufgenommen. Vorerst habe ich noch mit der Vervollständigung der grammatikalischen und lexikalischen Quellen |2| zu thun.2 Am Schwierigsten scheint mir, die Stellung dieses Idioms zu dem ihm benachbarten und verwandten zu erfassen. Wo ist die Grenze zwischen den gallo-italischen und den tirolisch-rhätoro. Dialekten zu ziehen. Die Mundarten von Fassa und Buchenstein werden von Einigen zu jenen, von Anderen zu diesen gerechnet. Ferner nur macht es sehr viel Mühe, nach den vorhandenen Quellen sich ein richtiges Bild der Aussprache zu entwerfen. Wie unterscheidet sich z.B. der durch tg, tgi ausgedrückte Laut von dem des it. c.

Fast hätte ich vergessen, Ihnen für Übersendung Ihrer Beiträge3 u.s.w. zu danken.

In der Hoffnung daß mich das Leben später noch einmal mit Ihnen zusammenführt, verbleibe ich unter der Versicherung meiner ausgezeichnetsten Hochachtung                                                                                               Ihr ergebenster
                                                                                             Dr. Schuchardt.

Wissen Sie etwas mehr über das Istro-walachische, als was Miklosich in der Denksch. d. Ak. veröffentlicht hat?4


[1] Schuchardt, Hugo. 1866. Der Vokalismus des Vulgärlateins. Leipzig: Teubner. (Brevier-/Archivnr. 2a). - Der 2. und 3. Band erschienen dann in den Jahren 1867 und 1868 (Brevier-/Archivnr. 2b und 2c).

[2] Schuchardt sammelte immer erst sehr viel Material, bevor er sich zur Publikation entschloß; zum Rhätoromanischen veröffentlichte er außer einigen Rezensionen und Einzeletymologien nur seine Habilitationsschrift: Schuchardt, Hugo. 1870. Über einige Fälle bedingten Lautwandels im Churwälschen. Gotha : Perthes' Buchdruckerei. (Brevier-/Archivnr. 5).

[3] Es dürfte sich um folgende Publikation handeln: Mussafia., Adolfo. 1866. 'Ein Beitrag zur Bibliographie der Cancioneros aus der Marcus-Bibliothek in Venedig'. In: Sitzungsberichte der philosophisch-historischen Klasse der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien 54 (), 81-134.

[4] Schuchardt meint offenbar die folgende Publikation: Miklosich. Franz von. 1862. 'Die slavischen Elemente im Rumunischen', in: Denkschriften der philosophisch-historischen Klasse der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien 12, 1-70.