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Brief (10-t00862923_5)

Gotha 1/12/69.

Hochverehrter Herr!

Gestatten Sie mir, Ihnen für die auszeichnende Anerkennung, deren Sie in der kürzlich erschienenen 3ten Auflage Ihrer Grammatik, noch dazu an einer so in die Augen fallenden Stelle, mein Buch würdigen, den lebhaftesten Dank auszusprechen.1 Ein solch zusammenfassendes Urtheil thut um so wohler, als die von Zeit zu Zeit sich wiederholende Erkenntniß wie man im Einzelnen gefehlt habe, von dem Werthe der eigenen Leistung geringer und geringer denken läßt.

Ich bin seit dem April d. J. aus Italien zurückgekehrt und denke noch in dieser Woche mein Gesuch um Zulassung zu den Habilitationsleistungen in Leipzig einzureichen.2 Die Ausarbeitung des in Rom Gesammelten habe ich aufgeschoben und statt dessen aus dem Kreise des Graubündner Romanisch das Thema meiner Habilitationsschrift gewählt. E. Stengels Abhandlung über den rätorom. Vokalismus3 hat mich, offen gestanden, nicht befriedigt, da sie zu starke Mißverständniße und Mißgriffe enthält. Sehr erwünscht aber kommt mir noch Ch. Schneller's außerordentlich verdienstliches Buch,4 in dem nun freilich einige Observationen vorweg genommen sind. Auszusetzen wäre vielleicht bei ihm, wie bei Anderen, daß er bei der Wortableitung mit dem Meister zwar dieselben Lautgesetze, aber nicht immer das gleiche Maßhalten in der Anwendung derselben bekennt!

Mit der ausgezeichnetsten Hochachtung,
verbleibe ich, verehrter Herr,
Ihr ganz ergebener

Hugo Schuchardt.


[1] Vgl. oben die Einführung. Diez hatte in seinem Vorwort zur 3. Auflage der Grammatik einzig die Dissertation Schuchardts namentlich als wichtigen ergänzenden Beitrag zu seiner seiner eigenen Arbeit genannt.

[2] Schuchardt hielt Ende April 1870 den Probevortrag (erst wesentlich später veröffentlicht: Schuchardt 1900) im Rahmen seiner Habilitation in Leipzig (Habilita­tionsschrift: Schuchardt 1870). Beide Arbeiten zählen in empirischer wie theoretischer Hinsicht zu den Klassikern der romanischen Sprachwissenschaft und bringen sein Forschungsparadigma klar auf den Punkt.

[3] Edmund M. Stengel (1845-1935) Romanist und Anglist, verfaßte seine Promotion bei Diez wenige Jahre nach Schuchardt zur Entwicklung des lateinischen Vokalismus in den Bündner Dialekten. Danach Professor in Marburg und Greifswald. Vorwiegend Mediävist.

[4] Christian Schneller (1831-1908) Lehrer und später in der Schulverwaltung tätig, beschäftigte sich mit Volkskunde (Sammlung von Volkserzählungen, Volkskunst) sowie den romanischen (italienischen und ladinischen) Varietäten in Südtirol, so auch sein Buch Schneller (1870); desweiteren Studien zu den Goten und anderen Themen des germanisch-romanischen Übergangs. Schneller hatte in Wien Sprachwissenschaft studiert. Wen Schuchardt hier als 'Meister' bezeichnet, ist nicht klar. Eventuell Diez in dessen vobildhafter Funktion.