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Brief (04-06398)

Hamburg, Ibero-amerikanisches Institut,
Rotenbaumchaussee 36.
14. Juni 1921.

Herrn Professor Dr. Hugo Schuchardt,
Universität, GRAZ. Steyermark.

Sehr geehrter Herr Kollege!

Ich befinde mich seit einigen Wochen auf Urlaub in Deutschland u. habe die Reise mit einem holländischen Frachtdampfer “Almelo“ gemacht. Die Compagnie ist nicht empfehlenswert, da viele Holländer, darunter der Kapitän u. der erste Offizier durchaus nicht deutschfreundlich waren. Die Hygiene und Verpflegung war recht mangelhaft. Aber ich bin wohl der einzige Passagier, der Vorteil gehabt hat von der Reise. Die ersten 5 Wochen habe ich Holländisch gelernt und die letzten drei, von Curazao an, das Negerkreolisch der Insel, genannt “Papiamento“, eine tolle Misch[un]g von Portugiesisch, Spanisch und Holländisch mit flexionsloser Grammatik. Der Koch an Bord war ein Neger aus Curazao, und es waren noch drei teils schwarze, teils weisse Genossen an Bord, die auch Papiamento als Muttersprache anerkannten. Ich möchte nun gern wissen, ob Ihnen als Sachverständigen etwas von wissenschaftlicher Bearbeitung dieser Sprache bekannt ist. Ich hatte Ihre Kreolische Studien leider nicht an Bor[d,] sondern in Santiago gelassen; habe aber heute, bei flüchtiger Durchsicht auch nichts darin gefunden. Ich habe an 50 MSseiten Dokumente. Der Neger hat mir eine volkstümliche Geschichte, u. eine längere Geschichte, die er in einem Buch gelesen hat, sowie einige Volklieder und eigene Produkte in Prosa und Versen (!!) aufgeschrieben. Ich habe mir das vorlesen lassen, phonetische und andere Notizen dazu gemacht und glaube es lohnt der Veröffentlichung. Es gibt in der Sprache eigene Litteratur. Einen Abriss von elementarer Grammatik, ein inhaltlich geordnetes Wörterbuch und einen Orthographietraktat (!) Mischung von holländischer u. spanischer Schreibung habe ich in Curazao gekauft, andere Sachen bestellt. So einen Katechismus, den ein deutscher Kapuziner vom Bischoff bekommen hatte. Es erscheint auch eine Zeitung in Papiamento. Es ist also eine wirkliche lebende Sprache und nicht nur ein Verkehrsmittel zwischen zwei Fremden. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir Litteraturangaben irgendwelcher Art machen könnten, auch im allgemeinen über Negerspanisch oder holländische Einflüsse in Westindien. Wir haben ja in Chile seit 1915 überhaupt keine europäische Publikazionen mehr bekommen und seit 1908 nicht einmal die Zft. f. Rom. Phil.1 und Romania2 gehabt. Ich benutze meine Zeit hier in Hamburg um das nachzuholen. Hoffentlich kann ich bis September in Deutschland bleiben und dann bis Februar nach Spanien gehen. Aus Ihrer Zusendung von neueren Veröffentlichungen, die ich Mitte Februar kurz vor meiner Abreise erhielt, schliesse ich, dass Sie meine Oración y sus Partes3 aus Spanien bekommen haben. Ich möchte wohl wissen, was Sie dazu sagen.

Mit den besten Wünschen für Ihr Wohlergehen wartet sehnlichst auf Antwort (wenn auch noch so kurz) Ihr ergebenster
RLenz

Ich bleibe bis Ende Juni hier; obige Adresse wird aber auch weiterhin genügen.


[1] Die Zeitschrift für romanische Philologie wurde 1877 von Gustav Gröber (1844-1911) gegründet.

[2] Die Romania wurde 1872 von Gaston Paris (1839-1903) gegründet.

[3] Gemeint ist La oración y sus partes (Lenz 1920), das auch ein kurzes Vorwort von Ramón Menéndez Pidal (1869-1968) enthält. Das Werk wird in Weiss (31986) nicht erwähnt, ist aber an der Universitätsbibliothek Graz erhalten; das Exemplar mit der Signatur I 320531 trägt auch Schuchardts Exlibris.