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Brief (17-nl_224_004-006)

Graz 2 Febr. 1885.

Hochverehrter Herr,

Ich danke Ihnen herzlichst für die Uebersendung Ihrer Schrift: "Zur Kritik der neuesten Sprachforschung" die ich gestern durchflogen habe, eine aufmerksamere Lectüre auf später verschiebend. Sie wird durch ihre klare Erörterung so wichtiger Fragen ebensowie durch ihre milde versöhnliche Haltung weit und gut wirken.

Wenn ich von mir reden darf, so habe ich mich dem "Junggrammatikerthum" gegenüber immer durchaus feindlich verhalten sei es was seine Aufstellungen selbst, sei was es seine Ansprüche auf die Neuheit derselben anlangt. Was Sie über die Consequenz der Lautgesetze sagen, das möchte ich fast Wort für Wort unterschreiben.1 Am Liebsten vermiede ich sogar den Ausdruck "Lautgesetze"; denn es lässt sich nicht läugnen dass hier, wie so oft, das Wort die Auffassung der Sache geschädigt hat. Ich habe stets nur andeutungsweise meinen Standpunkt zu den Junggrammatikern gekennzeichnet, einerseits weil ich sah dass schon von Andern das gesagt wurde was ich hätte sagen können, und sodann weil ich mich nicht gern in einen persönlichen Gegensatz zu Leuten setzen wollte die mir befreundet sind und deren wissenschaftlichen Leistungen ich im Uebrigen die grösste Anerkennung zollen muss. Nur Osthoff's Auftreten hat mich hie und da wirklich geärgert; er ist meiner Ansicht nach an der Verschärfung wirklicher oder vermeintlicher Gegensätze schuld.

Analogist bin ich in hohem Grade und zwar vermag ich, wie ich schon zu Anfang der 70er Jahre ausgesprochen habe, eine so wesentliche Verschiedenheit älterer und jüngerer Sprachperioden, wie Sie sie wiederum hier S. 66 f.2 annehmen, weder mir aprioristisch zu erklären noch durch die Thatsachen bestätigt zu sehen. Freilich bin ich in Bezug auf Letzteres Laie; denn ich habe mich nie in selbständiger Weise mit jenen älteren Sprachstufen beschäftigt die Ihnen besonders vor Augen liegen. Die oberflächliche Weise, wie so vielfach, besonders wiederum von Osthoff, mit Analogiebildungen operirt wird, ist auch mir zuwider.3

Ich bitte mir zu verzeihen dass ich mich so unumwunden geäussert habe. Von Herzen freue ich mich dass Sie von schwerer Krankheit genesen sind und wünsche dass Sie nun dauernde Gesundheit und Arbeitskraft geniessen mögen.4

Erkenntlich auch für das spontane Gedenken, bin ich
in ausgezeichneter Hochachtung
Ihr aufrichtig ergebener

Hugo Schuchardt


[1] Curtius behandelt im ersten Kapitel seiner Schrift "die Frage, in welchem Umfange der Lautwandel der Sprachen ein völlig consequenter ist" (Curtius 1885: 4). Er unterscheidet zwischen konstantem und sporadischem Lautwandel (vgl. Curtius 1885: 7) und kritisiert am junggrammatischen Grundsatz Aller Lautwandel, soweit er mechanisch vor sich geht, vollzieht sich nach ausnahmslosen Gesetzen zunächst den Teil "soweit er mechanisch vor sich geht", da dies nichts anderes bedeute als "so weit nicht Analogie in Betracht kommt"; er paraphrasiert den Grundsatz folgendermaßen: "Es gibt in den Sprachen überhaupt keine Lautbewegung, welche nicht entweder auf einem Gesetze beruht, das während eines begrenzten Zeitraums für ein bestimmtes Sprachgebiet ausnahmslos gilt, oder aus Analogie hervorging". Darüber hinaus würde sich die Behauptung auf alle Sprachen erstrecken und sich als eine Wahrheit darstellen, die weder bewiesen werde noch eines Beweises bedürfe, so dass sie zurecht als "Axiom" bezeichnet werden könne (Vgl. Curtius 1885: 8-9). Zur Untermauerung seiner Kritik führt er neben diversen Sprachbeispielen auch ausgewählte Zitate von Kollegen (auch von Junggrammatikern!) an. Delbrück beispielsweise habe "offen eingeräumt, 'auf induktivem Wege kann die Ausnahmslosigkeit der Lautgesetze nicht bewiesen werden'. Wir fragen unwillkürlich, ob denn dies auf deductivem Wege möglich ist." (Curtius 1885: 12). Schuchardt sieht die Sache ähnlich: "Die Lehre von der Ausnahmslosigkeit der Lautgesetze lässt sich nach dem Gesagten ebensowenig auf deductivem wie auf inductivem Wege beweisen; wer ihr anhängt, muss sich zu ihr als einem Dogma bekennen" (Schuchardt 1885: 29).

[2]  Curtius vertritt hier die Meinung, dass jüngere Sprachperioden mehr Analogiebildungen aufweisen als ältere und sieht dies nicht zuletzt dadurch bestätigt, "dass man vorzugsweise in neueren Sprachen, namentlich den romanischen, zuerst auf diese Bildungen aufmerksam geworden ist, und dass auch anderswo, z. B. im Lateinischen, unverkennbare Analogie­bildungen grossentheils der späten Zeit angehören" (Curtius 1885: 66).

[3] Curtius verweist in diesem Zusammenhang im zweiten, der Analogie gewidmeten Kapitel seiner Schrift auf Osthoff: "Die Freunde dieser Methode, deren eifrigster mir Osthoff zu sein scheint (vgl. unter anderm 'Das Verbum in der Nominalcomposition S. 326'), führen überall so zu sagen ein doppeltes Conto oder Budget, ein ordinarium, das möglichst, ja wie wir sahen, in unberechtigtem Masse, knapp gehalten wird, das Conto für die regelmässige Lautüberlieferung, mit dem man im wesentlichen fertig zu sein glaubt, und das extraordinarium von unabsehbarer Ausdehnung und uncontrolirbarem Inhalt" (Curtius 1885: 46).

[4] "Vom jahre 1881 an, wo ihn [sc. Curtius] am 10. März, dem ersten tage der osterferien, eine ohnmacht auf der rückkehr von einem spaziergang befiehl, verschlimmerte sich sein gesundheitszustand, und im Februar und März 1884 lag er schwer darnieder an einer herzbeutelentzündung. Infolge davon musste er auch seine akademische tätigkeit wesentlich einschränken, so schied er z. b. aus der prüfungskommission aus. Doch erholte er sich mit merkwürdiger elasticität, und gerade im sommer 1885 befand er sich nach dem zeugniss aller, die ihn damals gesehen, wohler denn je" (Angermann 1886: 339).