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Brief (05-10280)

Graz, III, Villa
Malwine, 17.7.´14

Hochwürdiger Herr!

Erstens habe ich mich sehr gefreut endlich wieder einmal Ihre Handschrift zu lesen.

Zweitens darüber daß Sie sich der baskischen Sprachwissenschaft von Neuem zuzuwenden beabsichtigen wenngleich ich bedauere daß Sie damit für einige Zeit auf Ihre Lieblingsbeschäftigung verzichten. Aber niemand kann zwei Herren dienen. Und die Baskologie bedarf Ihrer dringend; ohne Sie kommen wir nicht vorwärts.

Ich kann augenblicklich nicht feststellen was Sie mit der iberischen Inschrift des P. Fita meinen. Hat er selbst eine solche gemacht?

Ich kenne das in Berlin erschienene Buch nicht, auf das Sie anspielen, ich glaube auch nicht daß in einem solchen vom Baskischen in Zentralasien gesprochen worden ist, und wenn – dann ist es eitel Phantasterei. Ebensowenig sind ernst zu nehmen Amador de los Rios und der Abbé Espagnol.

Auf Ihre Anfrage, welche linguistischen Hilfsmittel ich Ihnen empfehlen würde, ist es sehr schwer zu antworten. Ich müßte wissen welches Ihre besondern Bedürfnisse sind, worauf es Ihnen zunächst ankommt. Wir besitzen ja eine Reihe von Zeitschriften für Sprachwissenschaft, aber sie enthalten doch nur für Spezialisten – Indoeuropäisten, Romanisten, Semitisten, Uralaltaisten usw. – Genießbares, mit andern Worten, sie setzen gründliche und ausgedehnte Kenntnisse auf einem oder dem andern Gebiete bei den Lesern voraus. Sehen Sie sich z. B. einmal die Mémoires de la Société de linguistique von Paris an, und sagen Sie mir dann ob sie Ihnen – von einzelnen Anregungen abgesehen – einen wirklichen Nutzen gewährt haben.

Was nun einzelne Bücher anlangt, so könnte ich Ihnen gerade französische nicht vorzugsweise empfehlen, – doch keineswegs weil ich ein nationalistisches Vorurteil für deutsche hätte. Aber abgesehen davon daß die Sprachwissenschaft so viel zahlreichere Vertreter, Anhänger, Liebhaber in Deutschland hat, als in Frankreich, ist bei uns eine Art der Veröffentlichung außerordentlich verbreitet, die in Frankreich so viel ich sehe, wenig gepflegt wird, nämlich die von kompendiösen, elementaren Handbüchern in verschiedenen Sammlungen. Ich lasse Ihnen durch meinen Buchhändler einige dieser Art, deren Gegenstände sprachwissenschaftlicher Natur sind, aber nicht der gleichen Kategorie angehören, zuschicken mit der Bitte sie als Zeichen meines Interesses an Ihrer baskologischen Tätigkeit zu betrachten. – Für heute bitte ich mich zu entschuldigen, ich fühle mich in diesen Tagen – infolge des abscheulichen Wetters – so wenig wohl daß ich die Feder nur mit Widerstreben handhabe. – Ich werde Ihnen demnächst Weiteres schreiben, hätte aber allerdings inzwischen gern erfahren, wie Sie sich eine baskische Akademie denken d. h. welche Aufgabe Sie ihr zuteilen wollen.

Mit freundschaftlichstem Gruß
Ihr ergebener

H. Schuchardt