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Brief (3-954)

Darf ich bei Ihnen, hochgeehrter Herr Professor, als einem Freunde meines grossen provençalischen Freundes, anfragen ob Sie geneigt wären, mir zur Verbreitung der Kenntnis des Dichters von Mirèio hülfreiche Hand zu bieten, indem Sie eine dortige, schönwissenschaftliche Vorträge veranstaltende Gesellschaft auffordern würden, einen Mistral-Abend in ihr Winterprogramm aufzunehmen.[1]

Ich habe in mehreren deutschen Städten Rhapsodieen aus Mirèio vorgetragen, zuletzt in Berlin. |2| Dort hatten die Mistral-Freunde mir abgeraten, in einer der allzu zahlreichen litterarischen, philologischen od. ähnl. Gesellschaften zu sprechen, weil damit nur einem verhältnismässig sehr kleinen Kreise Gelegenheit zur Teilnahme geboten worden wäre. Man hat stattdessen, unter Zuziehung der Vertreter geeigneter Blätter, ein Comité gebildet, der Lokalpresse den inliegenden Hinweis zugestattet,[2] die Mitglieder haben unter der Hand ein wenig Stimmung gemacht – und das Ergebnis hat allen |3| Wünschen entsprochen.

Um Ihre gefällige Rückäusserung bittend und einen Gruss Ihres Kollegen Professor Suchier[3] übermittelnd, bin ich in grösster Hochschätzung

Ihr sehr ergebener

AugtBertuch

Fontenay aux Roses bParis

Villa Théodore

16. Juni 1900

Herrn Prof. Dr. H. Schuchardt

Graz

 

[Beiliegende Druckschrift]

 

August Bertuch’s Vorlesung über Mistral.

Frédéric Mistrals Name ist auch in Deutschland seit geraumer Zeit wohlbekannt. Von denen, die versucht haben, die merkwürdige Bewegung des Félibrige darzustellen, d.h. der künstlerischen Pflege der lebenden südfranzösischen Idiome durch reichbegabte Geister in grosser Zahl, hat keiner umhin gekonnt, dem jetzt siebzigjährigen trefflichen Dichter aus Mailane den ersten Kranz zu reichen, gleich wie die mit ihm Strebenden sich willig alle vor ihm neigen. Ihm insbesondere hat, um nur neueste zu nennen, in Frankreich Gaston Paris eine eingehende Charakteristik gewidmet, die in seinem Bande Penseurs et poètes (1896)[4] ohne Zweifel auch viele Deutsche erfreut haben wird. Hermann Grimm hat aus Anlass der Werke des schweizerischen Malers Burnand, zu dessen anmutigsten Erzeugnissen die Zeichnungen zu Mistrals bestem Werke zählen, vor einigen Jahren (in der Deutschen Rundschau) den provenzalischen Dichter dem deutschen Publikum eindringlichst empfohlen.[5] Unlängst ist ein besonderes Buch über ihn durch N. Welter (Marburg 1899)[6] dem Druck übergeben worden. Wenn trotzdem eine genauere Bekanntschaft mit Mistrals Mirèio, seinem schon 1859 erschienenen ganz besonders reizvollen Idyll in zwölf Gesängen, noch viel zu selten unter uns begegnet, so ist das um so mehr zu bedauern, als doch jetzt die schwierige Aneignung der nur Wenigen geläufigen Ursprache durch A. Bertuchs 1893 erschienene Übertragung[7] deutschen Freunden echter Poesie erspart ist. Diese Wiedergabe gehört sicher zu den hervorragenden Leistungen deutscher Aneignungskunst. Bei aller Genauigkeit des Anschlusses an die Vorlage hat der Nachdichter soviel natürliche Leichtigkeit des Ausdrucks, solchen Wohlklang und Reichtum des Verses zu erreichen vermocht, dass seine Mirèio zu lesen, laut zu lesen eine rechte Lust wird. Herr Bertuch hat seit einiger Zeit begonnen, in je einem Vortrag das Dichterwerk, das sein Freund geschaffen und das hernach er selbst für die deutsche Litteratur gewonnen hat, noch zugänglicher zu machen. Was wir darüber aus Köln, München, Halle, Jena, Frankfurt a. M. vernehmen, zeigt, dass sein Vorgehen allerwärts die beste Aufnahme gefunden hat, und lässt uns keinen Zweifel darüber, dass er auch hier, wo er demnächst den Versuch zu wiederholen gedenkt, dankbare Zuhörer finden wird. In kurzen einleitenden Worten pflegt er das Nötigste über den Dichter und seine Werke (von denen Bertuch auch ‚Nerto‘ übersetzt hat)[8] mitzuteilen, um darauf die anziehendsten Stücke der Mirèio, durch gedrängte Nacherzählung des Übergangenen verbunden, folgen zu lassen, und zwar in durchaus freiem Vortrage, dessen fesselnder Lebendigkeit und zugleich geschmackvoller Anspruchslosigkeit Berichterstatter von gutem Urteil wärmstes Lob erteilen. Wir wollten nicht versäumen, auf die Darbietung des Herrn Bertuch, über deren Ort und Zeit Näheres in Bälde mitzuteilen sein wird, rechtzeitig aufmerksam zu machen. (handschriftlich: verf. Von Prof. Ad. Tobler)[9]

Das Comité

Karl Frenzel.[10] Ludwig Fulda.[11] Herman Grimm.[12] S. E. Köbner.1 Wilhelm Lauser.2 Arthur Levysohn.3 Oscar Liebreich.[13] Richard M. Meyer.[14] Ludwig Pietsch.[15] Julius Rodenberg.[16] Carl Sachs. Siegfried Samosch.[17] Erich Schmidt.[18] Friedrich Spielhagen.[19] Friedrich Stephany.4 Adolf Tobler. Stephan Waetzoldt.[20] Otto N. Witt.[21] Ernst Wichert.[22] Julius Wolff.[23]

1 National-Zeitung

2 Nordd. Allgem Ztg.

3 Berliner Tageblatt.

4 Vossische Zeitung

 

[1] Es konnten keine Hinweise darauf gefunden werden, dass Schuchardt sich in der Folge für einen Vortrag Bertuchs in Graz eingesetzt hat.

[2] Der Text, auf den hier hingewiesen wird, und der im Wesentlichen Werbung für die Vorträge Bertuchs zu Mistral macht, liegt dem Brief bei und wird in der Folge als Briefbeilage wiedergegeben.

[3] Hermann Suchier (1848-1914), deutscher Romanist, der ebenfalls mit Schuchardt korrespondierte.

[4] Paris, Gaston. 1896. Penseurs et poètes. Paris: Calmann-Levy.

[5] Grimm, Herman.1897. 'Der Maler Eugène Burnand. Die Flucht Karl’s des Kühnen nach der Schlacht von Murten'. Deutsche Rundschau 93, 440-450.

[6] Welter, Nicolaus. 1899. Frederi Mistral, der Dichter der Provence. Marburg: Elwert.

[7]  Mistral, Frederi. 1893. Mireio. Provencalische Dichtung. Deutsch von August Bertuch. Straßburg: Trübner.

[8] Mistral, Frederi. 1891. Nerto. Provencalische Erzählung. Deutsch von August Bertuch.

[9] Adolf Tobler (1835-1910), Schweizer Romanist, der von 1867 bis 1910 an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin lehrte.

[10] Karl Frenzel (1827-1914), Autor und Theaterkritiker.

[11] Ludwig Fulda (1862-1939), Autor und Übersetzer.

[12] Herman Friedrich Grimm (1828-1901), Kunsthistoriker und Publizist.

[13] Oscar Liebreich (1839-1908). Mediziner und Pharmakologe.

[14] Richard M. Meyer (1860-1914), Germanist.

[15] Ludwig Pietsch (1824-1911). Maler und Autor.

[16] Julius Rodenberg (1831-1914). Journalist und Schriftsteller.

[17] Siegfried Samosch (1846-1911). Journalist und Schriftsteller.

[18] Erich Schmidt (1853-1913). Literaturwissenschaftler.

[19] Friedrich Spielhagen (1829-1911). Schriftsteller.

[20] Stephan Waetzoldt (1849-1904). Germanist und Romanist.

[21] Otto Nikolaus Witt (1853-1915). Chemiker.

[22] Ernst Wichert (1831-1902). Jurist und Autor.

[23] Julius Wolff (1834-1910). Dichter und Schriftsteller.