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Brief (02-04809)

Basel, den 11. Okt. 1909

Hochverehrter Herr Hofrat,

Ihre Karte aus Brioni habe ich erhalten; da ich aber nicht weiss, wie lange Sie dort verweilen, antworte ich nach Graz. Mit der „Schörgelgasse“ ist es mir eigentümlich genug gegangen. Offenbar in Erinnerung an die Station Wörgl, die auf meiner Reiseroute lag, machte ich daraus eine „Wörglgasse“ und fragte nun links und rechts nach einer solchen. Schließlich einen Tramwayschaffner, der mir versicherte, es gebe eine |2| Wörglgasse; aber er erinnere sich augenblicklich nicht, wo sie liege. Erst in der früheren Wohnung Meringers erfuhr ich den richtigen Namen. Ein freundliches Geschick wollte es also, dass die bei Ihnen gepflogenen sprachpsychologischen Betrachtungen weiter wirken sollten.

Ich habe seither Ihren Aufsatz in den Σtpφϻαtεις [1] gelesen und war auf das freudigste berührt durch die völlige Übereinstimmung der darin ausgesprochenen Anschauungen mit den meinigen über die Bewegung von Sprache und Sitte. Ich bin s. Z. von Strack[2] wegen meiner Nachahmungstheorie ziemlich heftig ange|3|griffen worden[3] und habe daraufhin in den Hess. Blättern für Volkskunde meine Ansicht noch schärfer präzisiert.[4] Leider besitze ich keinen Separatabzug mehr davon, um Ihnen für Ihr Stimulans zu danken.

Darf ich zum Schluss noch eine Bitte aussprechen, hochgeehrter Herr Hofrat? Es kommen Ihnen wohl hin und wieder Gegenstände in die Hand, die Sie für sich selbst nicht zu behalten wünschen oder die Sie schon besitzen. Sie würden mich nun zu großem Dank verpflichten, wenn Sie mir diese Dinge für unsre ergologische Sammlung zuwenden wollten.[I] Gerade |4| Fischereigerät wäre für uns von großem Wert (aber auch Landwirtschaftliches: gezähnte Sicheln u. dgl). Ich stelle mich für alle mir möglichen Gegendienste von Herzen gern zur Verfügung.

Unterdessen zeichne ich in achtungsvollster Ergebenheit

EHoffmann-Krayer

[I] sämtliche Spesen natürlich zu unsern Lasten.



[1] Schuchardt, Hugo. 1909. ‘Sprachgeschichtliche Werte‘. In Strōmateis. Grazer Festgabe zur 50. Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner 155-172 [Archiv-/Breviernummer: 579].

[2] Adolf Strack (1860-1906) war zwischen 1902 und 1905 Herausgeber der Zeitschrift Hessische Blätter für Volkskunde, die seit 1902 von der Hessischen Vereinigung für Volkskunde veröffentlicht wurde.

[3] Strack, A. 1902. ‚E. Hoffmann-Krayer, Die Volkskunde als Wissenschaft‘. In Hessische Blätter für Volkskunde 1: 160-166.

[4] Hoffmann-Krayer, E. 1903. ‚Naturgesetz im Volksleben?‘. In Hessische Blätter für Volkskunde 2: 57-64.