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Brief (21-10282)

Graz 23. III. '23

Verehrter Freund

Hier meine unmaßgeblichen Antworten auf Ihre zwei sprachgeschichtlichen Fragen

1. Nerau } ni ere au ist formal einwandfrei; begrifflich erregt das ere Bedenken. Es befindet sich geradezu im Widerspruch zum Demonstrativ au. Wenn z. B. ein Sohn zu seinem Vater sagte: „ ich werde die und die Arbeit verrichten“ und der Andere ihm erwidern wollte: „nein, ich werde sie tun“, so wird er gewiß nicht „auch“ hinzusetzen; das gäbe einen fast entgegengesetzten Sinn: „ich werde sie ebenfalls (also in Gemeinschaft mit dir) tun[“]. Die Hervorhebung des Personalpronomens durch ein hinzugefügtes Demonstrativ findet sich in den verschiedensten Sprachen: ich hier, du da, er dort. Das -r-  ließe sich als sog. „euphonisches“ erklären wie wir es ja häufiger im Bask. finden: Pedro-r-i, ti-r-eso. Im Grunde ist es ein „analogisches“.

2. Gegen eine Verknüpfung des bask. -tu mit germ. zu, to läßt sich wiederum der begriffliche Einwand erheben: zuri-tu ist nicht engl. to whiten, d. zu weißen sondern whiten-e-d, geweiß-t: Warum nicht das baskische Suffix mit dem germanischen Suffix vergleichen, das ja im Arischen alt und weit verbreitet ist: gelieb-t, gaphtós, ama-tus? Dadurch wird uns der Zusammenhang klar; das bask. -tu ist aus dem Lat. oder Span. entlehnt: urkatu ist (a)horcado. Ich würde befürchten des extrañerismo beschuldigt zu werden und bei Ihnen in Ungnade zu fallen, wenn nicht Sie selbst das Suffix -dura (-tura) als deaspectoextraño bezeichnet hätten. -Tu und -tura gehören aber unstreitig zusammen: beztitu, beztitura. Wenn wir vom Baskischen ausgehen, bekommt die Sache noch mehr Licht. Im Bask. haben wir drei Partizipialendungen -n, -i, -tu. Das beruht auf den verschiedenen Bedingungen. Die beiden ersten Endungen wechseln miteinander, je nachdem der Stammauslaut ein Vokal oder ein Konsonant ist: ema-n, ikus-i (auch im Deutschen haben wir eine doppelte Pz-endung: gewonnen, erreicht, aber da ist der Unterschied ganz anders begründet). Für -tu aber lassen sich keine besondern Bedingungen entdecken, es erscheint nach allen Vokalen und Konsonanten, und nur als fremder Eindringling ist es begreiflich, das sich von den fremden Verben auf echte, d. h. altbaskische ausgebreitet haben würde.

Um gütige Mitteilung von Gegenargumenten bitte ich höflichst.

Sie richten die Frage an mich auf welchem Wege am Besten und Sichersten Geld an den Pfarrer Jos. Schlögl (so! nicht Schlödl) zu schicken wäre. Sie haben diese Frage schon einmal an mich gerichtet und ich habe sie beantwortet: Papiergeld im Brief, keinen Scheck! das letztere ist für den Empfänger unbequemer, langwieriger und teurer. Der Pfarrer der mich zweimal besucht hat, war vollständig mit dieser Erledigung einverstanden. Hat es irgend einen besondern Grund daß Sie mir die Frage wiederholen?

Zu Ihrer Salzburger Auslage von 9.200 Kr. bemerke ich nachträglich daß Sie wohl die Fremdensteuer bezahlt haben müssen, nämlich das Doppelte von dem was die Einheimischen zahlen.

Wenn wir nur endlich zur Ruhe und Ordnung gelangten! Jetzt ist z. B. wieder eine passiveResistenz der Postbeamten im Gang; wahrscheinlich bekommen Sie diesen Brief mit starker Verspätung.

Ich weine noch immer am Grabe des Baskischen Sprachatlas. So viele Hoffnungen sind vernichtet!

Mit herzlichstem Gruß
Ihr getreuer

HSchuchardt