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Brief (08-06402)

Santiago de Chile, 31. März 1926.

Herrn Professor Dr. Hugo SCHUCHARDT,
Johann Fuxgasse 30, GRAZ, Austria. Oesterreich.

Mein hochgeehrter Herr Kollege!

Mitte dieses Monats habe ich Ihre Abhandlung: “Der Individualismus in der Sprachwissenschaft“ erhalten und mit grösstem Genuss und Nutzen gelesen. Herzlichen Dank! auch für die Andeutung meiner Papiamentoarbeiten.1 Diesselben sind leider noch immer nicht im Druck; aber ich hoffe, sie in diesem Jahre so weit zu bringen. Seit Juli vorigen Jahres bin ich pensioniert; habe aber meine Kurse Castellano Tercer Año noch bis zu Ende geführt, damit meine Schüler noch vor mir Examen machen könnten. In den Ferien, Ende Dezember bis Anfang März war ich in “der chilenischen Schweiz“, in Puerto Varas am Llanquihuesee, der einzigen Gegend im Süden Chiles, die ich noch nicht kannte. Dort wird mehr Deutsch als Spanisch gesprochen! Vor 70 Jahren haben deutsche Kolonisten dort die Urwälder gerodet und in Kulturland verwandelt. Leider fand ich dort auch keinen einzigen Indianer mehr und hatte meine Estudios Araucanos umsonst mit genommen. Sonst hatte ich kein einziges Buch bei mir und habe mich mit Spaziergängen, Fahrten auf dem See, Baden und dergl. einmal gründlich ausgeruht. Ich hoffe nun also bald mein Papiamento beenden zu können. Dann hoffe ich noch eine zusammenfassende spanische Abhandlung über den chilenischen Volksdialekt und eine analytische Mapuchegrammatik zu schreiben. Ich hab[e] mir Sie und Wilhelm Wundt als Vorbilder genommen um nach dem 63. Jahre noch was nützliches zu tun. ¡Ojalá lo alcance! Vor einigen Tagen sandte ich Ihnen meine Schrift: “Sobre el estudio de idiomas“ worin ich auch Individuelles behandle.2

Viele Grüsse und beste Gesundheit! Ihr dankbarer
RLenz


[1] In seinem autobiographisch geprägten Text Der Individualismus in der Sprachforschung schreibt Schuchardt (1925b: 14): „Die Bedeutung der kreolischen Sprachen für die Sprachwissenschaft im allgemeinen wird allmählich anerkannt, vgl. besonders M. L. Wagner: Amerikanisch-Spanisch und Vulgärlatein (Z. f. rom. Phil. 1920).“ In einer ausführlich Fußnote zu dieser Stelle geht Schuchardt auf Meillet ein, um dann fortzusetzen: „[Die kreolischen Sprachen] sind zum großen Teil schon fixiert, ja zu einer gewissen Literatur gediehen, besonders das Papiamento von Curaçao, von dem wir übrigens eine ausführliche Darstellung aus bewährter Hand zu hoffen haben“ (Schuchardt 1925b: 14-15). Weiter geht die Ankündigung von Lenz‘ Studien zum Papiamento nicht, Lenz‘ Name bleibt unerwähnt.

[2] Der Aufsatz Sobre el estudio de idiomas (Lenz 1919) ist in Weiss (31986) nicht aufgeführt, findet sich aber im Nominalkatalog (digitalisierte Zettelkatalog) der Universitätsbibliothek Graz (Signatur: I 220.182) mit dem Hinweis „1931 (1./6.27): Nachl. Schuchardt /br.“. Das entsprechenden Exemplar trägt Schuchardts Exlibris.