Senden hat offenbar funktioniert, aber es wird noch ein Bestätigungsmail verschickt, sobald die Änderungen angekommen sind.
Es hat etwas nicht funktioniert. Bitte den Inhalt in Word (o.Ä.) kopieren und per Mail schicken.

Brief (11-02324)

Bonn 8 Febr. 70.

Verehrter Herr Doctor!

Schon länger als zwei Monate liegen die Freiexemplare des 1. Theiles der Roman. Grammatik1 da und harren ihrer Erlösung. Unter diesen befindet sich, was sich von selbst versteht, auch ein für Sie bestimmtes, welches noch heute zu seinem Verleger (Weber) wandern, und von diesem auf dem Wege des Buchhandels an Sie befördert werden wird. Ich muß sehr um gütige Nachsicht bitten wegen dieser Nachlässigkeit. Sie liegt in einer gewissen Abneigung von allen praktischen Dingen, wozu meine Natur unwiderstehlich hinneigt. Dazu kommt aber für jetzt noch die Beschäftigung mit der 3. Ausgabe des Etym. Wörterbuches,2 für welche ich jede Minute berechnen muß. – Mit Vergnügen habe ich aus Ihrem Briefe ersehen, daß Sie sich demnächst als Privatdocent niederzulassen gedenken.3 Sie werden in Leipzig Gelegenheit haben, mit Ihrem ehemaligen Lehrer Ritschl4 und mit Ebert5 zu verkehren, um welchen Verkehr ich Sie in der That beneide. Gegenwärtige Zeilen werden Sie wohl in Gotha nicht mehr treffen. Daß Ihnen Schnellers Buch6 gefällt, freut mich. Auch ich halte es, freilich nur nach flüchtiger Ansicht (denn es ist für meine beiden neuen Ausgaben zu spät gekommen) für eine lobenswerthe Arbeit. Was Stengel7 betrifft, so hat er Eifer und, wie ich glaube, auch Fähigkeiten: er wird, wenn er bedächtiger zu Werke geht, künftig Besseres liefern.

Indem ich Ihnen herzlich Glück wünsche beim Antritt der von Ihnen gewählten Laufbahn, nenne ich mich

mit hochachtungsvoller Ergebenheit

des Ihrigen. F. Diez.


[1] Der 1. Band der überarbeiteten 3. Auflage trägt zwar das Jahr 1870, erschien wohl aber schon 1869.

[2] Diese beiden Bände erschienen ebenfalls 1870.

[3] Der letzte Brief. Hier Nr. 10.

[4] Zu Ritschl wird es keine eigene gedruckte Veröffentlichung der vorhandenen Briefe geben. Vgl. aber deren kommentierte Wiedergabe s. v. 'Ritschl' im genannten elektronischen Hugo Schuchardt Archiv (http://schuchardt.uni-graz.at).

[5] Adolf Ebert (1820-1890) Sprach- und Literaturwissenschaftler, Professor zuerst in Marburg, dann erster Innhaber des 1863 neu gegründeten Lehrstuhls für Sprachwissenschaft in Leipzig. Zahlreiche philologische Arbeiten zu Spätantike und Mittelalter, aber auch zur Literatur der Neuzeit. Nicht nur als Herausgeber des von ihm mitbegründeten Jahrbuchs für romanische und englische Sprache und Literatur (häufig genannt: Eberts Jahrbuch) hatte Schuchardt mit ihm über seine Leipziger Zeit hinaus Kontakt. Ebert war auch an Schuchardts Habilitation beteiligt. Vgl. den Eintrag s. v. Ebert im eben genannten Hugo Schuchardt Archiv.

[6] Christian Schneller (1831-1908) Lehrer und später in der Schulverwaltung tätig, beschäftigte sich mit Volkskunde (Sammlung von Volkserzählungen, Volkskunst) sowie den romanischen (italienischen und ladinischen) Varietäten in Südtirol, so auch sein Buch Schneller (1870), den Goten und anderen Themen des germanisch-romanischen Übergangs.

[7] Edmund M. Stengel (1845-1935) Romanist und Anglist, verfaßte seine Promotion bei Diez wenige Jahre nach Schuchardt zur Entwicklung des lateinischen Vokalismus in den Bündner Dialekten. Danach Professor in Marburg und Greifswald. Vorwiegend Mediävist.