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Brief (01-06397)

Santiago de Chile, 31. Juli 1892
casilla 844

Hochverehrter Herr Professor!

Durch die Übersendung Ihrer Rezension von Wulffs Arbeiten über das Andalusische und die Rolle des Akzentes in der Versbildung1 haben Sie mir in mehr als einer Hinsicht ein große Freude bereitet und mich zur gleicher Zeit an eine Dankespflicht älteren Datums erinnert. Ich habe nämlich vor etwa zwei Monaten von meinem Freunde Dr Moritz Goldschmidt in Wolfenbüttel2 Ihren Brief vom März vorigen Jahres3 erhalten. Derselbe hat den Ozean dreimal gekreuzt, ehe er in meine Hände gelangt ist. Das erste mal, als er vor einem Jahre ankam, ist er, ich weiß nicht durch welche Dummheit der Postbehörde, als unbestellbar wieder in die Heimat zurückgewandert. So konnte ich erst jetzt von Ihren schätzenswerten Winken betreff der Indianersprachen Kenntnis nehmen. Inzwischen hatte ich mich selbst nach der indianischen Litteratur etwas mehr umgetan und bin jetzt wenigstens im großen und Ganzen orientiert. Middendorfs Keshua- und Aimarágrammatiken [Notiz am Rand von Lenz: die übrigens als wissenschaftliche Werke höchst mangelhaft sind, so schön auch das Material ist. Er deutet ja nicht einmal an, daß es eigentlich ein Unsinn ist in einer agglutinierenden Indianersprache unsere grammatische Einteilung in Substantivum, Verbum, Pronomen etc zu finden. Nirgends ein Versuch die Wortbestandteile zu erklären! Vielleicht wage ich nächstens eine Rezension.] sind in meinem Besitz, die Chimusprache hoffentlich bereits unterwegs. 4 Hier auf der Nazionalbibliothek sind eine ganze Anzahl älterer und neuerer Werke; es giebt aber noch keinen Katalog und alles Material würde für mich gar nicht existieren, wenn mir nicht der Direktor den Zutritt zu den Büchersälen persönlich gestattet hätte. Da kann ich mir nun suchen, was ich brauche – und manchmal recht lange suchen, denn die Ordnung ist vorläufig nur geographisch gemacht und oft genug nicht inne gehalten. – Im übrigen ist es hier fast unmöglich in Amerika erschienene Werke zu erhalten, wenn man nicht am Erscheinungsort einen guten Freund hat; denn der Buchhandel ist hier noch recht embryonal. Man ist wesentlich auf den glücklichen Zufall angewiesen. Ich würde Ihnen daher sehr verpflichtet sein, wenn Sie mir vielleicht gelegentlich bei solchen Angelegenheiten behilflich sein wollten, - etwa mit der Tupibibliographie von do Valle Cabral, die Sie in dem Briefe an meinen Freund erwähnten.5 Ich bin gern zu Gegendiensten bereit, und würde Ihnen z. B.  Rodriguez‘ Diccionario de Chilenismos6 als Gegengabe anbieten können, wenn Sie das Buch noch nicht besitzen. – Mich interessieren in erster Linie allerdings nur die Indianersprachen auf heutigen romanischen Gebieten. Über das Araukanische bin ich schon ganz gut unterrichtet und habe es auch schon Ort und Stelle zu studieren begonnen. Hoffentlich werde ich in diesem Sommer einmal einen längeren Studienaufenthalt an der Frontera ermöglichen. – Die höchst interessante chilenische Lautlehre habe ich bereits in einer Reihe von Artikeln behandelt, die mit Ausnahme des letzten (vom März diesen Jahres) schon vor April des vorigen an Vietor für die Phonetischen Studien abgegangen und auch angekommen sind. Der Druck hat sich leider so verzögert, daß ich erst mit letzter Post die Nachricht von dem Korrekturlesen des ersten Abschnittes durch meinen Freund Goldschmidt erhielt.7  Die kleine Miszelle, die im vorigen Juni oder Juli bei Gröber in der Zft. f. rom. Phil. erschien, sollte eigentlich nur auf die Veröffentlichung in den Phon. Stud. hinweisen, die mir dadurch nahegelegt war, daß ich seit dem ersten Bande als Mitarbeiter der Phon. Stud. fungierte, ohne etwas geschrieben zu haben.8 Heute habe ich einen zweiten größeren Aufsatz an Gröber abgesandt, der höffentlich nur den Anfang einer längeren Reihe von Publikazionen bilden wird.9 Ich glaube er wird von Interesse sein. Ich habe, wie ich meine, sicher nachgewiesen, daß fast die gesammte Entwicklung der chilenischen Lautlehre auf den Einflusse des Araukanischen beruht, ein sprachhistorisches Faktum wie es in der Klarheit noch nie hat konstatiert werden können. So ist es mir denn hoffentlich abermals mehr oder weniger gelungen eine „Projekzion vom Höheren“ wie Sie es richtig nennen, zu unternehmen.10 – Was Sie an der betreffenden Stelle Ihrer trefflichen Rezension sagen hat mich aufrichtig gefreut. Ist es doch das erste Mal, daß meine Arbeit über die Palatalen von diesem Standpunkt aus richtig aufgefaßt wird. Wenn Sie es tadeln daß ich meine Beispiele nur aus den romanischen Sprachen gewählt habe, so sind Sie von Ihrem Standpunkt und bei der Weite Ihres sprachlichen Gesichtskreises durchaus im Recht. Es war ja auch keineswegs prinzipiell  von mir so gemeint. Ich wollte nur ein sicheres Material haben, und glaubte daher mich auf das mir gewohnte Gebiet beschränken zu müssen, um nicht infolge mangelhafter Sachkenntnis in falsche Beurteilungen zu verfallen. Deshalb ließ ich eine Anzahl Materialien die ich aus dem Sanskrit und besonders dem Litthauischen und Lettischen das ja so reich an Palatalentwickelungen ist, gesammelt hatte, schließlich fort, denn diese Sprachen waren mir nur aus oberflächlichem Studium aber nicht in ihrer ganzen Entwicklung bekannt. Es wäre ein Prunken mit geliehener und nur teilweise verdauter Gelehrsamkeit geworden, bei der der Kenner vielleicht doch irgendwo das Eselohr unter der Löwenhaut entdeckt hätte. Ich denke Sie werden diese Gründe als stichhaltig erkennen und dem Anfänger verzeihen der ehrlich genug ist sich den weiten Blick des Meisters nicht anzumaßen, so lange er ihn trotz Brillen und Fernrohre nicht hat.

Mit dem Chilenischen habe ich, glaube ich, Glück gehabt. Bisher habe ich noch keine Ahnung, ob sich eine ähnlich starke ethnologische Beeinflussung in Amerika noch einmal findet. Aber auch dieses eine Beispiel wird für die Sprachgeschichte von Wichtigkeit sein. Bei den Palatalen habe ich das „Wie“ der Entwickelung zeigen wollen, hier erkennen wir einmal klar das „Warum“. Wir werden nicht oft so glücklich sein, den inneren Grund eines Lautwandels so klar zu erkennen. Ich bin übrigens sehr neugierig, ob das von mir gebrachte Material auch andere ebensofest von meiner Behauptung überzeugen wird, wie ich davon überzeugt bin. – Ich wurde zuerst darauf gebracht, durch eine Zufällige Äußerung unseres alten deutsch-chilenischen Nestors der Naturwissenschaften, des Herrn Dr. Philippi,11 der einmal behauptete daß Wort zapallo könne nicht araukanischen Ursprungs sein, weil die Araukaner kein S u. Z hätten. Da wurde mir auf einmal klar, warum dem Chilenen das S so unangenehm ist; ich suchte nun in der arauk. Grammatik und fand dort das apiko-praepalatale tv, das der Chilene statt tr gebraucht als zweiten Angelpunkt. Alles übrige gruppiert sich um diese beiden Facta; und wenn nun auch etwa das frikative q statt g nicht auf indianischem Einflusse beruht, so ist damit dem Ganzen kein Abbruch getan, denn daß jeder Lautwandel überall selbständig vorkommen kann, ist, wie Sie richtig bemerken, kein Zweifel; nur das Zusammentreffen mehrerer Punkte kann die Wahrscheinlichkeit der ethnologischen Gründe vermehren.

Ihre Klage, daß das spanische Lautsystem noch keine genügende Bearbeitung gefunden, wird hoffentlich durch meine Chil. Stud. etwas weniges von ihrer Richtigkeit eingebüßt haben. Araujo12 ist, wie Sie mit Recht sagen, nur mit Vorsicht zu genießen. Mir scheint er hat die Lautphysiologie zwar eifrig studiert, aber noch nicht recht verdaut. Übrigens ist er eben ein Spanier und denen steckt im Sprachwissenschaftlichen der Kopf noch tief im Mittelalter. Kennen Sie seine gramática „razonada“ histórica(!)-crítica(!) des französischen? Sie prangt mit dem Wuste eines mittelalterlichen Polyhistors – echt spanisch. Aber Sie tuen ihm doch ein mal Unrecht. Wenn er das d von dragon neben t in atlas stellt, so ist dabei nur töricht sein Zeichen ʇ [U+0287, umgekehrtes kleines t]; er meint damit nicht die Kehlkopfartikulazion sondern die Zungenartikulazion. Sein d (ʇ) ist stimmhaft aber vollständiger Okklusivlaut, während sonst d im Spanischen unvollständig geschlossen, etwas frikativ ist. Aber der Stimmton bei aṯlas ist richtig; auch der gebildete Chilene und Peruaner sagt ad(ə)las ebenso wie tégnico statt técnico; ich habe beides in den Chil. Stud. erwähnt. Auch die Ausprache saluϑ kommt wirklich vor. Ich glaube allerdings vorläufig, daß sie ein Kunstprodukt der Schulaussprache ist. Daß sie irgendwo volkstümlich sei ist mir noch nicht bekannt.-

Die Arbeit von Wulff über das Andalusische ist mir leider nicht bekannt.13 Ich schreibe gleichzeitig an ihn14 um womöglich um einen Separatabdruck zu bitten. War es Zufall, daß ich gleichzeitig mit Ihrer Rezension von Herrn Prof. Wulff seine Abhandlg. über Akzent in der Versbildung und die Metodiska Ljudöfningar15 zugeschickt erhielt? Jedenfalls war jener Tag für mich ein Freudentag. Glauben Sie, verehrter Herr Professor, es tut einem hier doppelt wohl, zu erfahren, daß man noch nicht von allen Fachgenossen in Europa vergessen ist und ein solcher kleiner Ansporn ist hier nötig um nicht den Mut zum wissenschaftlichen Arbeiten zu verlieren, das bei dem Mangel von Bibliotheken und der Entfernung von den Druckorten nur eine halbe Freunde ist. Hier kann man auf Verständnis natürlich garnicht rechnen. Unsere ganze Facultad de Humanidades zählt unter den Chilenen nur einen einzigen Gelehrten, der diesen Namen verdiente, Don Diego Barros Arana, den Verfasser der großen Geschichte von Chile.16 Philologie ist im Südamerika ein unbekanntes Ding. Nur Cuervo ist, wie der alte Pott in einem in der Einleit[un]g des Lenguaje bagolano veröffentlichten Briefe sagte „ein weißer Rabe“.17 Ich fürchte man wird mich steinigen, wenn ich hier in den Analen der Universität publiziere, die Aussprache des Chilenischen stehe unter indianischem Einfluß!

– Nun, nochmals besten Dank von Ihrem ergebensten
D. Rudolf Lenz
Santiago de Chile casilla 844.


[1] Schuchardt (1892; HSA 261) geht in seinem Aufsatz, der weit mehr als eine Anzeige von Wulff (1889, 1891) ist, auch explizit auf Lenz' Artikel „Zur physiologie und geschichte der palatalen“ (Lenz 1888) ein und schreibt dazu: „R. Lenz hat in seiner Arbeit über die Palatalen den richtigen Weg eingeschlagen, nur hätte er, der doch hier Schleicher zum Vorgänger hatte, sich bei der Wahl seiner Beispiele nicht auf das Romanische beschränken sollen“ (Schuchardt 1892: 244). Insgesamt spricht sich Schuchardt an dieser Stelle für eine allgemeine Sprachforschung aus, die über die Grenzen der Romania auch hinausgeht. 

[2] Möglicherweise handelt es sich um Moritz Goldschmidt (1864-?), dermit einer Arbeit Zur Kritik der altgermanischen Elemente im Spanischen (Goldschmidt 1887) promovierte und einen Beitrag in der Festgabe für Wendelin Foerster (Goldschmidt 1902) veröffentlichte. Lenz war ebenfalls Beiträger zur Festgabe mit einen Aufsatz über „Die indianischen Elemente im Chilenischen Spanisch“ (Lenz 1902).

[3] Nicht ermittelt.                                                                                                   

[4] Ernst Wilhelm Middendorf (1830-1908) veröffentlichte zwischen 1890 und 1892 das sechsbändige Werk Die einheimischen Sprachen Perus. Der erste Band trägt den Titel Das Runa Simi oder die Keshua-Sprache, wie sie gegenwärtig in der Provinz Cuzco gesprochen wird (Middendorf 1890), der fünfte Band erschien unter dem Titel Die Aimara-Sprache (Middendorf 1891) und der sechste Band als Das Muchik oder die Chimu-Sprache (Middendorf 1892).

[5] Alfredo do Valle Cabral (1851-1894) verfasste die „Bibliographia das obras tanto impressas como manuscriptas, relativas á lingua tupi ou guarani tambem chamada lingua geral do Brazil“ (Cabral 1880-1881).

[6] Zorobabel Rodríguez (1839-1901) war Autor des Diccionario de chilenismos (Rodríguez 1875). Laut Weiss (31986: 64) war Schuchardt im Bestiz des Werks.

[7] Der erste Artikel erschien als „Chilenische Studien. I.“ (Lenz 1892) in der von Wilhelm Vietor herausgegebenen Zeitschrift Phonetische Studien. Auf der ersten Seite des Artikels verweist Lenz auf die „einschlägigen Arbeiten“ zu „kreolischen und ähnlichen mischdialekten“ von Schuchardt und Coelho, die ihm „nicht erreichbar“ waren (Lenz 1892: 272). Der Artikel ist unterschrieben mit Datum des 9.1.1891. Die „Chilenische[n] Studien. II. III.“ erschienen erst als Lenz (1893b), unterschrieben mit 9.3.1891,.   

[8] Der Beitrag „Zur spanisch-amerikanischen Formenlehre“ (Lenz 1891) erschien in der Zeitschrift für romanische Philologie. Auf S. 519 wird in einer Fußnote auf den geplanten Artikel in den Phonetischen Studien verwiesen.

[9] Der Aufsatz erschien unter dem Titel „Beiträge zur Kenntnis des Amerikospanischen“ in der Zeitschrift für romanische Philologie (Lenz 1893a) und ist im Inhaltsverzeichnis mit 31.7.1892 datiert. In einer Fußnote auf S. 190 erwähnt Lenz Schuchardts Rezension von Wulff, die ihm „[i]n diesen Tagen“ von Schuchardt zugeschickt worden sei.

[10] Schuchardt schreibt in seiner Rezension von Wulff: „Jene verwirrende Buntheit welche die romanische Lautgeschichte selbst in der Darstellung des weite Umschau haltenden und tiefen Einblick anstrebenden Meyer-Lübke zu einer der unerquicklichsten Partien aller Wissenschaft macht, kann nur vereinfacht und geklärt werden wenn wir in ihr die Spezialisierungen von Allgemeinerem, die Projektionen von Höherem suchen,“ und schließt daran seine positive Bezugnahme auf Lenz an (Schuchardt 1892: 244).

[11] Rudolf Amandus Philippi (1808-1904), Botaniker und Zoologe, wanderte 1851 nach Chile aus und übernahm 1853 einen Lehrstuhl für Zoologie und Botanik an der Universität in Santiago. Er folgte seinem Bruder, Bernhard Eunom Philippi (1811-1852), der für die Organisierung der Migration von Deutschen nach Chile im 19. Jahrhundert eine wichtige Rolle gespielt hatte, vgl. Zirnstein (2001) und Lindgren (2001).

[12] Schuchardt kritisiert zu Beginn seiner Rezension von Wulff den Artikel F. Araujos „Recherches sur la phonétique espagnole“ in den Phonetischen Studien (Araujo 1890, 1892).

[13] Gemeint ist Frederik Amadeus Wulff (1845-1930), Un chapitre de phonétique avec transcription d’un texte andalou (Wulff 1889), das von Schuchardt (1892) rezensiert wurde.

[14] Es konnten bislang keine Briefe von Lenz an Wulff ermittelt werden.

[15] Gemeint ist Wulffs 'Von der Rolle des Akzentes in der Versbildung' (Wulff 1891), das ebenfalls von Schuchardt (1892) rezensiert wurde, sowie Metodiska ljudöfningar (Lyttkens & Wulff 1892). Ob es Zufall war, darüber lässt sich nur spekulieren. Eine brieflicher Kontakt zwischen Schuchardt und Wulff ist nicht dokumentiert.

[16] So wird der chilenische Historiker und Politiker Diego Barros Arana (1830-1907) auch fast wortgleich in Lenz (1893a: 212) beschrieben. Barros Arana verfasste unter anderem die sechzehnbändige Historia General de Chile (Barros Arana 1884-1902).

[17] Der kolumbianische Philologe Rufino José Cuervo (1844-1911) stand sowohl mit Lenz als auch mit Schuchardt in Briefkontakt. Beide Briefwechsel wurden publiziert vom Instituto Caro y Cuervo in Bogotá in der Reihe Archivo epistolar Colombiano. Der Briefwechsel mit Schuchardt wurde publiziert Bross (1968) und von Schütz (1976). In Schütz (1976) sind außerdem die Briefwechsel zwischen Lenz und Cuervo sowie zwischen Cuervo und August Pott publiziert. Aus letzterem stammt das von Lenz gebrachte Zitat vom „weißen Raben“ ursprünglich.