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Brief (07-06401)

Santiago de Chile, 26. April 1925.

Herrn Prof. Dr. Hugo Schuchardt,
Universität, GRAZ, Oesterreich, Austria.

Mein hochgeehrter Herr Kollege!

Vor einigen Tagen brachte mir die Post Ihren Gruss mit dem Aufsatz “Das Baskische und die Sprachwissenschaft“.1 Ich habe das Heft mit grossem Genuss gelesen und mich sehr gefreut, dass ich in sehr vielen Punkten genau so denke wie Sie in bezug auf die allgemeine Sprachverwandtschaft und -entwicklung. Leider fühlte ich auch wieder das Unglück meiner Vereinsamung “im letzten Winkel der Welt“, wo ich ausser meiner eignen Bibli[o]thek kaum ein einziges wissenschaftliches Buch zu sehen bekomme. Seit dem Kriege habe ich keine wissenschaftlichen Zeitschriften aus Europa bekommen und im Instituto Pedagógico gieb[t] es solche überflüssigen Dinge wie Gröber’s Zeitschrift und Romania schon seit 1909 nicht mehr. Von den von Ihnen zitierten Büchern habe ich nur Meillet und Vendryes. Das Baskische hat mich seit lange[m] interessiert, vor allem, weil ich irgendwo gelesen hatte, dass seine Grammatik mit den amerikanischen Sprachen Ähnlichkeit haben sollte. Ich habe eine alte Grammaire von M. F. Lécluse (Bayonne, 1874). Als ich in Spanien war (Dezember 1921 bis März /22) habe ich Campion: Gramática bascongada und Lopez Mendizabal Diccionario castellano-euskera2 gekauft. Azkue war nicht zu haben! Damit habe ich mich auf meiner Heimfahrt nach Chile beschäftigt.

Bei meiner Rückkehr hatte ich das Unglück (!) meine Ernennung zum Rector des Instituto Pedagógico vorzufinden, ohne dass man mich vorher gefragt hätte. Nach ein paar Monaten gräuliche[r] Arbeit, es waren gerade Studentenstreiks, wurde ich von meinem Sekretär um etwa 10000 Pesos bestohlen und ich legte den Poste nieder durch all den Ärger gründlich ruiniert, so dass ich mehrere Monate arbeitsunfäig [sic] war. So kam es, dass ich überhaupt erst nach Ablauf des Jahres 1923 im Januar bis März /24 während der Ferien anfangen konnte mich mit meinem lieben Papiamento von Curazao zu beschäftigen. Während des Jahres hatte ich dann durch Bau in meinem Hause allerhand Extraarbeiten. Die Vorlesungen (18 Stunden wöchentlich!) machten mich müde und ich konnte erst diesen Januar bis März wieder weiterarbeiten. Jetzt habe ich die Grammatik so ziemlich fertig; es fehlt mir nur noch die Phonologie der eigentlichen Kreolenwörter. Wie viel ich dabei Ihren Kreolischen Studien verdanke,und den Aufsätzen in Gröbers Zft. XII, XIII, XXXIII und Romania XI, XX3 werden Sie hoffentlich noch in diesem Jahre lesen können. Was mich am meisten interessiert, ist, dass das Papiamento wohl die einzige Kreolsprache ist, die sich von der Negerkultur, dem Negerportugiesischen, bis zur wirklichen Kultursprache für europäisch Gebildete heraufgearbeitet hat und dabei doch ihre Negergrammatik beibehalten hat. Ich habe noch eine ganze Anzahl moderner Publikazionen aus Curazao erhalten darunter auch E Testament nobo uitgegeven door het Nederlandsc[h] Bijbelgenootschap, Amsterdam, 1916. Ich möchte mit meiner Arbeit (es sind bis jetzt etwa 150 Druckseiten) den Philologen Gelegenheit geben eine Kreolensprache wirklich praktisch kennen zu lernen; denn das Papiamento ist ja für jeden der Spanisch kann, in ein paar Minuten verständlich, was man von dem Negro-english Testament (London, 1901) nicht sagen kann.4 Es ist das einzig brauchbare Volapük, das beweist, dass die Grammatik der idg. Sprachen vom Teufel erfunden, zur Strafe für Babel! Nun, nochmal herzlichen Dank für alles, was ich Ihnen verdanke!

Mit herzlichstem Gruss, Ihr ergebenster
RLenz

Ich hoffe in den nächsten Wochen pensioniert zu werden und dann noch fleißig zu sein!5


[1] Das ist „Das Baskische und die Sprachwissenschaft“ (Schuchardt 1925a).

[2] Gemeint sind vermutlich die Gramática de los cuatro dialectos literarios de la lengua euskara (Campión 1884) und das Diccionario castellano-euzkera (López Mendizábal 1916).

[3] Neben den „Kreolischen Studien“ I-IX (Schuchardt 1882a, 1882b, 1883, 1884a, 1884b, 1884c, 1888d, 1888e, 1890)  handelt es sich um die „Beiträge zur Kenntnis des kreolischen Romanisch“ I-VI (Schuchardt 1888a, 1888b, 1888c, 1889a, 1889b, 1889c) sowie um „Die Lingua franca“ (Schuchardt 1909) und „Sur le créole de la Réunion“ (Schuchardt 1882c). Der Beitrag in der Romania, Band 20 ist vermutlich ein Versehen Lenz‘, in Lenz (1928: 27) wird – neben den hier angegebenen Studien – Alphonse Dietrich (1891), „Les parlers créoles des Mascareignes“, in Romania 20, 216-276 angegeben.

[4] Lenz bezieh sich möglicherweise auf eine Bibelübersetzung in Sranan, einer portugiesisch- und englischbasierten Kreolsprache in Suriname. Schuchardt publizierte dazu Die Sprache der Saramakkaneger in Surinam (1914).

[5] Am linken Seitenrand.